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Psycholotsin Regina Arnold (vorn) serviert Kuchen zum ersten Geburtstag der erfolgreichen Einrichtung.

Nachfrage ist steigend

Psycholotsen sind gefragte Berater

Mit Stolz pusten die Psycholotsen die erste Kerze auf dem Geburtstagskuchen aus: Seit Mai 2015 bieten Menschen mit psychischer Krankheitserfahrung als Experten in eigener Sache Betroffenen Rat. Die Nachfrage ist groß.

Von CHARLOTTE MARTIN

Am Dienstag gab es ein Geburtstagsfest in der Heimstättenstraße: Hier nämlich haben die Psycholotsen – wie sich all diejenigen nennen, die psychische Krisen gemeistert haben und nun anderen in ähnlicher Lage helfen – im Mai 2015 ein Beratungsdomizil eröffnet. Dank Vermieterin Ursula Walz sind die seit 2013 in Selbsthilfe hübsch hergerichteten Räume mitten im Wohngebiet angesiedelt – ein passendes Symbol dafür, dass psychische Erkrankung keineswegs ein Phänomen am Rand der Gesellschaft ist.

Die psychische Störung

Depression ist auf dem Vormarsch

. Stresssymptome, Burn Out sowie Suizid – 10 000 Menschen jährlich in Deutschland – sind keine Randerscheinung. Diesem Wissen ist auch die Einrichtung der Beratungsstelle der Psycholotsen geschuldet. Sie wurde von der Stiftung für seelische Gesundheit initiiert, die wiederum ein Kind des Sozialpsychiatrischen Vereins (SPV) ist.

Seit 2015 haben sich acht Menschen mit psychischer Krankheitserfahrung „zur Clique“ gemausert, wie Bruno Wedel es formuliert. Er ist einer der Berater und litt vormals selbst an Depression. Der Clique stehen Psychologen zur Seite, die bei Bedarf für Fallbesprechungen und regelmäßig für Supervision der im Duo agierenden Berater da sind.

Die Lotsen bieten wöchentlich Sprechstunden an. „Kostenfrei und niedrigschwellig. Meistens rufen Betroffene mit Beratungsbedarf vorher an, aber es kann jeder, der ein Gespräch mit unseren Lotsen als den Experten in eigener Sache führen will, vorbeikommen“, erläutert Regina Arnold, eine der drei Psychologen im Hintergrund.

„Wir hatten in diesem Jahr 50 Beratungsgespräche sowie gut 70 Telefonate, in denen es um Fragen zu Ärzten, zu Therapeuten oder auch um Erfahrungsaustausch mit der Medikation ging“, referiert Wiebke Schrauff. Die sechsfache Mutter und Dolmetscherin weiß, was psychische Krisen bedeuten und ist glücklich, erlebte Krankheit jetzt als einen Erfahrungsschatz zu nutzen, der anderen zugute kommt.

„Dem achtköpfigen Team der Psycholotsen geht es dabei prima“, sagt sie. Denn: „Die ehrenamtliche Tätigkeit trägt bei, das Selbstvertrauen zu stärken. Zugleich sind wir ideale Zuhörer für Menschen, die ihre Lage seelisch nicht mehr hinbekommen, aber den Schritt zu Ärzten und Therapeuten scheuen“, so Schrauff. Tatsächlich seien ein „offenes Ohr“ und Ermutigung oft schon sehr hilfreich.

Als Psycholotse sei man „enorm hellhörig“, setzt Schrauff hinzu. „Bei bestimmten Worten klingeln unsere Alarmglocken. In den 50 Gesprächen seit 2015 haben wir – glaube ich – viele Menschen bestärken können, nicht aufzugeben, haben ihnen vermittelt: Seht uns an. Wir waren in ähnlichen Situationen und haben es zurück in ein sinnvolles Leben geschafft. Das ist ein tolles Gefühl.“

„Toll“, lobt auch Vitos-Psychologin Bettina Scholz, Vorsitzende des SPV, die Arbeit der Psycholotsen, „unbezahlbar wertvoll“, so würdigen viele Besucher zum ersten Geburtstag die Leistung.

„Wie hoch der Bedarf niedrigschwelliger Beratung bei psychischer Krankheit oder in Krisen ist, belegen die vielen Anfragen“, resümiert Regine Arnold. Trauma, Einsamkeit, Trennung, Jobverlust – die Ursachen für Krisen seien so vielfältig wie Menschen vielfältig sind. Dennoch: Miete, Telefon, Fortbildung, Sachmittel – all dies muss finanziert werden, damit die Beratungsstelle der Lotsen weiter wirken kann. Psychologin Regine Arnold fügt hinzu: „Die Nachfrage ist eher steigend als sinkend. Und natürlich sind daher Spenden immer sehr willkommen.“

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