Von allen nur noch respektvoll Mister Opel genannt: Klaus Franz mit Ehefrau Dagmar Eichhorn.

Bewegende Zeit

Mr. & Mrs. Opel verlassen die Stadt

Wenige Paare haben Arbeit und Leben in der Opelstadt so geprägt wie der einst mächtige Opel-Betriebsratschef Klaus Franz und Dagmar Eichhorn – jetzt verlassen die beiden Rüsselsheim. Die vielen Erinnerungen werden sie mitnehmen.

Dieses Jahr jährte sich der Sommer der Revolte 1968 zum 50. Mal. Ein wichtiges Thema der Kommunarden war damals die Frage, wie Theorie und Praxis zusammenkommen können. Zwei Menschen in Rüsselsheim haben diese Fragen nicht nur diskutiert, sondern gelebt. Dagmar Eichhorn, studierte Soziologin, im 68er Jargon eine Kopfarbeiterin und Klaus Franz, Angestellter bei Opel oder wie die Lesekreise sagten, ein Arbeiter der Hand.

„Ich hatte damals in Frankfurt Soziologie studiert“, erinnert sich Dagmar Eichhorn. Man sei nach Rüsselsheim gekommen, um die Arbeiterbewegung für den Klassenkampf zu mobilisieren. Statt eines revolutionären Subjektes fand sie in der Opelstadt die große Liebe.

Klaus Franz war im schwäbischen Biberach aufgewachsen. „Das war ein konservatives, in Teilen sogar reaktionäres Städtchen“, erinnert er sich. Doch auch dort hörte man die Appelle von Dutschke und Co. Während seiner Ausbildung zum Drogisten nimmt Franz an einem Forschungsprojekt teil. Ehrenamtlich teilt er eine große Wohngemeinschaft mit Strafentlassenen, denen die Rückkehr in die Gesellschaft erleichtert werden soll. Dann, 1975, kam er als Lackierer ins Opelwerk.

Im Café Menne

Im Café Menne, schräg gegenüber des Werkstores, trafen die beiden zum ersten Mal aufeinander. Wissen die beiden noch, worüber sie geredet haben? „Natürlich“, schießt es aus Franz hinaus. „Im Wesentlichen ging es um Arbeit und Leben in der Opelstadt Rüsselsheim.“ Arbeit und Leben sollte das Leitmotiv ihrer Jahrzehnte in Rüsselsheim sein.

„Das Opel-Portal hatte für uns stets eine symbolische Bedeutung“, erklärt Eichhorn. Hier wechselten die Arbeiter zwischen den beiden Sphären, als hinter dem Portal noch die Autofabrik begann. „Wir wollten eine Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen“, fasst Franz das Engagement zusammen. Dabei arbeiteten die beiden oft auf unterschiedlichen Seiten des Werkstores am selben Projekt. 1984 streiken die Opelarbeiter über sechs Wochen zur Durchsetzung der 35-Stundenwoche. Klaus Franz, frisch in den Betriebsrat gewählt, hilft bei der Organisation des Streiks. Dagmar Eichhorn ist Geschäftsführerin von Arbeit und Leben, einer Kooperation zwischen Gewerkschaft und Volkshochschule und organisiert die Streikuniversität.

Vor dem Werkstor referieren Professoren den streikenden Arbeitern über den Wandel der Arbeitswelt. Heute ist die dritte industrielle Revolution, die Digitalisierung, fast abgeschlossen. Damals steckte man mitten in der zweiten, der Automatisierung. Kollege Roboter machte den Arbeitern Konkurrenz am Fließband und bedrohte auch die Macht der Gewerkschaften. Später holt Eichhorn Künstler in das Werk. Gemeinsam diskutieren die beiden, beratschlagen, knüpfen Netzwerke und unterstützen sich gegenseitig, als seien sie der Coach des jeweils anderen.

Die Krise von 2009

„Auf der Höhe der Opelkrise 2009 hätten Sie meine Frau mitten in der Nacht wecken können und sie hätte genau gewusst, welchen Diskussionsstand wir zwischen Detroit und der Bundesregierung haben.“

Das waren die magischen Tage, in denen Klaus Franz plötzlich zum Mr. Opel wurde und der Betriebsrat sich daranmachte, seinen eigenen Betrieb zu retten. „Die Manager hatten sich verpisst und die Arbeitnehmer haben die Geschäfte in die Hand genommen“, fasst Franz die Ereignisse zusammen.

Das für Eichhorn wichtigste Projekt hat wenig mit Autos zu tun: Anfang der 90er macht ein Manuskript in Rüsselsheim die Runde. Eine Forschungsarbeit über den Lynchmord an sechs amerikanischen Piloten im August 1944.

„Es gab eine deutsche Übersetzung, die sollte aber nicht veröffentlicht werden“, erinnert sie sich. Sie nimmt sich der Geschichte an. Gegen erhebliche Widerstände in Stadt und Politik wird das „Rüsselsheim Massacre“ aufgearbeitet.

Heute erinnert das Mahnmal in der Grabenstraße an das Verbrechen. „Das war ich nicht allein“, ist ihr wichtig. Die beiden sind Netzwerker, bringen Kirche und Kommunalpolitik an einen Tisch. „Natürlich kamen wir aus der marxistischen Ecke“, sagt Eichhorn, „aber wir haben uns von dort in die Mitte der Gesellschaft bewegt.“ Und diese wiederum gehörig bewegt. Auf einem Ticket der Grünen saßen die beiden, als unabhängige Kandidaten, auch in der Rüsselsheimer Kommunalpolitik.

Bei dieser engen Verzahnung von Arbeit und Leben scheint es folgerichtig, mit dem Ende der Arbeit in Rüsselsheim auch das Leben in der Stadt zu beenden. Konservativ und reaktionär sei es in Biberach schon lange nicht mehr, sagt Franz, „außerdem habe ich Demut und die Gelassenheit des Alters erlernt.“ Er schwärmt von der hohen Innovationskraft der Schwaben. „Wer sich dort engagiert, kann was erreichen.“ Und engagieren wollen die beiden sich.

Dagmar Eichhorn hat von den Söhnen schon eine Mitgliedschaft im Biberacher Kunstverein geschenkt bekommen und Klaus Franz knüpft schon Kontakte zur IG Metall dort. „Wir werden dort sicher schnell Boden unter den Füßen bekommen,“ ist Eichhorn überzeugt. „Immerhin sind wir offene Menschen – nur schwäbisch verstehe ich noch nicht so gut.

Das Haus umgebaut

Ob die beiden Rüsselsheim vermissen werden? Die schlechte Luft und den Fluglärm nicht, lautet die erste Antwort, dann fällt ihnen aber doch einiges ein.

„Das Haus haben wir so umgebaut, wie es für uns ideal ist, das ist nicht leicht“, erklärt Franz. „Wir haben uns hier kennengelernt, zusammengefunden, gearbeitet und unsere Söhne sind hier aufgewachsen. Die haben beide Rüsselsheim als Geburtsort im Pass stehen. Das ist für uns das allergrößte Glück.“

Der Rüsselsheimer Lynchmord wird Eichhorn auch nach Biberach verfolgen. „Ich habe noch eine Aufgabe“, erklärt Eichhorn. „Ich möchte ein Buch über den Erinnerungsprozess schreiben.“ Die Kisten mit den Unterlagen sind bereits gepackt. Als Stimme im Diskurs wird Dagmar Eichhorn Rüsselsheim erhalten bleiben.

von JAN STICH

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