Geschichte

Professor Ernst Erich Metzner erzählt über die alte Stadtkirche

Hat sich Rüsselsheim erst in jüngster Vergangenheit vom Dorf zur Stadt entwickelt? Nein, sagt Professor Ernst Erich Metzner. Die Pläne dafür habe es schon viel früher gegeben. Ein gutes Beispiel dafür sei die Stadtkirche.

Noch immer steckt in Ernst Erich Metzner der alte Forschergeist. Tradiertes Geschichtswissen wiederzugeben, interessiert ihn weniger. Vielmehr das Aufspüren von Widersprüchen, Brüchen und Leerstellen. Gerne vertieft er sich dabei in anscheinend vernachlässigte Zeugnisse. Rätsel der Vergangenheit wecken einen regelrecht sportlichen Ehrgeiz in ihm. Das wird einem schnell klar, wenn man ihm zuhört.

Für ein Gespräch in seinem Wohnzimmer ist der emeritierte Philologe und Mediävist so gut vorbereitet, wie einst zu seinen stets gut besuchten Seminaren an der Frankfurter Goethe-Uni. Eine beeindruckende Zahl an Veröffentlichungen aus vielen Jahrzehnten wissenschaftlicher Arbeit liegt ausgebreitet auf Metzners Couchtisch, zu dessen Arbeitsschwerpunkten mittelalterliche Literatur und historische Sprachwissenschaft gehörten.

1793, vor 225 Jahren, wurde die Rüsselsheimer Stadtkirche am Marktplatz eingeweiht. Aus diesem Anlass hatte der Förderverein Kirchenmusik Ernst Erich Metzner zu einem Vortrag eingeladen. „Dafür bin ich sehr dankbar“ sagt der Rüsselsheimer, denn so habe er eine Gelegenheit gehabt, seine Thesen der Öffentlichkeit vorzustellen.

„Die Stadtkirche ist keine typische Dorfkirche, auch wenn Rüsselsheim einst sicherlich sehr dörflich wirkte “, beginnt Metzner. Dafür spreche der Grundriss des Gotteshauses. „Es gibt kein Kirchenschiff, sondern einen rechteckigen Grundriss“, sagt er. Mit den Kirchen in den umgebenden Orten habe sie wenig Ähnlichkeit, dafür aber umso mehr mit der Frankfurter Paulskirche.

Die Kirche erschien – anders als heute – innen, wie die in Frankfurt, rund und zwar aufgrund der einstigen Rundung der Empore. Diese wurde laut Metzner nach dem Vorbild des Tempels der Minerva in Rom gebaut.

Genau zu der Zeit sei Ludwig X, Landgraf von Hessen-Darmstadt, an die Macht gekommen. Erste reformerische Ansätze seien auch als Schutz vor einem Übergreifen der Französischen Revolution aus dem Nachbarland beschlossen worden. Vor diesem Hintergrund sei auch die „demokratischere“ Anordnung von Altar und Sitzreihen einzuordnen. Nun saß das Kirchenvolk nicht frontal auf den Altar ausgerichtet, sondern eher um den Altar herum, die Gläubigen waren näher am Pfarrer. Die Ähnlichkeit zur Paulskirche sei aber nicht nur dem Zeitgeist geschuldet, ergänzt Metzner. Zwar sei die später gebaut worden, jedoch habe sich der Architekt der Rüsselsheimer Kirche zuvor auch um den Bau der Paulskirche beworben. „Er wurde nicht ausgewählt, aber man kann davon ausgehen, dass er genau beobachtet hat, was sein Konkurrent in Frankfurt vorhatte.

Für Darmstadt sei Rüsselsheim mit seiner Lage am Main damals ein wichtiger Standort gewesen. „Rüsselsheim ist sehr geeignet für Handlung (Handel) wie denn auch von Rüsselsheim die meisten der Waren außer Landes gehen“, habe es in einem zeitgenössischen Dokument geheißen. Erst später habe durch die Vergrößerung des Landes zum Großherzogtum, Gernsheim Rüsselsheim als Hafenort den Rang abgelaufen.

Doch nicht erst hier sieht Metzner die Anfänge städtischen Lebens in der Opelstadt. Schon 1437 habe der Graf von Katzenellenbogen die Stadtrechte bekommen und durfte die Rüsselsheimer Festung bauen. Das damals bestehende Dorf habe von der Parkschule bis zur Schillereiche gereicht. Die Stadt, die nun gebaut wurde, sei als Hafenstadt mit Marktplatz nahe am Main geplant worden und zwar dort, wo sich heute noch die Innenstadt befindet.

Dass die Straßen damals rechtwinklig waren und der besonders geformte, südländisch vorgeprägte Marktplatz, eine ganz zentrale Lage hatte, an der sich die Hauptstraßen kreuzten, sei ein Beweis dafür, dass es Pläne gegeben habe, Rüsselsheim als Stadt noch weiter auszubauen. „Das wurde dann von den Städten Mainz und Frankfurt verhindert“, sagt Metzner. Und so seien später dann auch Bauernhäuser auf den Marktplatz gebaut worden und Rüsselsheim erschien langhin als Dorf.

„Mir ist wichtig, dass man den Rüsselsheimern klar macht, dass hier eine Kirche steht, die von Anfang an nicht für ein Bauerndorf, sondern für eine stadtähnliche Siedlung gebaut wurde“, lautet Metzners Fazit.

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