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Die Zivilstreife konnte den rasenden Motorradfahrer nach einer kurzen Verfolgungsjagd nicht stellen. Der Halter der Maschine bestreitet, der Fahrer gewesen zu sein. Er hatte am selben Tag die Honda als gestohlen gemeldet. symbolfoto: : dpa

Justiz

Mit Tempo 200 über die B 43

  • Dorothea Ittmann
    vonDorothea Ittmann
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Prozessbeginn am Amtsgericht Rüsselsheim nach einer wilden Verfolgungsjagd der Polizei mit einem Motorradfahrer im Januar. Der Beschuldigte gibt an, die Maschine nicht selbst gefahren zu sein. Ob das die Richterin überzeugt? Ein Urteil steht noch aus.

Rüsselsheim -Mit mehr als 200 "Sachen" soll ein Motorradfahrer auf seiner Honda mit Groß-Gerauer Kennzeichen am 15. Januar 2020 zur Mittagszeit über die A 3 Richtung Wiesbaden geheizt sein.

Dort war er einer Zivilstreife aufgefallen, welche die Verfolgung aufnahm und zur Beweissicherung die Heck- und Frontkamera einschaltete, um das "rücksichtslose Verhalten" des Fahrers zu ahnden, wie einer der beiden Autobahnpolizisten am gestrigen Mittwoch am Amtsgericht in Rüsselsheim aussagte. "Er wollte die höchstmögliche Geschwindigkeit erreichen", berichtet der Polizist, der als Beifahrer das Geschehen am Tattag beobachtet hatte, während sein Kollege mit durchgedrücktem Gaspedal im 5er BMW versuchte, zu dem Motorradfahrer aufzuschließen.

Der fuhr kurz darauf am Mönchhofdreieck nach Raunheim ab und hängte die Polizisten beinahe auf der B 43 nach Rüsselsheim ab. Die Zivilfahnder entschieden sich, kurz vor dem Ortseingang das Blaulicht, die Sirene und das Signal "Stop Polizei" einzuschalten. Plötzlich schwenkte der Motorradfahrer rechts auf die Fahrbahn Richtung Kelsterbach (B 519), wobei er laut Polizei fast von der Straße abgekommen wäre. Wieder auf der B 43, diesmal in die entgegengesetzte Richtung, flüchtete der Fahrer sich auf den Parkplatz des Raunheimer Einkaufszentrums. "Wir haben dann die Verfolgung abgebrochen, damit wir niemanden gefährden", sagte der Fahrer der Streife vor Gericht.

"Da bleibt einem die Luft weg"

Die vorsitzende Richterin Inge Staples ließ sich die Videoaufzeichnung der Verfolgungsjagd mehrmals zeigen. "Da bleibt einem die Luft weg", kommentierte sie die engen Wendemanöver sowohl des flüchtigen Motorradfahrers als auch der Zivilstreife. Über das Motorradkennzeichen stellten die Ermittlungsbeamten in Darmstadt fest, dass der Fahrzeughalter in Rüsselsheim gemeldet ist und statteten ihm einen Besuch ab.

Dabei handelt es sich um einen 28 Jahre alten Studenten, der sich gestern vor Gericht verantworten musste. Sein Anwalt erklärte, sein Mandant sei nicht der Fahrer des Motorrads gewesen und werde keine weitere Aussage machen. Die Identität dürfte tatsächlich schwer nachzuweisen sein. Der Täter hatte am 15. Januar eine schwarze Ledermontur mit dunklen Stiefeln und Helm getragen, weshalb er nicht erkennbar war.

Der Angeklagte hatte noch am selben Tag bei der Polizei sein Motorrad als gestohlen gemeldet. Er habe einen neuen Akku in seine Maschine eingebaut, sie mit einer Plane abgedeckt und sei danach ins Haus gegangen - der Schlüssel steckte im Zündschloss. Als er zurückkam, habe nur noch die Plane vor dem Haus gelegen. Der Rüsselsheimer vermutet, dass der Täter über den zwei Meter hohen Zaun gestiegen war und das Motorrad entwendet hatte. Am nächsten Tag habe ein Bekannter die gestohlene Maschine unbeschädigt in Raunheim gefunden - der Schlüssel steckte im Zündschloss.

"Das ist ein sehr wundersamer Vorgang", kommentierte die Staatsanwaltschaft, die sich mit dem Verteidiger ein kurzes Wortgefecht lieferte. Die Strafanzeige habe nur von der Tat ablenken sollen, so ihr Vorwurf. Es sei kaum vorstellbar, dass der Täter, zufällig in voller Ledermontur gekleidet, ein Motorrad sah, in dem auch noch der Schlüssel steckte. Die entsprechende Kleidung habe die Polizei schließlich bei einer Wohnungsdurchsuchung beim Angeklagten gefunden. Ob es sich um das selbe Kleidungsstück handelt, ist jedoch ungeklärt. "60 Prozent der Motorradfahrer fahren mit schwarzer Lederkombi", entgegnete der Verteidiger.

Ein Urteil fällte Richterin Staples gestern noch nicht, weil auf der Kopie eines Dokuments die Unterschrift des Beschuldigten fehlte. Das Original soll nachgereicht werden. Der Prozess wird am 22. Dezember fortgeführt. Zwei weitere Zeugen werden geladen: der Polizist, der die Anzeige wegen Diebstahls aufgenommen hat, und der Bekannte, welcher der Mittäterschaft verdächtigt wird. dit

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