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Der neue Geschäftsführer der Kreisklinik, Reinhold Linn, mag es lässig. Er entschied sich gegen die Krawatte fürs Foto.

Mit dem 66-Jährigen leitet kein harter Sanierer die Geschäfte

Reinhold Linn soll die Klinik retten

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Um seine Aufgabe ist Reinhold Linn kaum zu beneiden. Er soll das Kreiskrankenhaus vor der Insolvenz retten. Wir stellen den 66-Jährigen vor.

„Soll ich eine Krawatte anziehen?“, fragt Reinhold Linn vor dem Foto. Seine Entscheidung. Der 66-Jährige winkt ab. Aus dem Alter sei er raus. Und so lässt sich der Geschäftsführer des Kreiskrankenhauses ohne Schlips ablichten. Ein Hemdknopf geöffnet, Dreitagebart, gewinnendes Lächeln – der Mann, der die defizitäre Klinik retten soll, macht einen sympathischen Eindruck. Kein harter Sanierer. „Ich bin gegen Totsparen“, sagt er selbst.

Aber der studierte Betriebswirt sagt auch: „Wir sind ein Dienstleistungsunternehmen. Und wir haben Patienten zu versorgen.“ Dafür müssten wirtschaftliche Strukturen geschaffen werden. Und von Wirtschaftlichkeit ist das Krankenhaus aktuell weit entfernt. „Wir schreiben 4,5 Millionen Euro Verlust pro Jahr“, rechnet Linn vor.

So kann es nicht weitergehen, heißt es aus dem Regierungspräsidium (RP) Darmstadt und dem hessischen Sozialministerium. Die Behörden müssen noch über die geplante Spezialisierung der Klinik auf Altersmedizin entscheiden. Kosten in Höhe von 50 Millionen Euro stehen im Raum. Sollten sie ablehnen, droht eine Abwicklung des Hauses.

„Ein Krankenhaus ist kein normaler Betrieb“, sagt Linn und seufzt. Man bewege sich auf einem regulierten Markt, dessen Regularien man sich nunmal anpassen müsse. „Die Regeln macht der Gesetzgeber“, so Linn, der kein Parteibuch besitzt. Politik hin oder her – in absehbarer Zeit muss die Kreisklinik weniger rote Zahlen schreiben. Wie das gehen soll? Linn spricht von Strukturen, die nicht rund laufen. Von Geld, das verschenkt wird. Und von internen Prozessen, die er „deutlich verbessern“ will. Konkreter könne er nicht werden, sagt er entschuldigend. Ein Stück weit verständlich, schließlich hat Linn seinen Posten erst am 1. November angetreten. Wenn die Zeit reif sei, werde er sich mit Informationen an die Öffentlichkeit wenden.

Etwas lässt sich Linn dann doch in die Karten gucken. „Nehmen wir die zentrale Sterilgut-Versorgung“, gibt er ein Beispiel. Das ist die Abteilung, in der Operationsbesteck von Keimen gesäubert und für den nächsten Eingriff vorbereitet wird. Dort fehle derzeit Personal, weil mehrere Leute krank seien. „Wenn wir nicht sterilisieren, können wir nicht operieren. Wenn wir nicht operieren, können wir kein Geld verdienen“, rechnet Linn vor.

Bei rund 4000 Operationen pro Jahr stellt sich die Frage, wie der personelle Engpass überwunden werden kann. Linns Lösung: Mit dem GPR-Klinikum Rüsselsheim über eine Kooperation verhandeln. Das Wort Entlassungen fällt während des Gesprächs auch. „Wir haben keine geplant“, versichert Linn. Um hinzuzufügen: „Wenn sie nicht in der Person bedingt sind.“ Damit meint er: Die Aufgabe wird schwierig, die Mitarbeiter müssen mitziehen. Was Linn sagt, klingt durchdacht, hat Hand und Fuß. Das ist der jahrzehntelangen Erfahrung geschuldet, die der Vater von sieben Kindern im Krankenhaus-Business aufweisen kann. Nach der Schule machte Linn eine Ausbildung zum Verwaltungsangestellten. Das war bei der Gemeinde Biblis. Seinen Weg in den Gesundheitssektor bezeichnet er selbst als „kuriose Geschichte“: Ein befreundeter Pfarrer sagte zu ihm: „Du sitzt doch im Büro. Da kannst Du auch zu uns kommen, wir brauchen einen Verwalter.“

Mit „uns“ war das konfessionelle Krankenhaus Viernheim gemeint. Linn heuerte an – und blieb 14 Jahre. Vier Jahren in Bensheim folgte eine Umorientierung. Inzwischen war die Mauer gefallen und Linn hatte erkannt, dass dortige Kliniken Hilfe brauchen. So fungierte er mehrere Jahre als Berater, hauptsächlich bei Budgetverhandlungen zwischen Krankenhäusern und -kassen. „Ich habe immer versucht, das Beste für die Kliniken rauszuholen“, sagt Linn.

Dieses Ziel hat sich der passionierte Teetrinker auch für die Kreisklinik gesteckt. Der Berater sagt: „Das Haus hat aus meiner Sicht eine Zukunft. Aber: Wir müssen einiges tun.“ Zeit hat Linn damit bis mindestens 31. Dezember 2017. Bis dahin läuft der Vertrag des Managers, der – wie auch sein Vorgänger Tobias Bruckhaus – über die Beratungsfirma Andree Consult angestellt ist.

Privat lässt Linn es gerne mal ruhig angehen. Er entspannt beim Radfahren. Mit seiner Frau Maria – seit 43 Jahren verheiratet – teilt er sich ein Tandem. „Sie liegt, ich sitze. Wir strampeln aber beide“, erklärt er die Konstruktion. Linn hat auch noch ein herkömmliches Rad. Damit fährt er aus dem heimischen Hofheim (Kreis Bergstraße) zum sechs Kilometer entfernten Bahnhof Biblis – „aber nicht bei jedem Wind und Wetter“. Mit dem Zug geht es nach Groß-Gerau, wo der Arbeitstag gegen 7.30 Uhr beginnt.

Eine weitere Leidenschaft ist das Kochen. „Ich bevorzuge die mediterrane Küche“, sagt Linn, der in den vergangenen Monaten 16 Kilogramm abgenommen hat. Die Arbeit mit Nachwuchskräften liegt ihm am Herzen. Deshalb unterrichtet er an der Dualen Hochschule Mannheim „Grundlagen des Klinikmanagements“.

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