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Pfarrerin Maria Heiligenthal: ?Haltung ist etwas sehr Lebendiges.?

Reformation

Pfarrerin Maria Heiligenthal spricht über Luthers Bedeutung in der Gegenwart

Um Luther kommt in diesem Jahr keiner herum – ganz besonders natürlich nicht die evangelische Kirche, die dem Theologieprofessor ihre Basis verdankt. Mit Pfarrerin Maria Heiligenthal haben wir darüber gesprochen, was Luthers Lehren heute noch bedeuten und wieso der Reformator kein perfektes Vorbild ist.

„Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ – der Satz, zwar historisch nicht belegt, gilt als Manifest Martin Luthers für seinen Glauben. So einen Luthermoment hat Maria Heiligenthal, Pfarrerin in Königstädten, oft: „Entgegen aller Widerstände an meinem Glauben dranzubleiben und den Willen zu haben, etwas zu ändern: Das ist das, was mich als Christin antreibt“, sagt sie.

Luther-Momente, erzählt sie, seien zum Beispiel solche, in denen man Haltung zeigt, den Mund aufmacht, auf Missstände hinweist – auch, wenn das erst mal unbequem ist. Von Prinzipien will sie in dem Zusammenhang lieber nicht sprechen, „die sind schwierig und können auch einengen. Haltung ist dagegen etwas sehr Lebendiges.“

Heiligenthal hat schon von Berufs wegen viel mit Luther zu tun, aber eigentlich begleitet sie der Reformator schon seit frühester Kindheit. „Mein Vater war auch Pfarrer, ich bin in einer Lutherischen Kirche großgeworden“, sagt sie. „Martin Luther mochte ich als denjenigen, der eine wichtige Entdeckung für andere gemacht hat – und weil sein Gottesbild versöhnend und gnädig war.“

Dass die Figur Luthers beispielsweise aufgrund seiner Einstellung zum Judentum oder seiner indirekten Einwirkung auf die Bauernkriege eine ambivalente ist, ist auch für sie nicht zu leugnen.

„Da ist einiges richtig schiefgelaufen“, sagt Heiligenthal. „Menschen machen Fehler – das ist traurig, aber man muss damit umgehen.“ Man dürfe die Schuld, die man auf sich geladen hat, nicht kleinreden, aber man müsse die Chance kriegen, es besser zu machen. Das sei nur im Sinne von Luthers Bild von einem gnädigen Gott, der jemandem wieder etwas zutraut. „Genau wie es kein Gottesbild ohne Widersprüche gibt, so gibt es auch keine widersprüchlichen Menschen oder Vorbilder“, so die Pfarrerin.

Und trotzdem, findet sie, ist es die Grundhaltung Luthers, die heute wie vor 500 Jahren etwas verändern kann. „Die Mächtigen dieser Welt haben eine bestimmte Vorstellung davon, wie Gemeinschaft für ihre Interessen funktionieren soll. Und dann gibt es Menschen, die aufstehen und sich für mehr Menschlichkeit einsetzen. Menschen, die wie Martin Luther etwas hinterfragen, gibt es noch heute.“

Für Heiligenthal ist auch die Reformation nichts verstaubtes, was eben vor fünf Jahrhunderten stattgefunden hat: „Die Kirche verändert sich immer, darin wirkt Luther fort“, weiß sie. „Dass heute eine kirchliche Segnung gleichgeschlechtlicher Paare möglich ist, dass verschiedene Familienmodelle unterstützt werden: DAS ist Reformation!“ Gut vorstellbar, dass Luther sich darüber gefreut hätte.

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