Ein Sprinter voller Sachspenden für die Flutopfer wartet darauf, ins Katastrophengebiet reisen zu können. FOTO: sura
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In Rüsselsheim war alles vorbereitet, um im Hochwasser-Gebiet im Kreis Ahrweiler Hilfe zu leisten.

Naturkatastrophe

Einreiseverbot für Unterstützer in Hochwasser-Gebiet – „Helfertourismus“

  • VonDr. Susanne Rapp
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In Rüsselsheim ist alles vorbereitet, um den Opfern der Hochwasserkatastrophe im Kreis Ahrweiler zu helfen. Doch die Unterstützung wird verboten.

Rüsselsheim – Die Enttäuschung ist groß. Daniela Nöll wollte gemeinsam mit anderen Helfern aus Rüsselsheim und zwei mit Sachspenden gefüllten Autos vergangenen Sonntag in das Überschwemmungsgebiet fahren. Morgens um 7 Uhr sollte es losgehen. Doch ein Schreiben der rheinland-pfälzischen Landesregierung vom 24. Juli unterrichtete darüber, dass der Individualverkehr in Dernau, Rech und Bad Neuenahr-Ahrweiler am Sonntag und Montag untersagt ist, Anwohner und offizielle Einsatzkräfte ausgenommen.

Die Rüsselsheimerin hatte spontan eine Hilfsaktion organisiert, weil sie Freunde in Bad Neuenahr hat. Seit mehr als 40 Jahren kenne man sich und habe regelmäßigen Kontakt. In Fernsehberichten hatte Nöll die ersten Bilder der Flutkatastrophe gesehen. Es sei ihr eine Herzensangelegenheit, dort zu helfen. Bereits zweimal war sie dort und half bei den Aufräumarbeiten mit. Ihre Freunde vor Ort beschreibt sie als mitgenommen und traumatisiert. Das liege daran, dass ihnen das Ausmaß der Zerstörungen erst langsam bewusst werde. "Wir brauchen Hilfe von außen, um wieder ein einigermaßen würdiges Zuhause schaffen zu können", habe ihre Bekannte gesagt.

Hilfe aus Rüsselsheim nach Hochwasser in Bad Neuenahr (Kreis Ahrweiler)

Die Hilfsbereitschaft in der Nachbarschaft sei zwar da, aber die Menschen seien körperlich und seelisch erschöpft. Am Nürburgring gibt es ein Sammellager für Sachspenden, doch das sei bereits voll, sodass dort nichts mehr angenommen werde. Die Spenden würden die betroffenen Familien jedoch nicht erreichen, sagt Nöll. Die Zuständigkeiten der Hilfskräfte wie Bundeswehr und Technisches Hilfswerk (THW) sind mittlerweile geklärt. Während die Bundeswehr das Wasser liefere, stelle das THW Container auf. Gleichzeitig seien die Menschen frustriert, dass THW, Bundeswehr und Polizei nur auf Anweisung von oben handeln dürften und anderweitige administrative Aufgaben erledigen müssten.

Bereits am 17. Juli, drei Tage nach der Katastrophe, war Nöll mit ihrer Freundin zum ersten Mal nach Bad Neuenahr gefahren. "Stellt euch auf schlimme Bilder ein. Es herrschen hier kriegsähnliche Zustände", sagten die Freunde vor Ort. "Was wir dann gesehen haben, hat unsere Befürchtungen noch übertroffen", stellt Nöll bestürzt fest. Es sei schrecklich zu sehen, wie viele Menschen innerhalb kürzester Zeit alles verlieren, sogar ihr Leben.

Für vergangenen Sonntag (25.07.2021) hatten die Helfer aus Rüsselsheim alles frühzeitig geplant. Vor Ort war angefragt worden, was am dringendsten gebraucht wird und wann es günstig ist, zu kommen. "Es bringt niemandem etwas, einfach dorthin zu fahren, ohne zu wissen, wo man gezielt unterstützen kann", weiß Nöll. Auch sei es wichtig, Parkmöglichkeiten auf einem privaten Grundstück zu haben. Es sei unverantwortlich, einfach irgendwo sein Auto abzustellen, da sonst die Gefahr bestehe, Rettungskräften im Weg zu sein. "All das hatten wir im Vorfeld geklärt. Auch wo und wie Hilfe gebraucht wird", sagt Nöll. Mit Hilfe der sozialen Medien hatten sie und ihr Nachbar Jörg Kallnischkies Spendenaufrufe gestartet. Auf diesem Weg habe sie auch Helfer vermitteln können, die einen Tag lang im Katastrophengebiet mit anpackten.

Rüsselsheimer Hilfsaktion im Kreis Ahrweiler wegen „Helfertourismus“ verboten

Für die Aktion am vergangenen Sonntag wurden Kisten nach Themen gepackt. Sven Ceranka, ein weiterer Nachbar Nölls, stellte seinen Sprinter zur Verfügung, der schnell gefüllt war. Kisten mit Sachspenden zum Putzen, für die Körperpflege und vieles mehr kamen zusammen. Die Rüsselsheimer hatten sich bei ihren Einkäufen an die Bedarfsliste gehalten. Viele Spender hätten die Produkte mit aufmunternden Worten versehen, bereits die beiden ersten Hilfsaktionen seien sehr positiv angenommen worden. Man höre oft Negatives über Rüsselsheim, wurde Nöll bei einem der Besuche gesagt. Aber was die Menschen dieser Stadt im Rhein-Main-Gebiet nun zur Unterstützung beitragen, sei großartig.

Die Freunde in Bad Neuenahr hätten nichts von dem Einreiseverbot gewusst, da die Region immer noch von der Außenwelt abgeschnitten sei. Dass die dringend benötigten Spenden am Sonntag nicht ankommen würden, sei für alle ein Rückschlag. Auch für die Betroffenen, die fest mit der Hilfe gerechnet hatten.

Das Einreiseverbot am Sonntag und Montag war auf die chaotische Verkehrssituation, verursacht von unbedachten Helfern, aber auch Gaffern, zurückzuführen – "Helfertourismus" genannt, wie Daniela Nöll sagt.

Nach Hochwasser-Katastrophe im Kreis Ahrweiler: Hilfe aus Rüsselsheim weiterhin geplant

Sie plante für Mittwoch (28.07.2021) einen weiteren Versuch, um dringend benötigte Sachspenden ins Katastrophengebiet zu bringen. Gebraucht würden Stromaggregate, Energiespeicher für Handys, Gasflaschen, Schaufeln, Arbeitshandschuhe und Gummistiefel. "Das ist ein Fass ohne Boden." Putzutensilien, eine Kühlbox und Thermoskannen mit heißem Wasser, um eine Suppe zuzubereiten, würden weiterhin dringend gebraucht.

Dass schon kleine Dinge für den täglichen Bedarf helfen, sei Nöll klar geworden, als ein älterer Herr zu ihr kam und fragte, ob sie Babyzellen (Batterien) habe. Die Freude war groß, als er erklärte: "Dann kann ich jetzt wenigstens Radio hören." Für sie sei dies ein Schlüsselerlebnis gewesen, das sie motiviere, mit der Hilfsaktion weiterzumachen. (Dr. Susanne Rapp)

Nach der Flutkatastrophe kommt auch von anderer Seite Hilfe aus Rüsselsheim: Opel bietet kostenlose Autos für Hochwasser-Opfer an.

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