Jubiläum Immanuel-Kant-Schule

Programm und Verpflichtung zugleich

Die Immanuel-Kant-Schule wird 120 Jahre alt. Grund genug, in den Archiven zu stöbern. Heute erinnert ein Geschichtslehrer an den Namensgeber der Schule.

Von FRANZ HORVATH

Die Immanuel-Kant-Schule begeht in diesem Frühjahr ein doppeltes Jubiläum: 120 Jahre Schulgründung und 60 Jahre Namensgebung. Gegründet wurde sie 1896 als Privatschule, seit 1956 trägt sie ihren heutigen Namen. Doch wieso fiel 1956 die Namenswahl auf den Königsberger Philosophen und nicht etwa auf ein Mitglied der einheimischen Opelfamilie? Um die Frage zu beantworten, muss man auf die Lage der Schule nach dem Zweiten Weltkrieg eingehen.

1947 verlieh das Ministerium für Erziehung und Volksbildung der Schule zuerst die Bezeichnung Realgymnasium, dann ab April 1956 die eines Gymnasiums. Diese Bezeichnungen verwiesen jedoch nur auf den Schultyp. Sie stellten keinen Namen dar, der ein Identifikationsangebot hätte bedeuten können. Der Schulleiter Dr. Julius Simon beobachtete die seit 1945 veränderte Zusammensetzung der Schülerschaft sehr genau. In seinem „Bericht über das Schuljahr 1956/57“ hielt er beispielhaft für die gesamte Schule fest: „In einer Klasse mit 35 Schüler (-innen) ist Rüsselsheim als Geburtsort nicht vertreten, Mainz achtmal; die übrigen 27 Schüler wurden in 27 verschiedenen Orten geboren, die im Raum Rheinland-Sudetengau-Stettin-München liegt. Von den 35 Schülern zählen 16 zu den Heimatvertriebenen und Flüchtlingen. In der Klasse waren 13 Lehrkräfte tätig, sieben davon sind heimatvertrieben.“

In diesem Kontext erging 1955 an Simon die Aufforderung des Ministeriums für Erziehung und Volksbildung, einen Namen für die Schule vorzuschlagen. Der Schulleiter traf die Entscheidung im Einvernehmen mit dem Magistrat der Stadt. So kam es am 15. Mai 1956 zu einem Erlass des Ministeriums, in welchem mit Wirkung vom 1. Juni 1956 der Name Immanuel-Kant-Schule genehmigt wurde.

Die treibende Kraft hinter der Namensgebung war zweifelsohne Simon. Er unterrichtete Einführungskurse in Philosophie, an die sich seine damaligen Schüler heute noch voller Begeisterung erinnern. Simon führte nach 1950 die durch den Krieg unterbrochene Tradition der Jahresberichte wieder ein. Diese Berichte stellen heute unschätzbare Quellen für die Rüsselsheimer Stadt- wie Schulgeschichte dar. Sie listeten auch die Lesestoffe des Philosophieunterrichts auf und zeigen, dass Kants Philosophie stets Unterrichtsgegenstand war. Es verwundert somit nicht, dass Simon den Namen des Königsbergers als Schulnamen wählte.

Im Bericht über das Schuljahr 1956/57 führte er hierzu aus: „Der Name des Königsberger Philosophen soll für unsere Schule und damit für die Schüler ein Programm und eine Verpflichtung sein. Kant zählt zu den großen Denkern und Erziehern. In seiner Vorlesung über Ethik bezeichnet er es als Hauptzweck seiner Lehrtätigkeit ,gute und auf Grundsätze gerichtete Gesinnungen zu verbreiten (. . . ) der Ausbildung der Talente die einzige zweckmäßige Richtung zu geben…‘“. Simon begriff den Namen demnach als Bildungsprogramm und Kants Ethik als pädagogische Orientierung, die er gerade in den Umwälzungen der Nachkriegszeit als besonders nötig empfand.

Dass er den Herkunftsort Kants, die Stadt Königsberg, betonte, war angesichts der Zusammensetzung seiner Schülerschaft nur folgerichtig. Schließlich war ein Großteil der Schüler Flüchtlinge und Vertriebene. Sie mussten integriert werden und ihnen wollte Simon mit der Namenswahl auch jenseits des Bildungsprogramms signalisieren, dass eine verlorene Heimat keine entwertete Heimat war.

Die Namenswahl vor 60 Jahren setzte somit die Grundsätze Bildung und Integration um, welche heute noch, trotz veränderter gesellschaftlicher Rahmenbedingungen, zum Leitbild der IKS gehören. Das bedeutet auch das Bemühen um die Philosophie Kants als Teil der europäischen Aufklärung, deren Kenntnis als Allgemeinbildung und als Integration in eine gesamteuropäische Wertegemeinschaft begriffen wird.

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