Der Media-Guide wird wie ein Smartphone bedient. "Im Akkord" oder "in Teilzeit" geht es durch die Ausstellung. FOTO: dit
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Der Media-Guide wird wie ein Smartphone bedient. "Im Akkord" oder "in Teilzeit" geht es durch die Ausstellung.

Kultur

Mit Audio-Guide auf "Schaffertour"

Gut proportionierte Wissenshappen aufs Ohr: Das Stadt- und Industriemuseum erweitert das technische Angebot für die Besucher

Rüsselsheim -Wer durch die Dauerausstellung des Stadt- und Industriemuseums Rüsselsheim geht, sollte die Ärmel hochkrempeln. Denn der Media-Guide geht ab sofort mit den Besuchern auf "Schaffertour". Die Schweißperlen dürften dabei nur den wenigsten auf der Stirn stehen, mit einer solchen Leichtigkeit führt das elektronische Audiogerät die interessierten Zuhörer durch die Räume - von der Steinzeit bis ins 21. Jahrhundert. Der Schaffensdrang der Menschheit bis heute ist ungebrochen.

"Wo gehobelt wird, fallen Späne", spricht eine wohl modulierte Frauenstimme über den Kopfhörer. Das passende Bild vor den Augen des Zuhörers: Wagner Adam Schildge hält den Hobel in seinen Händen. Er ist auf einer lebensgroßen gelblich-bräunlichen Fotografie aus den 1950er Jahren zu sehen, davor das Original einer robusten hölzernen Werkbank mit dem Werkzeug des Berufsstandes - Schäleisen, Hammer und Raspel. Schildge arbeitete eng mit dem Schmied Friedrich Jourdan zusammen. Beide hatten ihre Werkstatt in der Löwengasse in Rüsselsheim.

Vom Handwerk zur Automatisierung: "Die Industrialisierung stellte das Leben der Menschen auf den Kopf", ist nun eine Männerstimme zu vernehmen. "Mit einer solchen Nähmaschine fing 1862 die Geschichte der Firma Opel an", macht der elektronische Ausstellungsführer auf das in einem Tisch integrierte gusseiserne Gerät hinter der Glasscheibe aufmerksam. Adam Opel begann in einem ausgebauten Kuhstall - ebenfalls in der Löwengasse - mit der Produktion von Nähmaschinen. 1886 folgte die Fahrradproduktion. Die Automobile, für die die Familie und auch deren Heimatstadt Rüsselsheim weltweit bekannt ist, brachten erst seine Söhne 1898 auf den Markt.

Die Wissenshappen sind gut portioniert und wecken die Neugier. Wer über ein Ausstellungsstück mehr erfahren möchte, kann einen vertiefenden Beitrag anwählen. Die Media-Guides sind per Touchscreen leicht zu bedienen und erinnern an das eigene Smartphone. Seit 2018 sind die 30 Geräte im Stadt- und Industriemuseum im Einsatz. Bisher waren zwei Medien-Führungen möglich: Einerseits können die Besucher "Lieblingsstücke" in der Dauerausstellung mit Videos und in einfacher Sprache erleben, andererseits führt sie der Audio-Guide über die Festungsanlage. Mit der "Schaffertour" sei nun ein weiterer wichtiger Baustein im medialen Angebot des Rüsselsheimer Museums gesetzt worden, ist Museumsleiterin Dr. Bärbel Maul erfreut darüber, ein lange gehegtes Projekt realisiert zu haben. "Wir verstehen die Corona-Krise als Chance, den Besuchern ein inklusives Angebot zu machen", sagt Maul.

Informativ und unterhaltsam

Gemeinsam mit dem Mediendienstleister Linon habe das Museumsteam die "Schaffertour" konzipiert. Der Partner ist den Rüsselsheimer Kulturschaffenden bereits aus dem Projekt "StadtMuseum inklusive - beteiligen, nicht behindern!" bekannt und vertraut. Maul ist von der hohen Qualität der Audio-Beiträge begeistert. "Zwei gut ausgebildete Sprecher haben die Texte eingesprochen." Dabei haben sie nicht die Texte auf den Infotafeln neben den Ausstellungsobjekten abgelesen, sondern erzählen darüber hinausgehende interessante Begebenheiten und Anekdoten. "Es ist wie eine persönliche Führung", legt die Museumsleiterin Wert darauf, dass Wissenswertes unterhaltsam vermittelt wird. Natürlich sei ein Audio-Guide nicht so flexibel wie ein erfahrener Ausstellungsführer, der die Fragen der Besucher spontan beantworten kann, doch attraktiv sei das neue Angebot allemal.

"Wir haben viel zu erzählen - von der Steinzeit bis heute", krempelt Maul schon einmal gedanklich die Ärmel hoch. Wer die umfangreiche Dauerausstellung besucht, muss diese aber nicht "im Akkord" (bis zu zwei Stunden) abarbeiten, wie es im Auswahlmenü heißt. Sie können die Tour auch "in Teilzeit" (bis zu einer Stunde) erleben, das heißt mit ausgewählten Beiträgen. Die Geräte können kostenfrei an der Museumskasse ausgeliehen werden. Zurzeit führt der Media-Guide nur in deutscher Sprache durch die Ausstellung. Für die Übersetzung ins Englische soll im Oktober ein Förderantrag beim Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst gestellt werden. Denn "gerade in den Sommermonaten sind oft ausländische Besucher bei uns zu Gast", weiß Maul. Die Audio-Tour wurde ebenfalls mit Fördermitteln aus dem Bundesprogramm "Neustart Kultur" finanziert.

Nach den Lockerungen der Corona-Beschränkungen sei der Museumsbetrieb gut gestartet. "Wir bekommen ganz viele Anfragen von Schulklassen und Reisegruppen", blickt die Museumsleiterin hoffnungsfroh in die Zukunft. dit

Öffnungszeiten

Die Dauerausstellung ist Dienstag bis Freitag von 9 bis 13 Uhr und von 14 bis 17 Uhr geöffnet sowie am Wochenende von 10 bis 17 Uhr.

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