Rennbahn

Das Opel-Oval, das fast keiner mehr kennt

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Fährt man auf der Darmstädter Straße zwischen Rüsselsheim und Trebur daran vorbei, sieht man flüchtig nicht mehr als ein ganz normales Stück Wald.

Fährt man auf der Darmstädter Straße zwischen Rüsselsheim und Trebur daran vorbei, sieht man flüchtig nicht mehr als ein ganz normales Stück Wald. Schaut man genauer hin, erkennt man vielleicht ein paar Betonreste zwischen Unkraut, Gestrüpp und Bäumen hervorstechen. Was hier seinen Dornröschen-Schlaf schlummert, war vor knapp hundert Jahren ein Besuchsmagnet für Motorsportfans von überall her.

Kaum vorstellbar das an Rennwochenenden bis zu 50 000 Menschen an diesen unscheinbaren Ort kamen. Zumal in dieser Zeit Rüsselsheim ganze 8000 Einwohner hatte. Lange bevor es Avus, Nürburgring oder Hockenheim gab, unterhielt die Firma Adam Opel hier ein 1,5 Kilometer langes und zwölf Meter breites Betonoval mit bis zu 32 Grad überhöhten Steilkurven, die Geschwindigkeiten von bis zu 140 km/h erlaubten – die zu dieser Zeit schnellste Rennstrecke Europas. Die „Opel-Renn- und Versuchsbahn“, wie sie offiziell hieß, wurde am 24. Oktober 1920 eingeweiht.

Opel hatte zuvor Testfahrten auf öffentlichen Straßen durchgeführt, was in dem beschaulichen Ort immer wieder wegen des Lärms zu Unmut führte. Eine sogenannte Einfahrbahn, die ebenso zu Testfahrten benutzt wurde, erwies sich für Probefahrten mit höheren Geschwindigkeiten als ungeeignet. Deshalb entschloss man sich, wohl auch auf höheren politischen Druck des Landgrafen, außerhalb der Stadt Rüsselsheim eine neue Bahn zu bauen.

Der Bischofsheimer Planer und Bauunternehmer Jakob Ritzert zeichnete verantwortlich für die Errichtung der Strecke etwa drei Kilometer südlich der Stadt in einem Waldgebiet. 1919 wurde die Bahn fertiggestellt, ein Jahr später fand das erste Rennen statt. An den Wochenenden wurde die Bahn für öffentliche Fahrrad-, Motorrad- und Autorennen genutzt. Legenden der Motorsportszene kamen. Unter anderen starteten hier Jimmie Simpson, Guido Mentasti und Hermann Lang, der später auch als Silberpfeil-Fahrer bekannt wurde.

Von fünf Tribünen aus, die sich im Innenraum des 15 Hektar großen Geländes befanden, konnte das Geschehen von den Zuschauern verfolgt werden. An die Versorgung der vielen Gäste wurde auch gedacht. Es gab Verkaufsbuden und eine musikalische Unterhaltung durch die Opel-Kapelle.

Renngeschehen von herausragender Bedeutung wurde beim 1922 ausgetragenen „Großen Opel-Preis“ geboten, dotiert mit stolzen 100 000 Reichsmark. Doch mit den Jahren entwickelte sich der Automobilsport weiter, andere Rennstrecken in Deutschland kamen hinzu, die bis heute noch bestehen: Nürburgring und Hockenheimring. Ab den 1930er Jahren wurden in Rüsselsheim immer weniger Rennen ausgetragen. 1946 wurde die Nutzung der Rennbahn durch Opel vollständig aufgegeben, die Anlage blieb aber bestehen. Im Jahr 1949 lief der Pachtvertrag mit der Stadt Mainz aus. An einigen Stellen wurden fortan Löcher in die Piste geschlagen, um dort Bäume anzupflanzen.

Das Gelände ist heute im Besitz der Stadt Mainz. Sie betreibt hier im Wasserschutzgebiet ein Wasserwerk. 1987 wurde die Opel-Rennbahn als technisches Kulturdenkmal eingetragen. Seit 2013 überragt ein kleines Besucherpodest die Nordkurve. Dort haben der Regionalpark und die Stadt Rüsselsheim ein Stückchen Strecke freigelegt und zahlreiche Infotafeln aufgestellt. Ganz in Vergessenheit geraten ist die ehemalige Rennstrecke also nicht. Mittlerweile hat sich ein Verein gegründet, um die Piste zu erhalten – und eines Tages vielleicht sogar wieder begehbar zu machen.

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