Naturschützer Rainer Witschel erhält den Landesehrenbrief

Müsli für alle Vögel

Rainer Witschel gründete 1976 den Natur-und Vogelschutzverein Wallerstädten mit. Für drei Jahrzehnte ehrenamtliche Arbeit ver- lieh ihm Hessen nun den Ehrenbrief des Landes.

Wenn Rainer Witschel die Vogelhäuschen mit Körnern füllt und die aufwendige Zubereitung der Winternahrung fürs Fettfutterhaus erläutert. Wenn der 65-Jährige Sonnenblumenkerne, Haferflocken und Rosinen für Amseln, Meisen, Drosseln, Finken und Co. ausstreut, lässt sich heiter sagen: „Hier gibt’s Müsli für alle Vögel.“

Rainer Witschel ist ein großer Freund der zwitschernden Wesen. „Sehen Sie dort – eine Schwanzmeise!“, weist er begeistert auf das seltene Vöglein hin, das sich in der wilden Kirsche niederlässt und stolz sein Hinterteil zeigt. „Ganz gewiss meint sie das nicht böse“, so Witschel heiter.

1951 in Wallerstädten geboren, engagiert sich der Mann, der 1976 Mitgründer des Natur-und Vogelschutzvereins war, für den Erhalt einer ökologisch wertvollen, vielfältigen Landschaft im und um den Stadtteil. Witschel sorgt mit Nisthilfen und Vogelhäuschen Marke Eigenbau dafür, der gefiederten Kreatur Lebens- und Überlebensraum zu bieten.

Trifft man Witschel in seinem Garten am Landgraben („Mit deutschem Ordnungssinn hat gesunder Wildwuchs nichts gemein“), wo Erpel und Enten im nahen Wasser schwimmen, die Biberratte zu Besuch kommt, um sich Brotkrusten abzuholen und Igel friedlich in Gehölzen schlummern, ist klar: Natur- und Tierschutz ist für den Mann mit dem akkuraten Oberlippenbart Herzenssache.

„Ich war als Bub mit meinem Vater viel in der Gemarkung, habe nach der Schule mit Freunden am Landgraben Holzboote gebaut. Begeistert war ich auch von den Pfadfindern. So wurde in der Kindheit der Grundstein für Naturverbundenheit gelegt“, erzählt er.

Heute sei er „Ersatzopa“ für die Enkel seiner Lebensgefährtin Ursula Werner: „Die Enkel – drei, acht und zwölf Jahre alt – sind Mitglied im Vogelschutzverein und natürlich dabei, wenn Nistkästen gesäubert und Futterstellen installiert werden. Wenn wir Erwachsenen Naturliebe nicht weitergeben, woher sollen es Kinder denn haben?“, betont Witschel.

Sieben Futterplätze und 13 Nisthilfen betreue er für den Verein in der Gemarkung, erzählt Witschel. Er unterstreicht aber zugleich, er habe zwar jetzt den Ehrenbrief des Landes Hessen für seine Vereinstätigkeit erhalten – „Vor allem für 33 Jahre Vorstandsarbeit, eine Anerkennung, die mich natürlich freut“ – doch Ehre gebühre keinesfalls ihm allein: „Wir haben einen hervorragenden, zwölfköpfigen Vorstand sowie mit Norbert Drodt einen überaus engagierten Vorsitzenden und viele aktive Helfer.“

Im Vereinsvorstand ist Witschel seit 1987 Kassierer, ein Amt, das zu übernehmen nahe lag, war er doch 43 Jahre in einem Finanzinstitut beschäftigt, viele Jahre davon als Innenrevisor. „Mit dem Geld für den Verein gehe ich so um, als wäre es mein eigenes. Das heißt: Ich überlege sehr genau, wofür etwas ausgegeben wird und ob eine Investition lohnt. Brauchen wir das? Diese Frage wird unnachgiebig beleuchtet.“

Sparsam ist Witschel auch im Sinn konsumbewussten Einkaufs. „Wenn ich weiß, dass jeden Tag weltweit 35 600 Hektar Wald vernichtet werden und wir Menschen jeden Tag 3,6 Millionen Tonnen Müll produzieren, sind das Fakten, die besorgt machen“, führt er aus. Natur- und Tierliebe veranlassen Witschel zu Achtsamkeit auch jenseits der Tätigkeiten im Verein.

„Respekt für die Natur und alle Lebewesen ist das, was ich auch der Jugend – etwa bei Kindergartenaktionen im Verein – vermitteln will. Man sollte keinen Käfer zertreten und keinen Menschen missachten“, sagt Witschel.

Er atmet durch, beobachtet das Erwachen des Frühlings: „Wenn ich aufwache und höre die Amsel singen, bin ich glücklich. Wenn in der Dämmerung die Nachtigall ihre vieltönenden Lieder anstimmt, denke ich bei mir: Das ist der Lohn dafür, dass wir ihr zu überwintern halfen.“

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