Apotheken im Kreis unter Druck

Online-Handel verursacht Schmerzen

Der Internet-Handel von Arzneimittel boomt: Die Medikamente sind günstiger, die Bestellung bequemer. Doch was bedeutet dieser Trend für die Apotheken vor Ort?

Zuerst Musikläden, dann der Buchhandel – nun also auch die Apotheken: Der Internet-Versandhandel mit Arzneimitteln und Medizinprodukten boomt in Deutschland und entwickelt sich zu einer existenziellen Bedrohung für örtliche Apotheken. Kopfschmerztabletten, Fieberthermometer und Handcreme lassen sich bequem im Internet bestellen, meist sind die Produkte auch günstiger als bei den örtlichen Apotheken. Die in Teilen gravierenden Preisunterschiede kommen zustande, weil sich ausländische Versandapotheken nach einem Beschluss des Europäischen Gerichtshofs nicht an die deutsche Arzneimittelpreisverordnung halten müssen. Das heißt, dass sie rezeptpflichtige Medikamente zu günstigeren, aber auch teureren Preisen anbieten dürfen als die örtlichen Apotheken.

Konkurrenz wächst

Auch an Rüsselsheim geht diese Entwicklung nicht spurlos vorüber. „Seit drei, vier Jahren spüren wir die Konkurrenz aus dem Internet deutlich“, sagt etwa Olga Reisch, Leiterin der Rüsselsheimer Löwen-Apotheke. „Der Trend geht leider dahin, dass sich Leute bei uns beraten lassen, die Produkte aber im Internet bestellen.“

Ein Phänomen, dass Katja Förster vom Hessischen Apothekerverband nicht unbekannt ist: „Wie in anderen Branchen haben auch Apotheken mit der Konkurrenz des Online-Handels zu kämpfen.“ 2016 habe der Anteil des Versandes von verschreibungspflichtigen Medikamenten (RX) bei rund einem Prozent gelegen, sagt Förster. Laut einer Prognose des Deutschen Apothekerverbandes wird dieser Anteil jedoch mittelfristig auf zehn Prozent ansteigen. Für viele Apotheken ist das eine existenzielle Bedrohung.

Die Rüsselsheimer Löwen-Apotheke hat zwar eine eigene Internet-Seite, doch kann man hier keine Produkte bestellen, sondern lediglich vormerken. „Wir setzen auf unser Apothekenpersonal, das den Kunden berät, ihn über Nebenwirkungen aufklärt und über mögliche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten informieren kann“, sagt Ruth Kreuz, pharmazeutisch-technische Assistentin in der Löwen-Apotheke.

Ein besonderer Vorteil der Präsenzapotheke sei zudem eine Kundenkartei: „Da können wir genau erkennen, welche Medikamenten-Historie ein Patient hat.“ Unverständnis herrscht auch in Rüsselsheim darüber, weshalb sich Internet-Apotheken nicht an die Preisverordnung halten müssen. „Was ist das Argument?“, fragen die Apothekerinnen.

Wettbewerbsverzerrung

Auch in der Politik wird über diese Entwicklung diskutiert. So stellte etwa kürzlich die FDP die Forderung, dass besondere Leistungen wie beispielsweise individuelle Beratungen abgerechnet werden können. Weiter sagt die Partei, dass durch die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs eine Wettbewerbsverzerrung zulasten der deutschen Präsenzapotheken entstanden sei. cp

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