Pestalozzi-Grundschule

Raunheims Schüler lernen in Hessens größter Grundschule

  • schließen

Mit acht ersten Klassen startete die Pestalozzi-Grundschule in dieses Schuljahr. Mit insgesamt fast 700 Kindern ist sie aktuell Hessens größte Grundschule. Nicht verwunderlich ist, dass da einige Uhren anders gehen. Das Echo sprach mit Schulleiter Simon Reiss, was dies bedeutet.

Groß, größer, Pestalozzischule: Keine andere Grundschule in Hessen besuchen so viele Kinder, wie die Bildungseinrichtung in Raunheim. „Ich würde sogar sagen, wir sind Deutschlands größte Grundschule“, ist sich Simon Reiss, seit dreieinhalb Jahren Rektor der Pestalozzi-Grundschule, sicher. Eine Berliner Grundschule betreut noch mehr Kinder, hat er festgestellt, aber die haben auch fünfte und sechste Klassen.

„Ich konnte damals noch nicht recht fassen, in was für kaltes Wasser ich geschubst wurde“, berichtet der ehemalige Förderschullehrer aus der Zeit vor dreieinhalb Jahren, als er sich auf den Posten bewarb. Eine anstrengende Zeit seien die ersten Monate gewesen, erinnert er sich. „Die Pestalozzischule muss in allen Belangen besonders betrachtet werden.“

Zum Beispiel morgens: Auf den zwei Zufahrten ballt sich der Autoverkehr, viele Menschen würden mit ihren Autos alles blockieren. Nicht zu vergessen die durchschnittlich rund 150 bis 200 Mütter und Väter, die ihren Kindern die Ranzen bis ins Klassenzimmer tragen. „Da war es vor drei Jahren ein großer Schritt für uns, dass die Eltern nicht mehr auf das Schulgelände dürfen.“ Seitdem werden Eltern höflich aber bestimmt aufgefordert, vor dem Schulgebäude zu warten, wenn sie ihr Kind abholen. Die Gefahr, dass schulfremde Personen sich sonst auf das Schulgelände schleichen, ist bei einer großen Schüler- und Elternzahl noch größer.

Zum Beispiel im Unterricht: „Hier haben wir in der Regel ein deutsches Kind pro Klasse, der Rest hat einen Migrationshintergrund“, weiß Reiss. Seiteneinsteiger, also Kinder, die ohne Deutschkenntnisse in die Schule kommen, gebe es hier nicht erst seit dem Zuzug von Flüchtlingen. „Deutsch als Zweitsprache ist hier alles.“ Die beiden Intensivklassen für Kinder ohne Deutschkenntnisse sind laut Reiss zurzeit „rappelvoll“ und werden ausschließlich von Flüchtlingskindern besucht.

Vielfalt ist automatisch Programm: Neben evangelischem, katholischem und islamischem Religionsunterricht wird die Schule ab dem Schuljahr 2018 / 19 auch das Fach Ethik anbieten.

Zum Beispiel in der Pause: „31 Klassen stehen bei uns in der Pause auf dem Schulhof“, erläutert Reiss. Neben den zwei Haupthöfen gibt es einen sogenannten „Sandhof“, der ab November neu gestaltet werden soll. Dann müssten die Kinder ihre Pausen versetzt in zwei Schichten machen.

Zum Beispiel beim Essen: 96 Kinder fasst die Mensa, die Ganztagskinder müssen in drei Schichten essen. Ein Neubau ist geplant, nach Fertigstellung sollen dort 600 Kinder in drei Schichten eine warme Mahlzeit bekommen. Mittags herrscht im Foyer ein lärmendes Gewusel, bis alle Ganztagsbetreuer vor Ort sind und zum Essen gehen. „Zwei Monate nach der Einschulung wissen die Erstklässler, wo sie hinmüssen“, stellt Simon Reiss fest. Anfangs müsste sich eine Helferin auch schon einmal auf den Weg durch den Gebäudekomplex machen, um verirrte Schäfchen einzusammeln. „Grundsätzlich gilt: was an anderen Schulen ,mal auftreten‘ kann, gibt es bei uns mit Sicherheit“, durfte Reiss bereits erfahren: Das gilt von der Erdnussallergie über die Anweisung, nur halal geschlachtetes Fleisch zu verzehren bis zum Veganer.

