Trotz des regnerischen Wetters sind viele Opelaner zur Protestkundgebung hinter dem Adam-Opel-Haus gekommen. Beschäftigte aus Bochum, Eisenach, Kaiserslautern und Dudenhofen sind ebenfalls angereist, um ihre Rüsselsheimer Kollegen zu unterstützen.
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Trotz des regnerischen Wetters sind viele Opelaner zur Protestkundgebung hinter dem Adam-Opel-Haus gekommen. Beschäftigte aus Bochum, Eisenach, Kaiserslautern und Dudenhofen sind ebenfalls angereist, um ihre Rüsselsheimer Kollegen zu unterstützen.

Arbeit

Protest am Adam-Opel-Haus: IG Metall prangert Vertrauensbruch an

  • Dorothea Ittmann
    VonDorothea Ittmann
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Gewerkschaft und Mitarbeiter von Opel protestieren gegen "steigenden Arbeitsdruck" und "Schikanen der Geschäftsführung".

Rüsselsheim -Die vom Management verordnete personelle Verschlankungskur bei Opel will nicht so recht greifen. 2100 der 15 000 Mitarbeiter in Deutschland sollen den Autobauer verlassen. Möglichst sozialverträglich über Programme wie Altersteilzeit, Vorruhestand oder Abfindungen. Doch weniger Mitarbeiter als gedacht nehmen diese Möglichkeiten wahr. Die Industriegewerkschaft Metall Darmstadt kritisiert, dass der Personalabbau nun mit mehr als fragwürdigen Mitteln vorangetrieben werde - von psychologischem Druck und Mobbing ist die Rede.

Bei einer Protestkundgebung, zu der die IG Metall Darmstadt gemeinsam mit den Vertrauensleuten bei Opel Rüsselsheim die Opelaner aufgerufen hatte, sendeten Hunderte Mitarbeiter - darunter extra angereiste Kollegen aus Bochum, Eisenach, Kaiserslautern und Dudenhofen - Opel-Chef Michael Lohscheller und Stellantis-Geschäftsführer Carlos Tavares die Botschaft: "Hören Sie auf mit den Erpressungsversuchen. Unsere Geduld ist am Ende!" Kämpferisch zeigte sich Christiane Benner, Zweite Vorsitzende der IG Metall, am Mikrofon. Vor der Bühne der Gewerkschaft hinter dem Adam-Opel-Haus hatte sich eine Schar Opelaner mit Mundschutz, Fahnen und Protestplakaten versammelt. Wer dem unnachgiebigen Regen nicht länger trotzen wollte, setzte sich wieder ins Auto und verfolgte die Reden übers Radio. Mit Hupen und Warnblinklicht unterstützten sie ihre rufenden und applaudierenden Kollegen im Freien.

Eigentlich wären mehr Opelaner zur Protestaktion erschienen. Doch das Unternehmen habe, nachdem es von der Kundgebung erfahren hatte, die Produktion im Werk für diese Woche eingestellt, wie die Teilnehmer berichten. Angeblich wegen Kurzarbeit; die Anwesenden vermuten, dass mehr dahinter steckt.

Der "Katalog an Schikanen", wie Christiane Benner die eingegangenen Beschwerden der Opelaner nennt, ist lang: Beschäftigten aus den Fokusbereichen, etwa im Teilelager und Design, werde in Aussicht gestellt, dass sie dort keine Zukunft hätten. Das konnten Carola Twardawa und ihre Kollegin Katrin Borgner nur bestätigen. Sie arbeiten als Modellbaumechanikerinnen im Designcenter in Rüsselsheim. Vom ursprünglich zehnköpfigen Team seien mittlerweile nur noch sie beide geblieben. "Die anderen sind freiwillig gegangen", sagte Twardawa. Die Gewerkschaft bezweifelt, ob solche Entscheidungen ohne Einfluss von außen gefällt wurden. Das Freiwilligenprogramm zum Stellenabbau, das in beiderseitigem Einverständnis vereinbart worden war, werde untergraben, kritisierte Wolfgang Schäfer-Klug aus dem Ortsvorstand der IG Metall Darmstadt und Chef des Betriebsrats in Rüsselsheim.

Aushöhlung der Mitbestimmung

Die Beschäftigten würden sogar aufgefordert, sich auf Stellen zu bewerben, die sie seit Jahren inne hätten - allerdings mit schlechteren Konditionen. "Damit werden die Beschäftigten in ihrer Würde verletzt", unterstrich Schäfer-Klug. Außerdem bestehe noch immer keine Klarheit über die Eingruppierung der Beschäftigten aus dem Engineering-Center.

Hinzu komme, dass die Reorganisation ins Stocken geraten sei, die durch die Fusion des Opel-Mutterkonzerns PSA mit Fiat Chrysler Automobiles zum neuen Konzern Stellantis notwendig geworden war. Zugleich steige der Arbeitsdruck. Von den Beschäftigten aus dem Werk würden Zugeständnisse gefordert wie Pausenverkürzungen, Arbeitsverdichtung oder die Aushöhlung der Mitbestimmung bei der Arbeitszeit. "Das darf nicht durch weiteren Stellenabbau verschärft werden", appellierte die IG Metall an die Geschäftsführung. Auch die junge Generation leide: Eine Zusage für die neuen Auszubildenden und Dual-Studierenden zur unbefristeten Übernahme gebe es noch nicht.

Christiane Benner und Wolfgang Schäfer-Klug sprachen von Vertrauensbruch. Während sich die Arbeitnehmer an die Absprachen hielten, ignoriere die Geschäftsführung den ausgehandelten Kompromiss, obwohl dieser schmerzliche Einschnitte für die Beschäftigten bedeute.

"Wir wollen wissen, wo die Reise hingeht", machte Schäfer-Klug auf die derzeit ungewisse Situation bei Opel aufmerksam. Perspektiven für die Arbeitnehmer gebe es keine. "Das ist die vierte Nullrunde", kommentiert Paul Fröhlich, IG-Metall-Vertrauensmann bei Opel in Rüsselsheim. Es sei ein Fehler gewesen, dass die Gewerkschaft und der Betriebsrat Zugeständnisse gemacht hätten. "Jetzt müssen wir um unsere Arbeitsplätze kämpfen."

Das sieht auch Rainer Weinmann so, der als Vertrauensmann mit fünf Kollegen aus dem Werk in Eisenach für die Protestaktion angereist war. In Eisenach sei eine Sechs-Tage-Woche geplant, die auch für Rüsselsheim angedacht sein könnte. Er und seine Mitstreiter kämpften für eine Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich.

"Es wird höchste Zeit, dass wir in die Offensive gehen", so Weinmann, der einen konzernweiten Streik begrüßen würde. dit

Die junge Generation fürchtet um ihre berufliche Zukunft bei Opel. Noch gebe es keine Zusage zur unbefristeten Übernahme, bringt die IG Metall an.

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