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Das Kita-Leben unter Corona-Bedingungen ist auch in Rüsselsheim eine wackelige Angelegenheit. Zum Leidwesen vieler Erzieherinnen in der Stadt. foto: dpa

Arbeitsbedingungen

Corona in Rüsselsheim: Kitas überlastet – „Lange geht das nicht mehr gut“

  • vonAlexander Seipp
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Die Hygienepläne seien nicht einzuhalten, zudem fehle Personal: Erzieherinnen stöhnen über die Arbeitsbedingungen an Rüsselsheimer Kitas.

Rüsselsheim Corona macht auch vor den Rüsselsheimer Kitas nicht Halt. Ganz im Gegenteil. Allein im November seien mindestens zwei Kitas komplett geschlossen worden, aufgrund von zu hohen Corona-Zahlen. „Wir arbeiten und arbeiten, aber wir kommen nicht hinterher“, sagt eine Erzieherin im Gespräch mit dieser Zeitung. Ihren Namen möchte sie nicht in der Zeitung lesen. Sie wirkt erschöpft und bilanziert ernüchtert: „Die aktuellen Hygienemaßnahmen in den Kindertagesstätten, sie funktionieren einfach nicht.“

Corona in Kindertagesstätten in Rüsselsheim: Kinder verstehen die Maßnahmen nicht

Ähnliches berichtet eine andere Betreuerin. Auch sie zieht es vor, anonym zu bleiben. „Ich bin oft allein mit den Kindern. Wenn eines mal auf Toilette muss, kann ich dann nicht kontrollieren, ob es dort auf ein anderes Kind trifft, da ich sonst ja den Raum verlassen und meine Aufsichtspflicht verletzen würde“, sagt sie und seufzt. Und zu oft sei sie nach einem eigenen Toilettengang schon zurückgekommen, und ein Kind ihrer Gruppe sei plötzlich bei einem Freund aus der Nachbargruppe.

"Kinder, besonders die ganz kleinen, verstehen die Maßnahmen einfach nicht. Versuchen Sie mal einem Vierjährigen zu erklären, wieso er zu seinem besten Freund Abstand halten soll", sagt die Erzieherin. Körperlicher Kontakt sei natürlich - und diesen zu vermeiden, das sei dem Großteil der Kinder nicht vermittelbar.

Corona in Rüsselsheim: Zu wenig Personal in Kindertagesstätten

Sie selbst habe bereits Corona gehabt, wohl aus der Kita, nimmt sie an. Diese sei sogar für 14 Tage geschlossen worden. „Ich pflege meinen 80-jährigen Vater, den habe ich trotz Abstand und Mundschutz angesteckt“, sagt sie. „Die von den Kitas erdachten Systeme funktionieren nicht“, fasst auch Alexandra König zusammen, Vertrauensfrau der Gewerkschaft Verdi für die Kitas bei einem Treffen, das der Personalrat der Stadt organisiert hat.

Manche hätten sogar ausgeklügelte Abholsysteme etabliert, bei denen die Kinder im Fünf-Minuten-Takt abgeholt werden sollen. Doch auch dies helfe nur bedingt. Denn die Personalsituation sei schon vor Corona angespannt gewesen. Aufgrund des Wegfalls der Kolleginnen der Risikogruppen fielen die Betreuerinnen abends vor Erschöpfung ins Bett.

21 Stellen derzeit in Kitas in Rüsselsheim unbesetzt

21 Stellen seien derzeit unbesetzt, realistisch betrachtet müsse man eigentlich drei Kitas schließen, denn man habe das Personal einfach nicht, moniert König.

„So kann es nicht weitergehen“, ist auch Michaele Stasche, Sprecherin der Verdi-Vertrauensleute bei der Stadt Rüsselsheim, überzeugt. „Die Kolleginnen gefährden ihre körperliche und psychische Gesundheit.“ Der Personalrat habe in dieser Angelegenheit bereits beim Personaldezernenten, Oberbürgermeister Udo Bausch (parteilos), interveniert. Dieser habe einen Ausschuss einberufen. Getagt habe dieser jedoch, so weit sie wisse, noch nicht.

Pädagogisch wertvolle Zeit mit den Kindern bleibt auf der Strecke

Dass die Hygienepläne in den Rüsselsheimer Kindertagesstätten nicht praktikabel sind, ist anscheinend ein offenes Geheimnis. Dies fange schon frühmorgens an, wenn die Eltern die Kinder vorbeibrächten. Denn im Gegensatz zu den sonst so stringent eingeteilten Gruppen, werden die Kinder in der Frühe gemischt, damit die Kleinen überhaupt betreut werden können, berichtet die erste Erzieherin weiter. Hinzu kämen wegen der flexiblen Arbeitszeiten des Personals ständig wechselnde Betreuer.

Das gleiche Bild ergebe sich beim Abholen der Kinder: Eins nach dem anderen gingen die Kleinen zur Tür und würden von der Betreuerin angezogen. Draußen in der Kälte würden sie dann von den wartenden Eltern in Empfang genommen. „Mit den Eltern kurz reden, was sonst immer dazugehört hat, das ist einfach nicht drin in der knappen Zeit“, sagt die Erzieherin. Und pädagogisch wertvolle Zeit mit den Kindern - sie bleibt in der Pandemie offenbar auf der Strecke.

Kitas in Rüsselsheim sollten früher schließen – Hygienepläne praktisch nicht umsetzbar

Nicht bei allen Kindertagesstätten sei es für die Eltern überhaupt möglich, vor der Tür den Sicherheitsabstand einzuhalten. Stattdessen seien die Mitarbeiter angewiesen worden, sich weiterhin an die praktisch nicht umsetzbaren Hygienepläne zu halten. "Das ist nicht tolerierbar", betont Stasche.

Verdi fordert daher, alle städtischen Kindertagesstätten von Freitag, 18. Dezember, an für zwei komplette Wochen zu schließen, um etwas Ruhe hereinzubekommen. Danach sollen sich die Beschäftigten und die Eltern auf ein neues und langfristiges Konzept einigen.

Betreuerinnen in Kitas am Limit: „Lange geht das nicht mehr gut.“

"Dazu könnte gehören, dass nicht alle Kinder den ganzen Tag in der Kita sind, wie etwa in einem Schichtsystem", erklärt Stasche. Eine Reduzierung der Öffnungszeiten sei ebenfalls gut denkbar. Man wolle den Eltern nicht zu viel zumuten, aber der Gesundheitsschutz der Kinder und Betreuer müsse dringend verbessert werden.

Vor allem jedoch müsse das Konzept verlässlich sein. "Wir können zwar nicht garantieren, dass es keine Ausbrüche und Schließungen in den Kitas geben wird, aber wir müssen alles dafür tun, um das Risiko so stark zu reduzieren, wie es geht", so Stasche. Darüber würden sich auch die beiden Betreuerinnen freuen. „Wir sind wirklich am Limit“, sagen sie. „Lange geht das nicht mehr gut.“ (Von Alexander Seipp)

Mitarbeiter in geschlossenen Kitas sollten nach Plänen der Stadt Rüsselsheim als sogenannte „Corona-Streifen“ die Einhaltung der Maßnahmen kontrollieren.

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