Oldtimer-Werkstatt

Legendäre Opel-Welt

Ein Besuch in der Oldtimer-Werkstatt des Opel-Altwerks beeindruckte rund 60 Besucher des Winterprogramms der Route der Industriekultur Rhein-Main zum Thema „Gestaltung“. Uwe Mertin, Leiter von Opel Classic Europe, George Gallion, früherer Chefdesigner von Opel, und Auto-Restaurator Jens Cooper gaben Auskünfte.

Von CHARLOTTE MARTIN

Männerherzen schlugen höher, als sich für die gut 60 Autofans am Mittwoch das Tor zur Automobilsammlung Opel Classic öffnete: Bärbel Maul vom Stadt- und Industriemuseum und Uwe Mertin, Chef bei Opel Classic Europe, hatten den außerordentlichen Rundgang durch die Halle mit legendären Opel-Modellen organisiert.

Mit dem Shuttle-Bus fuhr die Gruppe direkt vors Tor, hinter dem die Limousinen von Opel Kapitän bis Opel Diplomat oder auch der umwerfende Opel Rakete von 1928 nebst Motorradversion ausgestellt werden. Bewundernde Blicke streiften durch die motorisierte Welt, studierten die Formen – ob schnittig, ob behaglich, ob extravagant oder sportlich.

Hinreißend: Der lindgrüne Opel Kadett von 1936, der mit mollig gearbeitetem Kühlergrill und runden Scheinwerferaugen vor allem die Damen entzückte. Dass nämlich Automobile vormals „Gesicht“ zeigten, dass an Form und Name gefeilt wurde, bis ein unverwechselbares, rollendes Kunstwerk entstand, davon berichtete ein berühmter Mann: George Gallion stand im Fokus der Autofans, ein großer Mann der Opel-Geschichte.

Der Chefdesigner war lange Jahre dafür verantwortlich, wie Opel- Modelle aussehen. So entstanden etwa der legendäre Opel Manta, der schnittige CD und der „Ur-Monza“ (1977) des neuen Monza GSE am Zeichenbrett von Gallion, der 1966 in die „Styling“-Abteilung des Rüsselsheimer Autobauers kam. Bis 2002 wirkte hier der Mann mit Benzin im Blut, ein Genie der Entwicklung formschöner, gewagter Autos am Zeichentisch und wies als Chef andere Talente ein. Ein großer Augenblick war es für die Besucher, als originale Zeichnungen von Gallion herumgereicht wurden. Fantastisch, diese gestrichelten, locker hingeworfenen Automodelle zu betrachten, von denen einige später tatsächlich gebaut wurden und manche gar Welterfolg feierten.

In der Oldtimer-Werkstatt ist Restaurator Jens Cooper, der sich sichtlich über den Besuch des Vaters der Limousinen freute, täglich von der materialisierten Kreativität Gallions umgeben. Ein traumhafter Arbeitsplatz, um den ihn wohl mancher beneidet. Imposant: Der Opel-CD, ein Flitzer von nur 1,11 Metern Höhe und fast fünf Metern Länge in sattem Rot, eine Sternstunde atemberaubender Autoträume aus den siebziger Jahren. „Designer hatten damals Zeit zum Träumen, warfen etwas aufs Papier, verwarfen es wieder. Und wenn du uns im Café sitzen sahst, wie wir Rückseiten von Rechnungen mit dem Bleistift bemalten, dann entstand vielleicht gerade ein Top-Modell“, beschrieb Gallion, der gebürtige Amerikaner, der Industriedesign studiert und zunächst bei General Motors gearbeitet hatte, die kreativen Prozesse.

Uwe Mertin, seit 2013 Chef von Opel Classic, sprach auch den „Porschejäger“ an, den Opel mit Spitznamen „Schwarze Witwe“ der sechziger Jahre, und ließ damit nicht nur Gallions Pulsschlag hochschnellen: Das Publikum betrachtete hingerissen Abbildungen und Original des Wagens, mit dem sich Opel Ende der sechziger Jahre erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg zurück in den Rennsport wagte. „Wild, kraftvoll, schnittig“ waren Attribute, mit denen George Gallion die legendäre Welt des „Car-Designs“ umschrieb. „Opel war europaweit der erste Automobilhersteller mit einer eigenen Design- beziehungsweise Styling-Abteilung“, merkte Mertens in diesem Zusammenhang an.

Freilich: Die Zeiten haben sich geändert, Bedarf und Ansprüche der Kunden sowie der Wirtschaft auch. Später wurde Autobau pragmatischer, heute dominieren die Farben Weiß, Schwarz, Silber. „Vieles sieht gleich aus“, so George Gallion, er sei aber zuversichtlich, dass sich dies ändere. Ein letzter Blick galt dann natürlich noch dem knallgelben Opel Manta als sportliches Männerauto der Sechziger schlechthin. Dann ging’s zurück in den Shuttle-Bus, seufzend: „Ne tolle Zeit für tolle Autos damals.“

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