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Die Klaviatur wird erneuert. Auch die Registerzüge rechts und links haben schon bessere Zeiten gesehen.

Umbau in Rüsselsheim

Orgelbauer ziehen alle Register - Instrument in der Stadtkirche wird umgebaut

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Drei Meter lang ist die längste Pfeife, einen Zentimeter misst die kleinste. Alle 1618 Pfeifen der Stadtkirchen-Orgel kommen jetzt in die Werkstatt und das ganze Innenleben dazu.

Rüsselsheim - Rainer Bingel lässt Tonleitern von den tiefen zu den hohen Tönen an- und abschwellen. Es ist sein letzter Test, bevor die Orgel in der Stadtkirche zerlegt und in Einzelteilen in eine Werkstatt nach Lich gebracht wird. Bis zum Ende der Woche wollen er und seine beiden Kollegen Johannes Beckers und Eric Schönberner bis auf das Gehäuse alles demontiert haben.

Bei einigen Teilen sieht auch der Laie, dass etwas getan werden muss. Die grüne Beschriftung der Registerknöpfe rechts und links neben der Klaviatur ist zum Teil vollständig verschwunden. Mit Edding wurde nachgebessert.

Die mechanischen Teile werden gereinigt, Verschleißteile ersetzt. „Damit wieder 40, 50 Jahre Ruhe ist“, sagt Beckers. Das Hauptmanual wird klanglich anders gestaltet, ein neues Trompeten-Register installiert.

Display über der Tastatur

Tatsächlich erfolgt auch ein technischer Umbau. Die größte Veränderung wird eine Setzeranlage sein. Dort, wo heute noch Reste von Klebestreifen von der Befestigung verschiedener Zettel zeugen, wird der Organist nach der Renovierung ein Display vor sich haben. „Eine Setzeranlage ist eine Registrierhilfe“, erklärt Bingel. Damit könne der Organist eine Registrierung vorher festlegen, speichern und computergesteuert aktivieren. Bei einem Konzert wäre dann kein zweiter Mann mehr nötig, um schnell die entsprechenden Register zu ziehen, sagt Bingel, der nicht nur Orgelbauer, sondern auch Kirchenmusiker ist.

Erneuert wird auch die Klaviatur. Vieles werde auch erst später in der Werkstatt geklärt. Die Restaurierung sei ein Prozess. Eines verspricht Bingel: „Der Gesamtklang wird sich nicht verändern.“

Eigentlich ist die Orgel relativ neu. Drei kleine Schilder am Spieltisch geben Auskunft. Auf dem einen steht „Erbaut 1953“, auf dem zweiten „Opus 3069“, auf dem dritten „E. F. Walcker + Cie, Ludwigsburg Wttbg.“. Es handelt sich also um die 3069. Orgel, die von der Firma Walcker gebaut wurde. Einst ein renommiertes Unternehmen, das weltweit bekannt war.

„Der Grundcharakter der Orgel ist zufriedenstellend und dem Raum angemessen“, stellt Bingel fest. Die Mechanik ist es nicht. Es handele sich um eine Nachkriegsorgel. Seinerzeit seien nicht alle notwendigen Materialien vorhanden gewesen.

Zur Generalüberholung nehmen die Spezialisten wohl alle 1618 Pfeifen mit: die drei Meter lange ebenso wie die einen Zentimeter kurze, die aus Holz ebenso wie die aus Zink oder einer Zinn-Blei-Mischung. In der Werkstatt der Firma „Förster & Nicolaus“ wird das Instrument aus der evangelischen Stadtkirche neben einem ganz besonderen restauriert. Dort wird derzeit auch die Orgel aus der Basilika in Ilbenstadt bearbeitet, eine der letzten großen Barockorgeln im Bistum Mainz.

Zu wenig Feuchtigkeit

Kaum zu glauben, dass der heiße Extremsommer auch den Orgelbauern zu schaffen macht. „Der Sommer war so warm, dass die Kirchengebäude keine Feuchtigkeit speichern konnten“, sagt Bingel. In der Stadtkirche hat er eine Luftfeuchtigkeit von gerade mal 38,5 Prozent gemessen. Viel zu wenig für ein so großes Gebilde aus Holz. Es können Risse entstehen, der Orgelwind strömt in Pfeifen, die gar nicht gespielt wurden, der falsch gelenkte Luftstrom lässt Heuler entstehen. Die Handwerker gießen deshalb Wasser auf alle Steinfußböden, um die Luftfeuchtigkeit zu erhöhen.

Drei Monate wird die „Königin der Instrumente“ aus Rüsselsheim in Lich verbringen, danach peu à peu wieder in der Stadtkirche eingebaut. Rund 155 000 Euro werden die Arbeiten kosten. Im September soll die Orgel wieder erklingen. Pfarrer Andreas Jung: „Unser Organist freut sich schon darauf.“ Wird er sich umstellen, möglicherweise sogar geschult werden müssen? „Das ist wie mit einem Auto. Da sind Blinker und Hebel für Scheibenwischer an verschiedenen Stellen, aber fahren kann man trotzdem“, sagt Bingel.

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