Spurensicherung der Polizei am Tatort in der Innenstadt am 19. Juni 2020 foto: 5visionmedia
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Spurensicherung der Polizei am Tatort in der Innenstadt am 19. Juni 2020

Justiz

Messerstecher muss dreieinhalb Jahre hinter Gitter

  • vonWalter Scheele
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Prozess um blutige Auseinandersetzung am Löwenplatz: Das Gericht verurteilt einen Drogendealer wegen gefährlicher Körperverletzung. Sein Komplize bekommt eine Bewährungsstrafe.

Rüsselsheim -Ein 26-jähriger Drogendealer aus Rüsselsheim muss für dreieinhalb Jahre ins Gefängnis. Jedoch nicht, weil er mit dem "Stoff" gedealt hat, sondern weil er einen 20-jährigen Kunden mit drei Messerstichen lebensgefährlich verletzt und dessen Freundin (26) mit zwei Stichen empfindlich in Po und Oberschenkel getroffen hatte - so geschehen am frühen Abend des 19. Juni 2020 in der Nähe des Löwenplatzes in der Rüsselsheimer Innenstadt.

Vor der 11. Großen Strafkammer am Landgericht Darmstadt war der 26-Jährige mit einem Komplizen (24) wegen versuchten Totschlags angeklagt. Nach Überzeugung des Schwurgerichts blieb gestern von diesem Tatvorwurf zweimal gefährliche Körperverletzung übrig - bei dem Jüngeren neun Monate Haft auf Bewährung wegen Beihilfe zu den Taten des Älteren.

Vieles, was am Tatabend am Löwenplatz passiert war, blieb auch am dritten Verhandlungstag unaufgeklärt. Den meisten Zeugen fehlte es vor Vorsitzendem Richter Volker Wagner und seiner Kammer an Erinnerungsvermögen. Weshalb die Richter auf Anregung der Verteidiger Axel Kollbach und Manfred Döring auf die meisten Zeugen verzichteten.

Keine große Wahrheitsliebe

Die Anwälte hatten es geschafft, wie Richter Wagner lobte, ihre Mandanten zu vorbehaltlosen Geständnissen zu bewegen. Sie hatten sich wenige Tage nach dem blutigen Geschehen am Löwenplatz in der Rüsselsheimer Innenstadt bei der Polizei gestellt.

Allerdings bewiesen die Angeklagten bei ihren Aussagen nicht allzu große Wahrheitsliebe. Ihre Aussagen vor der Polizei unterschieden sich von den Geständnissen vor Gericht in großen Teilen. Aber der Rahmen des Geschehens reichte der sachkundigen Kammer aus, sich eine Meinung zu bilden.

In seiner Urteilsbegründung versuchte Wagner den frisch Verurteilten eingehend ins Gewissen zu reden. Die beiden Asylbewerber, die aus Syrien über Ägypten und die Türkei mithilfe von Schleusern - "Reisepreis pro Nase 2900 Euro", hieß es vor Gericht - nach Deutschland gelangt waren, hatten in der Rüsselsheimer Drogenszene schnell Fuß gefasst. Lediglich der 24-Jährige geht als Lagerist einer festen Tätigkeit nach.

Das Opfer der tätlichen Auseinandersetzung fühlt sich durch die Messerstiche bei dem missglückten Drogenkauf "psychisch und körperlich" so geschädigt, dass er nie etwas lernen oder einer Berufstätigkeit nachgehen können werde. Das jedenfalls bekundete er vor der Strafkammer als Nebenkläger. Seine in den Po und in den Oberschenkel gestochene Verlobte sah sich nicht so schlimm geschädigt. Sie will, "sobald ich wieder richtig sitzen kann", eine Realschule besuchen und "was Ordentliches lernen".

Zuschauer als Störenfriede

Die Verhandlung im Saal 3 des neuen Landgerichtsgebäudes fand zum Teil unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Das hatte teilweise technische Gründe. Denn die Mikrofonanlage, die das Geschehen im Verhandlungs- in den Zuschauerraum übertragen soll, funktioniert seit Inbetriebnahme des Gebäudes nur gelegentlich oder mit Störungen. Hinzu kam in diesem Prozess, dass Angehörige des Angeklagten sich während der laufenden Verhandlung unterhielten, telefonierten und häufig mit lautem Türenschlagen den Zuschauerraum verließen. Ermahnungen des Vorsitzenden Richters und auch der Wachtmeister konnten die Besucher nicht beeindrucken. Walter Scheele

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