Förderstipendium Kunst und Kultur

Neue Stipendiatin der Stadt berichtet: "Wir können immer was verändern"

Zum 25. Mal wird das Förderstipendium Kunst und Kultur der Stadt Rüsselsheim verliehen. Diesmal geht es an eine Künstlerin, die eigentlich nie zu einer werden wollte, aber trotzdem Aufsehen erregt.

Das 25. Förderstipendium der Stadt 2016 geht an die Kulturwissenschaftlerin und Projektkünstlerin Tamara Dauenhauer (33). Am Mittwoch wird das Stipendium offiziell übergeben. Madame Tamtam, in Rüsselsheim geboren, lebt in Berlin und hat vor Ort schon mehrfach mit Installationen Aufsehen erregt.

Aber wer ist eigentlich Tamara Dauenhauer? Diesmal muss Opelvillenkuratorin Beate Kemfert ebenso passen wie die Rüsselsheimer Grande Dame der Künste, Inge Besgen. Steffen Jobst indes, markantes Enfant terrible der Kunstszene, sowie auch Kulturdezernent Dennis Grieser (Grüne) ist das Wirken Dauenhauers alias Madame Tamtam bestens bekannt.

Dass die Verleihung des Förderstipendiums 2016 für manchen eine Überraschung ist, mag daran liegen, dass Dauenhauer künstlerisch herausfordernd gegen den Strom schwimmt. Nicht Kunstästhetik sondern Installation und Performance, die Mut zum Umdenken bewirken, liegen der Kulturwissenschaftlerin am Herzen. „Was irritiert, setzt kreative Impulse frei,“ so Dauenhauer im Echo-Gespräch.

Weder zu übersehen noch zu unterschätzen ist Dauenhauer, die in eigenwilligem Aufputz mit radgroßem Hut zwar in ihrer Wahlheimat Berlin, umgeben von Performancekünstlern, nicht auffällt – in Rüsselsheim aber wohl. „Ich mag Chaos. Chaos ist interessant,

Chaos ist Nichtwissen

. Darin schlummern Potenziale, um kreativ zu werden. In Rüsselsheim ist alles leider so geordnet. Das müsste nicht sein“, sagt sie in zwiespältiger Verbundenheit zur Stadt.

Transformationsprozesse, die die Perspektive auf die Stadt verändern, standen auch im Zentrum ihres vierjährigen Arbeitszyklus’, der bis 2016 im Kultursommer unter den Mottos „Re-Cycle“, „Re-Claim“, „Re-Create“ und „Re-Animate“ stand. Um die Ruine im Stadtpark etwa waren 2014 großformatige, auf Plexiglas gezogene Fotografien zu sehen. „Utopia“ nannte Dauenhauer die Installation. Unterlegt mit Worten von Henri Matisse – „Es gibt überall Blumen für den, der sie sehen will“ – hatte sie profane, industrielle und vernachlässigte Orte ihrer Heimatstadt mit Schaffensfreude farbenfroh verfremdet.

2016 schließlich trug ihre – erneut vom Publikum wenig beachtete – Plexiglas-Installation im Kultursommer den Namen „Mahnmal für ein freies Denken“.

Dauenhauer: „Es geht mir bei Interventionen im öffentlichen Raum darum, Impulse und Irritation in Auseinandersetzung mit Kunst als persönlichen und gesellschaftlichen

Entwicklungsmotor

zu begreifen.“ Sie pointiert: „Wirklichkeit neu zu gestalten, das ist es. Wir können immer was verändern.“

Kulturdezernent Grieser sagt anlässlich der bevorstehenden Verleihung des Förderstipendiums: „Der Blick von außen auf die Stadt tut gut und zeigt frische Perspektiven auf. Ich bin gespannt auf Dauenhauers Projekt im Rahmen des Stipendiums.“

4200 Euro stehen ihr für das binnen eines Jahres zu verwirklichende Projekt zur Verfügung. Dauenhauer arbeitet hauptberuflich als Bildredakteurin bei den Magazinen „Zitty“ und „Tip“, und sie führt ein Studio für Projektentwicklung und Eventsponsoring.

Dauenhauer, die 2003 an der Gustav-Heinemann-Schule Abitur machte, bevor sie in Frankfurt (Oder) studierte und in den Berliner Stadtteil Kreuzberg zog, sagt: „Ich wollte nie Künstlerin sein, aber Kunst machen. Mich interessiert der Inhalt. Mehr Konzeption als Handwerk.“

Dauenhauers Leitwort heißt Eigenverantwortung. „Wo Resignation und Unzufriedenheit herrschen – das ist auch Tenor in Rüsselsheim, dabei gibt es hier viel Potenzial – will ich Denkanstöße und Handlungsimpulse setzen.“ Das tut Tamara Dauenhauer in beeindruckender Konsequenz jenseits der Kunsttrends seit Jahren – solistisch und im Kollektiv. So auch mit Steffen Jobst. Jobst hält auch die Laudatio zur Preisverleihung, Musik trägt das Trio um Matthias Vogt, Förderstipendiat von 1999, bei. „Ich bin glücklich über das Stipendium. Vielleicht führt es dazu, dass sich mehr Leute damit auseinandersetzen, was ich mache“, sagt Madame Tamtam.

Tamara Dauenhauer vorangegangen als Förderstipendiat der Stadt ist im vergangenen Jahr der junge Musiker Fabian Dudek.

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