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Schulpsychologe, Reisebüro, Sekretariat und Erziehungsbeauftragter in einem: Das müssen Lehrer heute immer öfter sein.

Anonym

Ich bin Lehrerin. So ist es wirklich an der Schule.

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Heute ist Weltlehrertag. Eine Rüsselsheimer Lehrerin erzählt anonym, wie es wirklich ist, ihren Beruf auszuüben.

Wer in diesem Beitrag Horror-Geschichten über unartige Schüler, ausgebrannte Lehrer und furchtbare Unterrichtsbedingungen erwartet, wird enttäuscht sein. Denn Annalena Berger (Name von der Redaktion geändert) liebt ihren Job. Sie unterrichtet seit über zehn Jahren an einer weiterführenden Schule in Rüsselsheim.

„Mir macht der Beruf nach wie vor Spaß“, erzählt sie. Natürlich gebe es auch andere Dinge, die sie gern ausprobiert hätte, aber im Grunde möchte sie nichts anderes machen. Berger ist ein ordentlicher Mensch, strukturiert und engagiert. Vielleicht gefällt ihr der Beruf gerade deshalb. „Man sagt ja: ‚Lehrer haben vormittags recht und nachmittags frei’. Das stimmt schon ein bisschen“, sagt sie schmunzelnd. Aber dafür verlagerten sich ja die Arbeitszeiten auf Nachmittage und Wochenenden. Dass sie auch mal am Sonntag etwas arbeitet, sei für sie normal.

Für ihren Unterricht investiere sie auch manchmal mehr Zeit und Geld – einfach, weil sie den Schülern etwas bieten möchte. Dass das nicht selten anstrengend ist, gibt sie zu. „Ich bin quasi schulpsychologischer Dienst, Reisebüro und Sekretariat in einem“, sagt Berger. Nach knapp fünf Jahren im Beruf sei ihr der immer stärker werdende Aspekt der Bürokratie schon etwas belastend vorgekommen. „Es ist ganz schwierig, das alles abzufangen“, findet sie.

Eine Doppelbesetzung wäre in dieser Hinsicht „ein Traum“, sagt sie. Auch das französische Schulmodell, bei der die Schulverwaltung ausgelagert ist und sich um Formalitäten wie Anwesenheit und Klassenfahrten kümmert, kann sie sich vorstellen. Das Gefühl, ausgebrannt zu sein, habe sie nie gehabt. „Aber der Beruf ist sehr fordernd, vor allem, wenn man die Ansprüche an sich selbst groß sind“, findet sie. „Man muss für Ausgleich sorgen.“

Im Unterricht merkt sie, dass sich der verstärkte Medienkonsum auf die Konzentration der Kinder auswirkt. In dieser Hinsicht sei „die Erziehungsarbeit viel stärker in die Schule verlagert“ worden.

Auf der einen Seite würden die Schüler oft in puncto Medienkonsum sich selbst überlassen, andererseits schränke die wachsende Besorgnis der Eltern – Stichwort „Elterntaxi“ – die Selbstständigkeit ein. Viele Schüler hätten außerdem weniger Bewusstsein dafür, wie es ist, Verantwortung für seine eigenen Sachen zu übernehmen. „Die Sorgfalt und sich Zeit für Dinge zu nehmen, das nimmt ab“, so Annalena Berger. Grundsätzlich findet sie, sei mehr Lebenspraktisches im Lehrplan angebracht, auch Grundsätzliches wie Achtsamkeit müsste mehr vermittelt werden.

In Rüsselsheim sieht sie vor allem mehr Handlungsbedarf in Sachen Integration. Sie plädiert für eine intensivere Betreuung bei Förder- und Integrationskursen. „Wir bemühen uns sehr, aber zeitlich und finanziell ist es nicht genug“, sagt sie. Das sei schade – „und ein Projekt für den Kultusbereich.“

Klassenarbeiten zurückgeben und Noten besprechen gehören bis heute nicht zu ihren Lieblingsaufgaben. „Ich bin immer erleichtert, wenn das vorbei ist“, sagt sie. Natürlich falle es ihr nicht leicht, schlechte Noten zu verteilen. „Das bereitet mir schon Kummer“, sagt Annalena Berger. Zum Job gehöre es eben dennoch.

Trotzdem: Jeden Tag, erklärt sie lächelnd, gehe sie gut gelaunt in die Schule. Heute Morgen hätten ihr zum Beispiel die Sechstklässler direkt im Anschluss an die Klassenarbeit erzählt, dass sie alle gut zurechtgekommen seien. „Sie hätten am Ende noch Zeit gehabt, die Arbeit in Ruhe durchzulesen und haben sogar noch eigene Fehler gefunden“, erzählt sie. „Wenn die Schüler mit einem guten Gefühl aus der Arbeit gehen, ist das schön zu wissen.“

In ihrer Zeit als Lehrerin habe sie vor allem an Selbstsicherheit gewonnen und gehe reflektierter an Probleme heran. „Die Fünftklässler schulen mich, geduldiger zu sein“, sagt sie und lacht. „Das tut mir gut.“ Dass sie auch mit ehemaligen Schülern noch in Kontakt steht, freut sie. „Wenn man Schülern begegnet, die man mal im Unterricht hatte und sieht, was aus ihnen geworden ist, das ist toll.“

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