Kultur

Liegestütze für mehr Toleranz

Nächste Woche feiert das Junge Ensemble Premiere mit dem Stück „Somebody“. Bei den Proben geht es körperlich zu – im doppelten Sinne.

„Gleich nochmal, weil’s so schön war!“, ruft Milena Wichert über die im Halbdunkeln liegende Hinterbühne im Theater Rüsselsheim. 13 Jugendliche in silbernen Trainingsjacken formieren sich sofort, stellen sich auf, und dann ertönt von neuem der Bass. Zu den Beats setzen sie sich in Bewegung. Fokussiert gehen sie in den Liegestütz, heben imaginäre Gewichte und stoßen einen martialischen Schrei aus, die Oberarme wie Bodybuilder geflext.

Das Junge Ensemble (JE) – acht Frauen, fünf Männer – arbeitet gemeinsam mit Regisseurin Milena Franta, Philipp Kehder (Assistenz, Script und Musik), Frank Ehrhardt (Musik), Chengtian Luo (Bühne und Kostüm) sowie Patrick Kerner (Licht) auf die Uraufführung des Stücks „Somebody“ hin. Dafür geht es an seine Grenzen und darüber hinaus.

Inhaltlich befasst sich „Somebody“ mit der Transgender-Thematik: Lukas, ein mit weiblichen Geschlechtsorganen geborener Junge, ist dabei, sich selbst und seinen Platz in der Gesellschaft zu finden. Das Drehbuch basiert auf dem Film „Romeos“ von Sabine Bernardi, das Theater Rüsselsheim hat exklusiv die Bühnenrechte daran erworben.

Brandaktuelles Thema

Ein brandaktuelles Thema sei das, findet Wichert, aber auch ein nicht ganz leichtes. „Deshalb haben wir zu Beginn der Probenzeit im Oktober erst einmal viel über die Thematik geredet und recherchiert“, erzählt sie. Im Vorfeld habe sie sich natürlich gefragt, wie schwierig die Herangehensweise werden könnte. „Letztendlich hat alles total gut gepasst. Die Spieler haben Lust darauf, gemeinsam auf der Bühne zu stehen.“

Das merkt man sofort. Die Stimmung ist ausgelassen, aufgekratzt. Die Premiere rückt in greifbare Nähe, die Aufregung steigt langsam. „Das wird super“, zeigt sich Elias Khani-Alemouti zuversichtlich. Als seine Szene mit Mitspielerin Vanessa Hummel kurz unterbrochen wird, albern beide herum, rappen im Freestyle ihren Text, variieren ihn und lachen sich dabei halb kaputt. „Das ist schon sehr cool mit den anderen“, meint Khani-Alemouti.

Reduziertes Bühnenbild

Requisiten gibt es kaum, die Hinterbühne ist komplett zu sehen. „Die Bühne wird quasi aus Licht geschaffen“, erzählt Wichert. Zeitweise verwandelt sich der Vorhang durch Video-Installationen in eine Leinwand. Das Ganze wirkt sehr roh, der Fokus liegt ganz auf den Schauspielern.

„Das Spannende ist die Konfrontation mit dem eigenen Hintergrund“, sagt Wichert. Welche Werte man – auch vielleicht aufgrund der kulturellen Herkunft – habe, welche Vorurteile, all das spiele eine Rolle im Umgang mit dem Thema sexuelle Identität. „Das ist mit eingeflossen. Jeder hat seine eigene Persönlichkeit mit eingebracht“, erzählt die junge Regisseurin. „Es ist auf jeden Fall eine spezielle Energie da.“

Und die ist zu spüren, zum Beispiel wenn Elias Khani-Alemouti als Lukas von seiner kleinen Schwester (Celine Sinning) verraten wird und ihn über seine eigene Verzweiflung die blanke Zerstörungswut packt. „Verpisst euch!“, schreit er und stößt mit Nachdruck Gaith Kazan zu Boden. Die Szene ist intensiv, weil sie echt ist. Mit so einem heftigen Schubser hat Kazan nicht gerechnet.

Nach Szenen-Ende hilft Khani-Alemouti ihm hoch. Beide lachen. Wichert ist zufrieden, aber bis zur Uraufführung muss noch gefeilt werden. „Gleich noch mal, weil’s so schön war!“

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