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Als am Opelwerk zwei Türme geplant waren

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Am Montag wäre er 150 Jahre alt geworden. Der Architekt Paul Meissner baute Kirchen, Villen, Brücken und einiges mehr. Eine wichtige Facette seines Schaffens war das Opelwerk. Aus Anlass seines 150. Geburtstags lud die TH Darmstadt, in der er viele Jahre lehrte, gemeinsam mit der Kunst- und Kulturstiftung Opelvillen zu einem Vortrag ein.

Peter Schirmbeck war mehr als 30 Jahre lang Leiter des Rüsselsheimer Stadt- und Industriemuseums. Er sagte sofort zu, als er gebeten wurde, einen Vortrag über die Architektur der Opelwerke und insbesondere über deren Architekten zu halten. Drei Jahre lang arbeitete Schirmbeck an einer Aufstellung über die 130-jährige Baugeschichte des Opelwerks und fand dabei Interessantes. Denn vom Jugendstil bis hin zur Moderne sind auf dem zweieinhalb Quadratkilometer großen Werksgelände alle Stilrichtungen zu finden.

„Alle wesentlichen Merkmale industrieller Entwicklung finden sich im Opelwerk wieder“, erläuterte Schirmbeck und zeigte den Gästen des Abends auch architektonische Entwürfe, die niemals realisiert wurden. Statt des einen Opelturms, der 1929 gebaut wurde, sollten ursprünglich zwei Türme entstehen, die doppelt so hoch und an der Spitze mit Leuchtkugeln versehen sein sollten. Damit hätten die Türme zur damaligen Zeit weit über das Rhein-Main-Gebiet gestrahlt, so der Referent. Der Grund, weshalb sie nicht errichtet wurden, sei nicht klar. Schirmbeck nimmt jedoch an, dass dies mit dem Verkauf der Fabrik an die Firma General Motors zu tun hatte, die keine Zweckmäßigkeit in diesen Türmen sah.

Unterstützt durch alte Aufnahmen und Karten aus dem Rüsselsheimer Stadtmuseum referierte er kurzweilig über verschiedene Stilrichtungen, wie sie an einzelnen Gebäuden zu entdecken waren. Der damalige Nordtrakt zeigte an Teilen des Daches deutliche Jugendstilformen, die jedoch aus Kostengründen nicht am gesamten Dach ausgeführt wurden.

Ein Paukenschlag

Nach dem großen Brand 1911 war Paul Meissner als Architekt für den Wiederaufbau verantwortlich und sorgte laut Schirmbeck für einen Paukenschlag mit seinem Portalfabrikbau. Auf Basis einer Eisenbetonkonstruktion, die mit rotem Backstein vertäfelt war, entwickelte er auf der Ostseite ein Gesamtgebäude in mehreren Bauabschnitten zwischen 1912 und 1921. Büros und die Fahrradproduktion fanden dort ihren Sitz. Ursprünglich waren drei Portale vorgesehen. Später entstanden zwei Portale, die jedoch höher waren.

Neoklassizistische, klare Formen verwendete der Architekt ebenfalls für die Bauten in Richtung Westen. Auch dort mündeten die Gebäude in turmähnlichen Gebilden, an denen auf den Gesimsen der Opel-Schriftzug in Beton gegossen war. Diese Mischung aus Funktionalität und Ästhetik war damals neu.

Bei seinen Recherchen fand Schirmbeck zudem heraus, dass Opel das erste Fließband einführte. Nur wo genau es stand, war nicht bekannt. Durch den Kontakt mit einem mehr als 90-jährigen ehemaligen Opel-Mitarbeiter erfuhr er schließlich, dass das Gebäude A 9 der Ort war, wo sich das Fließband befand.

Zwischen 1916 und 1929 entstand an der Südseite des Opelwerks entlang der Bahngleise ein weiterer Fabriktrakt. Wer in der S-Bahn Richtung Wiesbaden unterwegs ist, kann dieses Gebäude bis heute sehen.

Zukunft des Gebäudes

Drei Jahre lang recherchierte Schirmbeck rund um die Architektur von Opel und deren Architekten Meissner, um seine Kenntnisse in einem Buch zu veröffentlichen. Auch bei seinem Vortrag in den Opelvillen zeigte der Referent starkes Interesse an der Zukunft der Opelgebäude.

Sie dürften nicht abgerissen werden, um einem Kaufhauskomplex zu weichen, wie es einmal geplant gewesen war, so Schirmbeck. Er bekräftigte seine Überzeugung, das Opelareal müsse erhalten und gepflegt werden, da es von besonderer Bedeutung für die Industriearchitektur sei. Eine Tatsache, die von vielen bislang nicht erkannt worden sei.

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