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Unterstützung: Bei den Psycholotsen bekommen Betroffene unbürokratisch Hilfe.

Psychische Erkrankungen

Psycholotsen helfen aus Erfahrung

Depression, psychische Krisen: Gerade in der dunklen Jahreszeit ist dies nicht selten. Beratung bieten seit 2015 die „Psycholotsen“ an, eine Gruppe aus Betroffenen, Angehörigen und Therapeuten. Ohne Scham können sich Menschen in Not hier Hilfe holen.

Von CHARLOTTE MARTIN

Die Hemmschwelle ist niedrig, großartige Erklärung ist unnötig: Wer aus psychischer Balance geraten ist, wer sich in einer Krise befindet oder fürchtet, die Dunkelheit der Depression nicht allein überwinden zu können, findet im Norden Groß-Geraus einfühlsame Zuhörer und Ratgeber, die wissen, worum es geht.

„Psycholotsen“ nennt sich die Selbsthilfegruppe aus Betroffenen und Angehörigen, flankiert von Therapeuten. Die ehrenamtlich engagierten Menschen, die seelische Krisen aus eigener Erfahrung kennen oder sie als Angehörige unmittelbar miterlebt haben, bieten eine unbürokratische Anlaufstelle für Hilfesuchende in der Heimstättensiedlung an. Überglücklich, ein bezahlbares Domizil inmitten eines Wohngebiets gefunden zu haben, präsentieren sie sich der interessierten Öffentlichkeit. „Dass wir hier, inmitten der Heimstätte und nicht am Rand der Stadt, Räume mieten konnten, ist toll. Psychische Krisen sind nichts, was versteckt werden sollte. Sie sind Teil des Lebens und betreffen sehr viele Menschen“, so Regina Arnold.

Die Psychologin der 2012 gegründeten „Stiftung für seelische Gesundheit“, die auch im Kreisbündnis gegen Depression aktiv ist, setzt große Stücke auf Selbsthilfeprojekte zur Krisenbewältigung. Die Psycholotsen verstehen sich als ein Baustein in der Arbeit der Enttabuisierung psychischer Krankheiten. Um in tempo-, lärm- und stressreicher Zeit, wo Flexibilität, Mobilität und Mehrfachbelastung Alltag sind, mitzuhalten, ist die Psyche öfter überfordert, als eingestanden wird: Krankenkassen weisen in ihren Bilanzen die stete Zunahme von Depression aus. „Umso wichtiger, dass wir ermuntern, sich Hilfe zu holen“, so Arnold.

Und zwar ohne Angst vor Bürokratie und ohne Angst vor Stigmatisierung. Die Psycholotsen bieten in ihren Räumen montagnachmittags eine Sprechstunde an. Ein Erstgespräch am Telefon oder das Hinterlassen einer Nachricht auf dem Anrufbeantworter, auf die schnellstmöglich ein Rückruf erfolgt, ermöglicht es den Psycholotsen, für jedes Anliegen den richtigen Ratgeber zu bestimmen. Denn die gebündelte Kompetenz der Helfer ist groß – von Depression über Psychose bis Magersucht: Keine seelische Not, die unbekannt wäre. Supervision und Fortbildungen begleiten die Hilfestellungen, die die Psycholotsen anderen Betroffenen bieten.

Sandy Wolf, eine der jüngsten Psycholotsen sowie Wiebke Schrauf, eine junge Mutter, oder Bruno Wedel, ein lebenskluger Mann, sind drei der Engagierten, die sich auch 2016 auf die Aufgabe als Ratgeber, Zuhörer und Unterstützer freuen. Bruno Wedel sagt: „Wenn du in dunklen Phasen von der Couch nicht hochkommst, keine Motivation hast, denkst du, es wird nie mehr besser. Heute weiß ich, dass keine Krise umsonst ist. Du wächst daran, und du kannst es schaffen.“

Das Projekt der Psycholotsen hat kreisweit viele namhafte Unterstützer: Willi Blodt, Ex- Landrat und Mitglied des Stiftungsbeirats, gehört dazu, Bettina Scholz, Vorsitzende des Sozialpsychiatrischen Vereins (SPV), und Harald Scherk, ärztlicher Direktor im Philipps-Hospital Riedstadt. Ebenso natürlich die Paten der Psycholotsen sowie viele empathische Förderer und Spender.

„Wir Psycholotsen wünschen uns auch 2016 große Resonanz. Jeder kann sich ohne Scheu vertrauensvoll an uns wenden – gerade jetzt, in der dunklen Jahreszeit, bekommen wir Anrufe von Menschen, die sich einen Zuhörer wünschen“, betonen die Lotsen.

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