egg_IMG_8995_141120
+
Das Lerncafé in der Löwenpassage. Foto: Ittmann

Personalmangel

"Das ist ein Wahnsinn, was wir den Jugendlichen zumuten"

  • Dorothea Ittmann
    vonDorothea Ittmann
    schließen

Sozialarbeiter fordern ein Umdenken im Dezernat von Bürgermeister Grieser. Die Jugendarbeit der Stadt leidet unter den Corona-Beschränkungen. Dann wurden auch noch Mitarbeiter abgezogen.

Rüsselsheim -Die Corona-Einschränkungen legen seit Monaten das öffentliche Leben lahm. Die Pandemie scheint weder vor Weihnachten überstanden zu sein, noch spurlos an der Gesellschaft vorüberzugehen. Mittlerweile befürchten Experten nicht nur langwierige wirtschaftliche Folgen für das Land, sondern auch tiefe Einschnitte in das soziale Gefüge. Die besorgten Blicke sind auf die "Generation Corona" gerichtet - junge Menschen, die unter Einsamkeit und Zukunftsängsten leiden.

"Jugendarbeit muss weiter stattfinden!", fordern Michaela Stasche, Personalratsvorsitzende der Stadt, und die Mitarbeiter der Jugendförderung. Die Jugendarbeit in der Opel-Stadt liege am Boden, laufe seit der verschärften Corona-Beschränkungen Anfang November erneut auf Sparflamme, beklagen zwei Mitarbeiter, die namentlich nicht genannt werden möchten. Die Jugendhäuser in Königstädten und im Dicken Busch sind geschlossen, die mobile Jugendarbeit so gut wie nicht mehr vorhanden.

Zu allem Überdruss sei das zwölfköpfige Team an Sozialarbeitern seit Anfang November reduziert worden. Sieben von ihnen würden nun in Kindertagesstätten und in der Schulbetreuung eingesetzt, erklärt ein Mitarbeiter die Situation. Von den übrigen fünf Pädagogen könnten zurzeit nur drei eingesetzt werden - in einer Zeit, in der die Jugendlichen ein verlässliches, soziales Netz besonders bräuchten.

"Unsere Arbeit ist wichtig"

"Das ist nicht das erste Mal. Immer wenn es eng wird, wird die Jugendarbeit heruntergefahren", ist der Mitarbeiter frustriert. "Aber unsere Arbeit ist wichtig und von den Bürgern gewollt", betont er. Das Engagement der Jugendförderung sei vielfältig: Das Jugendbildungswerk leiste politische, soziale und kulturelle Bildungsarbeit, die Jugendhäuser seien attraktive Treffpunkte und ebenfalls Bildungs- und Lernorte, die Fachstelle Mädchenarbeit setze sich für die besonderen Belange von Mädchen und jungen Frauen in Rüsselsheim ein, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Die Corona-Pandemie habe zwar die Angebote eingeschränkt, die Jugendsozialarbeit könne aber auf anderen Wegen einen wertvollen Beitrag in der Krisenzeit leisten. Seit Wochen arbeite das Team an Konzepten, wie sie die Jugendlichen trotz Einschränkungen erreichen können. Dann die Hiobsbotschaft vom Bildungsdezernat der Stadt: Sieben Mitarbeiter werden abgezogen. Das zeuge nicht gerade von einer Wertschätzung der Jugendarbeit. "Die Jugendlichen haben keine Lobby", bedauern zwei Mitarbeiter der Jugendförderung, die mit dem Pressegespräch die Öffentlichkeit auf ihre Situation aufmerksam machen wollen.

Sie appellieren an den Sozialdezernenten und Bürgermeister Dennis Grieser (Grüne), die Abordnung zurückzuziehen. Gleichzeitig sollte den geringfügig beschäftigten Mitarbeitern, die die Arbeit der Jugendförderung bisher unterstützt haben und nun kein Einkommen mehr haben, ein alternatives Angebot unterbreitet werden, etwa als Betreuer in den Kindertagesstätten und Schulen. Auf diese Weise könnten sich die Jugendsozialarbeiter wieder auf ihre Kernaufgaben konzentrieren, und die Minijobber - meist Studenten mit sozialpädagogischem Schwerpunkt - würden sich keine anderen Verdienstmöglichkeiten suchen. Die Mitarbeiter der Jugendförderung befürchten nämlich, dass in den kommenden Wochen ein wertvoller Unterstützerkreis wegbrechen könnte.

Generation ohne Perspektive

Und nicht nur die. Auch die über Jahre aufgebauten Kontakte zu Jugendlichen gingen verloren. Der Aufbau von Beziehungen verlange Kontinuität und Vertrauen. Die mangelnde Jugendarbeit in Zeiten von sozialer Isolation und Distanzunterricht könnte im Leben von Jugendlichen einen großen Unterschied machen, mahnt Michaela Stasche vor einer Generation von jungen Menschen ohne Arbeit und Perspektiven - eben jener "Generation Corona".

"Es gibt einen großen Bedarf, sich auszutauschen", bestätigt ein Mitarbeiter der Jugendförderung. "Das ist ein Wahnsinn, was wir den Jugendlichen zumuten." Er schüttelt den Kopf. "Wir werden es mit Corona noch längere Zeit zu tun haben", gibt die Personalratsvorsitzende zu bedenken. Deshalb müsse die Stadt längerfristig planen, ohne dass bestimmte Fachbereiche das Nachsehen haben. Von Dorothea ittmann

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare