Zwischenfall

„Rassenschande“: Radfahrer beschimpft Spaziergänger

Eigentlich hatte es nur ein Sonntagsspaziergang sein sollen. Familie Almeroth begegnete einem jungen Mann, der übel gegen das Paar hetzte.

„Hier ist es passiert“, sagt Wolfgang Almeroth und zeigt auf die Bahnunterführung zwischen Johann-Sebastian-Bach-Straße und Grabenstraße in Rüsselsheim. Seine Frau Sultan steht neben ihm. Sie verlasse nur noch ungern alleine die gemeinsame Wohnung, sagt sie. „Ich bin so erschrocken.“

Was war passiert? Am vergangenen Sonntag waren Wolfgang und Sultan Almeroth spazieren gegangen. „Das Wetter war herrlich“, erinnert er sich. „Wir laufen dann immer am Main entlang und zur Festung.“ Sie waren noch nicht weit gekommen, gerade bis zur Unterführung, da überholte sie ein Radfahrer und beschimpfte das Paar im Vorbeifahren. Es sei eine „Rassenschande“, dass ein deutscher Mann mit einer Ausländerin zusammen sei.

Er hätte den Radfahrer zur Rede stellen sollen, ärgert sich Almeroth immer noch, wenn er darüber nachdenkt. Doch der war schnell in der Unterführung verschwunden. Der Rüsselsheimer schätzt, dass es sich um einen 20 bis 25 Jahre alten Mann gehandelt haben könnte. „Wir sind seit 26 Jahren verheiratet, aber so etwas ist uns noch nicht passiert.“ Er schüttelt den Kopf. Seine Frau kommt aus der Türkei, ist deutsche Staatsbürgerin.

Wolfgang Almeroth reiste schon mehrmals in das Land am Bosporus. Die Landsleute seiner Frau seien ihm immer mit Respekt begegnet. Seit zwei Jahren leben er und Sultan nun in Rüsselsheim. „Dass uns so etwas in Rüsselsheim passieren würde, hatten wir nicht im Traum gedacht.“ Besonders in dieser Stadt, in der seit Jahrzehnten viele Menschen mit Migrationshintergrund zusammenleben, hätte er mehr Verständnis erwartet.

Der langjährige Gewerkschafter ist kein Mann, der es bei einer Beschwerde bewenden lässt. „Meine Ehefrau und ich werden nach diesem Vorfall die entsprechenden Konsequenzen für uns ziehen“, sagt Almeroth. Zunächst wolle er die Lokalpolitik auf das Problem aufmerksam machen.

Darüber hinaus spiele er mit dem Gedanken, am 8. Mai – dem

Tag der Befreiung

und Kapitulation der Wehrmacht 1945 – eine Diskussionsveranstaltung über Rassismus in der Gesellschaft zu initiieren; vielleicht in Verbindung mit einem Rundgang entlang der Stolpersteine, die als Mahnmale an die Menschen erinnern, die im Dritten Reich deportiert und ermordet wurden. Er sei vor längerer Zeit bei einem solchen Rundgang dabei und von dem Projekt des Künstlers Gunter Demnig sehr beeindruckt gewesen. dit

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare