Der Tatort in der Nähe des Löwenplatzes am Tattag des 19. Juni 2020. Polizisten haben den Bereich abgesperrt und sichern Spuren. foto: 5visionmedia
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Der Tatort in der Nähe des Löwenplatzes am Tattag des 19. Juni 2020. Polizisten haben den Bereich abgesperrt und sichern Spuren.

Gericht

Opfer sieht sich um Zukunft gebracht

  • VonWalter Scheele
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Erster Verhandlungstag im Prozess um die Messerstecherei im Drogenmilieu am Löwenplatz: Die Angeklagten legen Geständnisse ab. Auch die Opfer melden sich zu Wort.

Rüsselsheim -Licht in das Dunkel um eine Messerstecherei im Rüsselsheimer Drogenmilieu zu bringen, das möchte seit gestern die 11. Große Strafkammer am Landgericht in Darmstadt. Beide Angeklagte, 24 und 26 Jahre alt, überraschten gleich zu Beginn das Schwurgericht. Sie ließen von ihren Verteidigern am ersten Prozesstag am Dienstagmorgen umfassende Geständnisse verlesen.

Die Einlassungen des Duos, der Ältere ist in Untersuchungshaft, deckten sich jedoch in weiten Passagen nicht mit der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft. Besonders wiesen sie weit von sich, irgendetwas mit Drogengeschäften im Bereich zwischen Bahnhof und Löwenplatz in der Rüsselsheimer Innenstadt zu tun zu haben. Angeklagt ist jedoch, dass es wegen eines Drogendeals zwischen den beiden Männern und ihrem Kunden (20) zu Unstimmigkeiten und schließlich einer Schlägerei kam.

Im Verlauf der tätlichen Auseinandersetzung zogen, so stellte es sich am ersten Verhandlungstag dar, beide Seiten Messer. Wer als erster eine Stichwaffe in der Hand hatte, darüber gingen die Angaben weit auseinander.

Die beiden Angeklagten stimmten in ihren Aussagen so weit überein, dass es der am Ende relativ schwer verletzte 20-Jährige war. Er sei in der Drogendealerszene rund um den Löwenplatz bekannt, gaben die beiden an. Er habe am Tattag, dem 19. Juni 2020, von ihnen Marihuana kaufen wollen.

"Nur als Dolmetscher"

Das Ansinnen sei zurückgewiesen worden, heißt es dann weiter. "Stoff" werde nur an gute Bekannte verkauft. Denn "die Stadt ist voller Polizei, viel zu gefährlich, Stoff mit sich rumzutragen", heißt es von einem der Angeklagten, der sich damit auch widerspricht, selbst etwas mit Drogengeschäften überhaupt zu tun zu haben. Und dann: Schließlich habe ein Mittelsmann den Männern in der Szene weiterhelfen wollen. Doch dabei kam es zum Streit.

Der nach eigenen Angaben 17-Jährige habe "nur als Dolmetscher" fungieren sollen, sagte er vor Gericht als Zeuge. Doch sehr schnell sei es zum Streit gekommen und er habe sich in sichere Entfernung verzogen. Er habe vor einem Café am Löwenplatz das weitere Geschehen beobachtet, aber nichts Genaues gesehen.

Das Gebiet um den Löwenplatz ist als Umschlagplatz für Drogen verrufen. Kripo-Experten sind sicher, dass hier zwei kurdische Familienclans um die Vormacht auf dem Drogenmarkt streiten, während Kleinkriminelle abzusahnen versuchen, was an Kunden übrig bleibt.

Im seit gestern laufenden Prozess gaben die beiden Angeklagten zu, sich mit ihrem Opfer geschlagen zu haben. Der 20-Jährige habe zuerst von dem 26-Jährigen ein Handy auf den Mund geschlagen bekommen, dann habe ihm der 24-Jährige "von hinten kräftig auf die Ohren" gegeben. Wer wann und wie die vier tiefen Stiche in Lunge, Zwerchfell und Leber des 20-Jährigen gesetzt haben soll, wurde am ersten Verhandlungstag nicht klar. Auch wer seiner Verlobten (26) einen tiefen Stich in ihr Hinterteil versetzt hat, blieb unklar. Ebenso wenig konnte die Frau sagen, wer ihr in den Oberschenkel gestochen hatte.

Entschuldigung lehnt er ab

"Meine rechte Pobacke musste zweimal genäht werden", beklagte sie als Zeugin. Jetzt, bekundet die junge Frau, werde sie ihren Realschulabschluss machen, wenn sie denn länger sitzen könne.

Ganz andere Zukunftspläne hat das männliche Opfer der Messerattacke. Der 20-Jährige ließ als Nebenkläger das Schwurgericht wissen: "Durch diesen Vorfall ist mein Leben ruiniert. Ich kann nix mehr arbeiten, keinen Sport mehr machen." Gelernt hat er allerdings bisher keinen Beruf, denn die passende Ausbildung habe er bis zu dem Vorfall nicht gefunden.

Eine Entschuldigung der Täter lehnte er ab: "Ihr wolltet mich auf den Friedhof bringen, da scheiß' ich auf Eure Entschuldigung", sagte er vor Gericht.

Der Verteidiger des 26-jährigen Angeklagten mochte diese Tirade nicht so einfach stehenlassen. Rechtsanwalt Axel Kollbach brachte ins Gespräch, dass Zeugen das Opfer der Messerattacke beim Fitnesstraining in einem Sportstudio gesehen haben wollen. "Wo er quietschfidel mit Hanteln hantiert hat."

Mit dieser Frage konfrontiert, bestätigte die Verlobte des durch die Messerstiche vermeintlich um seine Zukunft gebrachten 20-Jährigen allerdings sportliche Tätigkeiten ihres Galans. Er trainiere wie früher, sagte sie aus. Auch mit Hanteln. Walter Scheele

Verhandlung geht weiter

Der Prozess soll am morgigen Donnerstag fortgesetzt werden. Zwei weitere Termine stehen an.

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