Dieses Ehepaar mit zwei Kindern, Kinderwagen und schweren Einkaufstaschen muss wegen des defekten Fahrstuhls bis in den 8. Stock laufen. Das Hochhaus in der Lucas-Cranach-Straße (ehemals Lufthansa-Hochhaus) ist zum Problemfall geworden. FOTO: hA
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Dieses Ehepaar mit zwei Kindern, Kinderwagen und schweren Einkaufstaschen muss wegen des defekten Fahrstuhls bis in den 8. Stock laufen. Das Hochhaus in der Lucas-Cranach-Straße (ehemals Lufthansa-Hochhaus) ist zum Problemfall geworden.

Wohnen

Mieter sauer und hilflos: Trotz gravierender Mängel passiert am Hochhaus nichts

Ihr Hochhaus in der Lucas-Cranach-Straße ist voller Mängel - die Mieter wehren sich, doch einige bekommen sogar die fristlose Kündigung.

Rüsselsheim "Der Aufzug ist schon wieder kaputt", ruft es am Montagabend schon von Weitem, als das Echo den Mietern im Hochhaus in der Lucas-Cranach-Straße 26 einen Besuch abstattet. Vor der Haustür stehen einige Bewohnerinnen und Bewohner und klagen dem Journalisten sofort ihr Leid. Eine Zumutung sei das in diesem Haus. Die Hausverwaltung kümmere sich nicht um die Mängel. Seit es vor eineinhalb Jahren in einem Keller gebrannt hat, haben die Mängel zugenommen.

Der Aufzug sei monatelang kaputt gewesen, berichtet zum Beispiel Mieter Engelbert Baar. Der Lehrer wohnt Gottseidank nur im dritten Stock. Der ist noch gut zu Fuß erreichbar. Viel härter trifft es eine Familie, die im 8. Stockwerk des zehn Stockwerke hohen Hauses wohnt. Sie kommt gerade vom Einkaufen, ist schwer bepackt, hat einen Kinderwagen und zwei Kinder dabei. Die Frau ist zudem schwanger. Ratlos stehen sie vor der Treppe und wissen nicht, wie sie ohne funktionierenden Aufzug den Kinderwagen und die schweren Taschen mit den Einkäufen in den achten Stock schaffen sollen. "Das geht mehrmals pro Woche so", erzählt eine Mieterin. Vergangene Woche sei sogar zweimal die Feuerwehr angerückt, weil der Aufzug stecken geblieben war und Personen befreit werden mussten.

Rüsselsheim: Mieter im Hochhaus haben Miete gekürzt

Viele wollen aus Angst vor Repressalien durch die Hausverwaltung ihre Namen nicht nennen. Kein Wunder, denn 16 Mietparteien haben vergangene Woche von der Hausverwaltung die fristlose Kündigung bekommen. Weil monatelang die Heizung nur unzureichend funktionierte, der Aufzug stillstand, sie weder Internet noch Satellitenempfang hatten und das Festnetztelefon keinen Ton von sich gab, haben sie die Miete gekürzt. Nun wurde ihnen vorgerechnet, sie seien mit zwei Monatsmieten im Rückstand. Deshalb die fristlose Kündigung.

Engelbert Baar hat genau aufgelistet, warum er wegen welchem Mangel die Miete um wieviel Prozent gekürzt hat. Am Montag war er mit zwei anderen Mietern beim Rüsselsheimer Mieterverein, um sich Rat zu holen. Der geht jetzt gegen die Kündigungen vor, die er für ungerechtfertigt und rechtlich vor Gericht nicht für durchsetzungsfähig hält.

Ständiger Wechsel der Hausverwaltung des Hochhauses in Rüsselsheim

Seit Jahren würden Mängel in dem Haus nicht beseitigt, erzählt Baar. Die Hausverwaltung wechsele ständig. Derzeit ist die Weinberg Capital GmbH aus Frankfurt zuständig. Sie gehört Sergey Weinberg. Geschäftsführerin ist laut Impressum auf der Internetseite des Unternehmens Jessica Weinberg, geborene Wille. Das gesamte Hochhaus in der Lucas-Cranach-Straße gehört laut Baar einer Besitzerin namens Wille. Da bestehen wohl familiäre Bande zwischen der Besitzerin und der Hausverwaltung.

Baar hat nach eigenen Angaben unzählige Briefe an die verschiedenen Hausverwaltungen geschrieben und nie eine Antwort erhalten. Er habe auf die Mängel hingewiesen und um deren Beseitigung gebeten. Nie habe er Antwort bekommen.

Bei einem Gang durch das Haus, dessen Treppenhaus wohl seit Jahrzehnten nicht saniert wurde, zeigt er die Mängel. Auf dem Weg in den Keller sind große Brocken aus der Wand unter einem Fenster herausgehauen worden. Ein Kellerverschlag ist aufgebrochen. Die neuen Leitungen für den Sat-Empfang hängen aus einem offenen Kasten heraus, der Deckel steht am Boden. Bis heute funktioniere der Sat-Empfang in einigen Wohnungen nicht, so Baar. Als seine Schüler wegen Corona Unterricht zu Hause hatten, konnte ihr Lehrer nur mit ihnen kommunizieren, wenn er sich irgendwo außerhalb des Hauses einen Platz mit Internetempfang suchte.

Auch das macht keinen guten Eindruck: Schaden an einer Wand auf dem Weg in den Keller.

Hochhaus in Rüsselsheim: Mieter sollen Wohnungen verlassen

Vor der Haustür weist eine Frau auf den dunklen Weg vom Hauseingang zur Lucas-Cranach-Straße hin. Eine funktionierende Lampe gibt es dort nicht. In der Dunkelheit stolpern die Bewohner über unebene Platten.

Eine andere Frau zeigt auf die Haustür. Jahrelang schon sei das Schloss kaputt, die Haustür nicht mehr abzuschließen. "Hier kann jeder rein".

Das haben laut Baar in den vergangenen Monaten immer wieder Jugendliche genutzt, die bis auf das Dach des Hochhauses geklettert seien und dort Party gemacht hätten. Einmal sei ein Einkaufswagen vom Dach auf die Grünfläche vor dem Haus geworfen worden, in den Kellern seien Dinge weggekommen. Ob die Jugendlichen zu Familien aus dem Haus gehören oder von außerhalb kamen, weiß Baar nicht.

Die Mieter wollen sich auf keinen Fall dem Druck der Hausverwaltung beugen und, wie gefordert, bis 15. Oktober ihre Wohnungen verlassen.

Mieter diskutieren vor dem Haus mit Engelbert Baar (rechts) über die Zustände im Haus.

Rüsselsheim: Kein Kontakt zum Hausverwalter möglich

Auch Baar kämpft zwar weiter, überlegt aber, ob er aus dem Haus, in dem er seit 2017 wohnt, wieder auszieht. "Das ist zu viel", seufzt der 64-Jährige. Seinen bevorstehenden Ruhestand will er lieber in einer intakten Umgebung verbringen.

Der Versuch, mit dem zuständigen Hausverwalter telefonisch Kontakt aufzunehmen, scheitert. Am Telefon heißt es, wegen der vielen Altfälle könne er auf telefonische Anfragen nicht reagieren, man solle eine E-Mail schreiben. Aber auf die gab es, wie erwähnt, laut Baar in den vergangenen Monaten keinerlei Reaktion. Auch auf eine E-Mail des Echo haben weder der Hausverwalter noch die Weinberg Capital GmbH reagiert. (Hans-Dieter Erlenbach)

Dürfte so nicht sein: Die neu installierten SAT-Kabel im Keller sind frei zugänglich.

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