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Ein Prosit auf das neue Jahr

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Die Beliebtheit der Silvestervorstellungen ist in Rüsselsheim ungebrochen: Bei der Aufführung von Emmerich Kalmans Operette „Die Csardasfürstin“ von der „Johann-Strauß-Operette Wien“ blieb kein einziger Platz leer.

„Ich schreibe für jedermann, für das Parkett und für die Galerie, weil ich bestrebt bin, eine Sprache zu sprechen, die jedermann versteht.“ Dass dieser Satz Kalmans bis heute Gültigkeit besitzt, war an der Reaktion des Rüsselsheimer Publikums abzulesen, das am Silvesterabend seine Freude an der munteren Wiener Inszenierung hatte. Emmerich Kalman war einer der erfolgreichen Vertreter der moderneren Operette, die in jeder Beziehung Niveau zeigt.

Es war nicht nur der zündende Einfall, der alle seine Werke auszeichnete und ihn zum Liebling des Operettenpublikums machte, sondern auch die sorgfältige Arbeit, durch die dieser gründlich geschulte Komponist auch anderen, der Operette ferner stehenden Musikliebhabern Respekt und Achtung abnötigte. Vor allem verfiel er nicht in den Fehler, auf Kosten der Qualität zu viel zu schreiben. Nur in längeren Zwischenräumen entstanden seine Werke und waren dementsprechend auch echte Erfolge.

Kein Grünspan angesetzt

Die 1915 uraufgeführte „Csardasfürstin“ wurde derart begeistert aufgenommen, dass sie in kurzer Zeit sogar die Aufführungsziffern der damaligen Renner „Die lustige Witwe“ oder „Ein Walzertraum“ nicht nur erreichte, sondern überflügelte. Kein Wunder, wenn diese Operette auch heute noch zündet.

Kalmans „Csardasfürstin“ scheint gegen das Älterwerden gefeit, Grünspan hat sie nicht angesetzt. Im Gegenteil: Die Inszenierung von der „Johann-Strauß-Operette Wien“, die Andrea Schwarz besorgt hat, ist eine echte Werbung für das leichte Genre. Die Regisseurin macht erst gar nicht den Versuch, opernhafte, tiefschürfende Züge anzulegen, und sie erliegt somit auch nicht der Gefahr des Überinterpretierens. Vielmehr hat ihre Inszenierung Plausibilität und eine Fülle von originellen Einfällen.

Das Wiener Ensemble befindet sich in Affinität zu dem Esprit der Kalmanschen Musik, von der fast jede Nummer der Operette zum Schlager geworden ist und die Besucher im Parkett zum Mitsummen animiert. Auf einer mit nicht geringem Aufwand ausstaffierten Bühne tummelt sich, wenn der Champagner fließt, eine bunte Gesellschaft – die Herrn im schmucken Frack und Kavaliersstöckchen, die Damen in prachtvollen Roben und wuselnden Fächern (Kostüme: Wiener Bundestheaterfundus), dazu ein kleines Grisettenaufgebot (Choreografie: Nera Nicol).

Die drei Akte umklammert der Bühnenbildner Norbert Art-Uro mit mobilen Versatzwänden, die gleichermaßen passen für die mondäne Lebewelt im Budapester Kabarett „Orpheum“, im fürstlichen Wiener Salon und in einer Hotelhalle, Happy-End-Schauplatz für die letztlich doch noch gelingende Überbrückung der gesellschaftlichen Schranken, die sich – ursprünglich anscheinend unüberwindbar – zwischen der Chansonnette Sylva und dem Fürstensohn Edwin aufgetan hatten.

Durchweg gut gesungen

Die operettenhafte Darstellung und Lösung dieses Konflikts im heruntergekommenen Spätfeudalismus gestalten die Wiener Akteure durch ein natürliches und stimmiges Spiel, wobei es gelingt, einzelne Typen pointiert zu karikieren. Gesungen wird durchweg gut. Die beiden Hauptdarsteller (Anna Baxter als Sylva Varescu und Giorgio Valenta als Edwin) agieren mit stimmlicher Präsenz und Durchschlagskraft. Ebenfalls bestens besetzt ist das Soubrettenpaar: Branimir Agovi macht als Graf Boni eine prächtige Figur und umschwirrt mit seinem „Ganz ohne Weiber geht die Chose nicht“ die Frauenwelt, während Angela Wandraschek (Comtesse Stasi) in Liebesdingen praktisch denkt („Zum Heiraten wird’s schon reichen“). Typische Rollenportraits liefern Manfred Loydolt und Manuela Miebach als fürstliches Elternpaar.

Für die Final-Szenen genügt eine Handvoll Choristen, auch im Orchestergraben wird bei der Besetzung gespart. Die Instrumentalisten intonieren indes sauber, freilich mit allzu spannungsarmem Spiel, bei dem Csardasfeuer und Walzerexplosionen fehlen: Die Dirigentin Petra Giacalone bremst die Sänger immer wieder aus, wobei viel Schwung verloren geht und es lange dauert, bis sich im Parkett zaghaft die Hände zum Mitklatschen rühren.

Es war dennoch ein schöner Operettenabend, der allerdings keine tieferen Einblicke gewährte: So mogelt sich zum Beispiel die Regie an dem Problem vorbei, dass Sylva, wenn sie schließlich im fragwürdigen Happy End zu Fürstenehren gelangt, ihr freiheitliches Künstlertum aufgibt und im Käfig aristokratischer Konvenienz landet. Aber bei der Operette herrschen eben besondere Gesetze. Wie heißt es doch so schön in der „Csardasfürstin“: „Das ist die Liebe, die macht wie ein Auerhahn so blind.“

Und beim nächsten Jahreswechsel, wenn der Herr „Zigeunerbaron“ zu Gast sein wird, kommen ebenfalls die Vogelwelt-Metaphern zum Zuge: Anstelle von trauten Schwalbennestern und balzenden Auerhähnen wird dann der Dompfaff zwitschern, und die Störche werden laut klappern. Na denn!

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