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#metoo: Wir dürfen nicht mehr schweigen

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Hollywood, Brüssel, Rüsselsheim – Sexismus ist ein allgegenwärtiges Problem, aber er ist nicht totzukriegen. Wenn jede Fraue eine eigene Geschichte zu #metoo erzählen kann, wird es Zeit zu handeln, findet unsere Autorin.

„Stell dir folgendes Szenario vor: Du bist ein Mädchen von zwölf Jahren und besuchst das Geisterhaus auf der Rüsselsheimer Kerb. Mönche mit tief ins Gesicht gezogenen Kutten streifen bedrohlich im Halbdunkel durch die Gänge, du hast Gänsehaut. Plötzlich bleibt einer der Mönche stehen, du spürst, wie er von hinten unter deinen Armen durchgreift, deine Brust betatscht und sich an dich drückt. Dann rennst du.“

Kaum zu glauben, aber wahr: Die Geschichte ist einer Freundin passiert, seitdem geht sie nicht mehr in solche Vergnügungs-Attraktionen. Kein Einzelfall: Eine andere Bekannte berichtet davon, wie sie vom Nachbarsjungen angefasst wurde. Einer weiteren hat erst neulich jemand in der tanzenden Menge zwischen die Beine gefasst. Wir sind fassungslos. Alle in der Runde schütteln entsetzt den Kopf und zucken dann doch mit den Schultern. Eine Geste der Hilflosigkeit, vielleicht auch der Gleichgültigkeit?

Übergriffigkeit im Alltag

Was machen all diese Geschichten mit mir? Ich kenne keine weibliche Person in meinem Freundeskreis, die noch nie mit sexueller Übergriffigkeit konfrontiert war, mich schließe ich nicht aus. #metoo zeigt, was Alltag für Frauen geworden ist und erstmals – dank der sozialen Medien – sieht man das weltweite Ausmaß davon, es entsteht eine Solidarität.

Was über Jahrhunderte passiert ist und nur vereinzelt angesprochen wurde, kulminiert jetzt in einer sichtbaren Massenbetroffenheit.

Ich befürchte jedoch, dass die Kampagne bei Männern, die um ihr sexistisches Verhalten wissen und damit sogar auch noch prahlen, nichts bewirkt, solange wir Frauen nicht sofort den Täter öffentlich bloßstellen.

Stattdessen kommen wir ins Grübeln, erinnern uns an Komplimente, die vielleicht keine waren, werden noch achtsamer und begeben uns nur noch tiefer in die Opferrolle. Doch warum?

Sind Männer einfach so?

„Es ist halt einfach so“, den Satz höre ich öfter, wenn ich mit Freundinnen über das Thema spreche. Sind Männer einfach Schweine, und soll das für die nächsten Generationen so weitergehen? Wenn wir schon so informiert wie nie darüber sind, wie selbstverständlich sexuelle Belästigung stattfindet, dann müssen wir aktiv werden.

Ich jedenfalls will nicht, dass meine Tochter irgendwann die Schultern zuckt und sagt: „Ja, ist halt einfach so.“ Ich will, dass mein Sohn respektvoll mit Frauen umgeht.

Und die Jungs, die das nicht gelernt haben, dürfen wir nicht ungeschoren davonkommen lassen. Egal, ob sie uns nur hinterherpfeifen, uns im Club „beiläufig“ anfassen oder uns im Büro „freundschaftlich“ und ungefragt den Arm um die Hüfte legen. Wenn mich jemand ungefragt anfasst, macht mich das wütend. Ich will das nicht mehr in mich reinfressen. Wir bekennen uns im Internet zu #metoo, aber wir müssen es lautstark im echten Leben tun. Jetzt. Sonst ändert sich nichts.

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