Zum Beispiel bei Sanitäranlagen: Für menschliche Bedürfnisse gibt es zwei Toilettenanlagen, die einmal täglich im Auftrag des Schulträgers, des Kreises Groß-Gerau, geputzt werden. „Das reicht nicht, wir sind dankbar, dass auch die Schulhausmeister regelmäßig klar Schiff machen“, lobt Reiss die Mitarbeiter. Seit einem halben Jahr wird der feste Hausmeister durch eine zusätzliche Halbtagsstelle unterstützt.

Zum Beispiel beim Sport: Neben einer Sporthalle wird auch die Aula für den Sportunterricht genutzt, das benachbarte Hallenbad darf die Schule ebenfalls nutzen. Die dritte Sportstunde findet trotzdem auch auf dem Schulhof statt.

Zum Beispiel beim Feiern: „Bei meinem ersten Schulfest stand ich vor 1500 Menschen auf der Bühne. Die kommen schnell zusammen, wenn 700 Kinder auch nur einen Elternteil mitbringen“, erinnert sich Reiss. Für das Schulfest reiche eine Beschallungsanlage nicht,es müsse schon ein großes Soundsystem her. Statt einiger freiwilliger Helfer sollten es am besten 100 sein. „Wir haben manchmal zu wenig Helfer, aber am Ende klappt es trotzdem.“ Die Ausschulungsfeiern der Viertklässler organisiert die Schule regelmäßig in drei Terminen, weil die Aula nicht alle Kinder eines Jahrgangs mit Familien fasst.

Zum Beispiel in der Sprache: Herkunftssprachlichen Unterricht gibt es bisher für Türkisch und Arabisch. Italienisch wird seit dem letzten Schuljahr aufgrund mangelnder Nachfrage nicht mehr angeboten. Für Griechisch gibt es Anfragen. Der herkunftssprachliche Unterricht ist freiwillig, aber Kinder müssen wenigstens ein halbes Jahr teilnehmen. Er findet nachmittags statt, nötig ist auch ein Nachweis, dass die Familie die Sprache noch spricht.

„Eigentlich leite ich ein mittelständisches Unternehmen“, zieht Reiss angesichts von rund 70 Mitarbeitern aller Bereiche, Bilanz. Zur Koordinierung des Stundenplans benötigte seine Konrektorin in diesem Schuljahr immerhin 70 Zeitstunden. Die Vorteile der Größe sieht er darin, dass sich immer jemand findet, der sich für etwas begeistern kann: „An einer kleineren Schule haben sie schnell ein Problem, wenn drei Leute gegen etwas sind“, weiß er. Die Hausaufgaben durch tägliche freie Lernzeiten zu ersetzen, war eine solche Neuerung, die am Ende fast einstimmig befürwortet wurde. Dankbar ist er auch Stadt und Verwaltung, die sich finanziell einbringen. Die zusätzlichen Lehrkräfte, die die Stadt finanziert, kommen auf sein Anraten in diesen Lernzeiten zum Einsatz, so dass immer zwei Betreuungskräfte anwesend sind.

Last but not least drängt sich die Frage auf: „Warum eigentlich so eine große Schule statt zwei oder drei kleinerer?“ Schließlich heißt es in benachbarten Bundesländern auch „Kurze Beine, kurze Wege“, die kleine Grundschule vor Ort soll Priorität vor dem Schulbetrieb haben. „Dann gäbe es eine Schule für die Kinder aus Einfamilienhäusern südlich der Bahn und eine für Kinder aus dem sozialen Wohnungsbau. Nur so sind wir die Schule für alle Raunheimer Kinder“, ist sich Reiss dagegen sicher. Das gilt auch für Kinder mit Förderbedarf: Die Schule unterrichtet auch Kinder mit Förderbedarf im Lernen, in der geistigen Entwicklung, mit Verhaltensauffälligkeiten sowie mit Hör- und Sehbeeinträchtigungen. „An der Barrierefreiheit kann noch nachgebessert werden“, weiß er. Aber mit Rollstuhl käme man auf Umwegen überall hin. Ein weiteres Argument für Größe und Vielfalt ist kaum schlagbar: „Alle Kollegen sind gerne hier“, ist Reiss überzeugt. Auch Claudia Klaus, Vorsitzende des Fördervereins, macht die Tätigkeit so viel Spaß, dass sie dabei bleiben will, wenn ihre Tochter die Schule nach der vierten Klasse verlässt.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare