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Der Abstand wird durch den Stand mit der Auslage gewahrt, sagt Gemüsebauer Werner Stahl, der sich ein wenig strecken muss, um das Geld von Sandra Bayer entgegenzunehmen. FOTOS: RÜdIGER KOSLOWSKI

Handel

"Das klappt gut mit dem Abstand"

Nur das Nötigste und mit Maske in der Schlange: Der Corona-Alltag auf dem Rüsselsheimer Markt am Samstagvormittag.

Rüsselsheim -Es herrscht herrliches Herbstwetter am Samstagvormittag. Vielleicht ein Wink mit dem Zaunpfahl: Warum sich in Corona-Zeiten also in die Supermärkte stürzen, wenn doch die Sonne und die angenehmen Temperaturen zu einem Einkauf auf dem Markt förmlich einladen? Klar, auch auf dem Markt herrscht Maskenpflicht, aber das Sicherheitsgefühl ist unter freiem Himmel größer als in einem Geschäft - auch wenn das Ansteckungsrisiko in Supermärkten als gering eingeschätzt wird.

Augusto Crocco, der an diesem Vormittag Kartoffeln, Fleisch und Gemüse holen möchte und gerade brav mit Abstand in der Schlange vor einem Anbieter mit Backwaren steht, kauft derzeit im Geschäft nur das Nötigste ein und geht lieber auf den Markt. Mit der Abstandsregel habe er kein Problem, die Maske erkenne er als ein notwendiges Übel an, sagt er. Aber trotz Markt, trotz des Aufenthalts im Freien: Er habe allgemein Angst, sich anzustecken.

Die Regeln werden eingehalten

Tatsächlich scheinen die Marktbesucher die Abstandsregeln und die Maskenpflicht, die auf dem Marktplatz herrschen, zu beherzigen. Vor vielen Ständen bilden Menschen mit Abstand eine Schlange, Menschentrauben sind nicht zu sehen. Einige Marktbeschicker haben Kisten als Abstandhalter aufgebaut. Vor Ständen, an denen diese Maßnahme nicht getroffen wurde, kommen sich die Kunden mitunter beim Betrachten der Auslage und der Auswahl des Obstes und Gemüses doch manchmal nahe. Das beobachtet auch Gemüsebauer Werner Stahl. Er weist die Kunden dann höflich darauf hin. Aber er betont ebenfalls, dass sich keine Menschentrauben bilden würden. Er stellt zudem fest, dass der weitaus größte Teil der Marktbesucher Masken trage. Nach seiner Erfahrung war der Markt während der ersten Welle im Frühjahr stärker besucht, als nun beim "Lockdown light". Er bemerke aber auch, dass sich die Kundenzahl nicht, wie im Herbst wegen der Witterung üblich, reduziere.

Landwirte unterstützen

Sandra Bayer versorgt sich gerade bei Stahl mit frischem Obst und Gemüse. Sie gehe derzeit nicht wegen der Angst, sich im Geschäft anzustecken, auf den Markt, sagt sie. Vielmehr wolle sie die ortsansässigen Landwirte unterstützen. Sie habe generell keine Angst sich anzustecken, denn sie passe sich der Situation an, befolge die Abstandsregeln und trage eine Maske, was insgesamt auf dem Markt gut funktioniere.

Am Stand von Gemüsebauer Jung ist eine Menschentraube nur schwer möglich, denn dort verhindern Kisten näheren Kontakt. "So werden die Kunden gezwungen, Abstand zu halten", betont Juniorchef Philipp Jung. Er stellt fest, dass ein bisschen mehr Betrieb auf dem Markt herrscht als sonst. Außerdem berichtet er von einem Anstieg der Kundenzahl in seinem Hofladen. Vielleicht kämen mehr Kunden, weil in seinem Laden die Menschenansammlung in der Regel nicht so groß sei, mutmaßt er. Vor dem Wagen des Bauernhofs Rettig können sich die Käufer an einer Markierung mit Kreide orientieren. "Das hat die Blumenfrau gemacht", sagt Mitarbeiterin Kirstin Schlägel lachend. "Das klappt gut mit dem Abstand."

Die Blumenfrau ist Sonja Weil vom Blumenhandel Staab. Die Markierung sei mit dem Marktleiter abgesprochen, informiert sie. Mit den Aufstellpunkten verhindert sie, dass sich die Kunden des Bauernhofs zwischen ihrem Stand und dem gegenüberliegenden Bratwurststand anstellen. Sie berichtet, dass der Verkauf von Grabgestecken rückläufig sei, weil die Grabsegnungen nicht mehr stattfinden dürfen.

"Bratwurscht-Sepp" Jochen Gaaler grillt derweil fleißig Würstchen, Steaks und Frikadellen. Er versorgt die Marktbesucher seit 25 Jahren mit seinen deftigen Leckereien. Im Vergleich zum Frühjahr macht er keinen Unterschied aus. "Das ist jeden Samstag fast gleich", sagt er. Bei ihm ließen es sich die Leute schmecken, die immer zu ihm kommen.

Petra Otte verstaut ihre Einkäufe in ihrem Fahrradanhänger. Sie ist nicht hauptsächlich wegen des vermeintlich geringeren Ansteckungsrisikos auf dem Markt, sondern weil sie sich von regionalen Produkten ernähren möchte. "Ich fühle mich aber wohler", räumt sie ein. Sie wünsche sich, dass der Markt weiterhin geöffnet bleibt. Von Rüdiger Koslowski

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