+
Unorte wie die Löwenpassage wirken zurzeit eher abschreckend, sagen viele Rüsselsheimer.

Es fehlt an Angeboten

Bürger diskutieren über die Lebensqualität in Rüsselsheim

Vier Stunden wurde debattiert, von früher geschwärmt, und kritisch auf die Gegenwart geblickt: Wie wohl fühlen sich die Rüsselsheimer in der Innenstadt? Was kann man noch verbessern? Dabei kam auch heraus: Es fehlt an Angeboten für Jung und Alt.

Rüsselsheim - Unsere Innenstadt soll schöner werden. Auf Initiative des Kinderschutzbundes trafen sich am Samstagmittag Rüsselsheimer in der Parkschule, um über die Gemeinwesenarbeit in der Innenstadt zu diskutieren. Das klingt kompliziert, eigentlich geht es aber um eine einfache Frage: Was muss passieren, damit die Rüsselsheimer sich in ihrer Innenstadt wohler fühlen? Oder besser: noch wohler fühlen.

Während etwa echte Wiener ihre Stadt aus Verachtung lieben, verachten echte Rüsselsheimer ihre Stadt aus Liebe. Natürlich hatte jeder Teilnehmer in der vierstündigen Debatte einiges zu meckern. Doch auf den Plakaten, auf denen die einzelnen Gruppen die Ergebnisse ihrer Diskussionen sammelten, standen hinterher auch lauter Dinge, die den Diskutanten schon ganz gut gefielen. Das viele Grün, die gute Verkehrsanbindung und auch die kulturellen Angebote von „Rind“ bis Festungsmuseum kamen in der Runde gut an.

Diese war überraschend divers besetzt. Unter den knapp 30 Teilnehmern waren Rentner genauso vertreten wie junge Mädchen mit Kopftuch, Rathausmitarbeiter wie Vereinsvertreter, Männer wie Frauen.

Ähnliche Prozesse

Ähnliche Prozesse habe es bereits im Dicken Busch und in der Böllenseesiedlung gegeben, berichtete Mareike Claus vom Kinderschutzbund, die die Veranstaltung leitete. „Da haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht.“ Wie kommt es, dass der Kinderschutzbund sich so für die Lebensqualität in der Innenstadt interessiert? „Wenn Eltern in ihren Bedürfnissen unterstützt werden, dann schlägt sich das unmittelbar auf die Lebensqualität der Kinder nieder“, sagte Claus.

Nach einleitenden Vorträgen diskutierten die Teilnehmer in Kleingruppen zu den Themen „Kinder und Familie“, „Wohnen“, „Einkaufen“, „Senioren“, „Freizeit“ und „Alleinstehende“. Trotz der bunt gemischten Themen und Gruppen, kristallisierten sich schnell gemeinsame Anliegen aus.

Alle Teilnehmer wünschten mehr Aufenthaltsqualität zwischen Bahnhofsplatz und Mainvorland. Unorte wie die Löwenpassage seien im Moment eher abschreckend. Es fehlt an Angeboten für Jung und Alt. „Ein besonderes Problem ist das für Heranwachsende zwischen 15 und 20“, berichtete Claus aus einer Gruppe. Für jüngere Kinder gäbe es viele Angebote, dann enden die Möglichkeiten abrupt und wer bis dahin nicht in einem Sportverein sei, fange nur selten damit an.

Zwischen allen Kulturen

„Die Zusammenarbeit zwischen Menschen aller Kulturen muss besser werden“ urteilte Kaoutar Malki aus der Klasse 10R1 der Friedrich-Ebert-Schule. Die Erdkundelehrerin Derya Kaya hatte ihre Schüler auf die Veranstaltung aufmerksam gemacht und einige der Zehntklässler kamen tatsächlich am Samstagvormittag in die Parkschule, um lebhaft mitzudiskutieren, wie die Innenstadt schöner werden könne.

Da entstanden schöne Dialoge. Ein alter Herr schwärmte vom ehemaligen Ratskeller und fragte, warum der seit Jahren leer stand. Kurz darauf ließ er sich von jungen Mädchen erklären, wie er zur Waschbar kommt.

„Wir wollen nicht, dass der Prozess hier zu Ende ist, es soll weitergehen“, erklärte Claus, nachdem die Gruppen ihre Ergebnisse vorgestellt hatten. Deshalb stellte sie dann die Gretchenfrage: „Wer von Ihnen wäre denn bereit, weiter mitzuarbeiten, dass wir das auch umsetzen können?“ Zur großen Freude ging nun mehr als jeder zweite Arm nach oben. Demnächst treffen sich die Teilnehmer in einem Büro in der Löwen-Passage. Hier soll mindestens bis Ende 2019 die Gemeinwesenarbeit in der Innenstadt geplant und koordiniert werden.

Vom Meckern alleine wird sicher nichts besser. Deshalb: Schon jetzt gibt es montags von 10 bis 12 Uhr einen Eltern-Kind-Treff und donnerstags von 10 bis 12 eine Bürgersprechstunde. Wer mitarbeiten möchte, kann dort einen Brief einwerfen oder per E-Mail an gwa.innenstadt@dksb-ruesselsheim.de schreiben.

von Jan Stich

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare