Tag der Brieftaube

Sie ist das Rennpferd des kleinen Mannes

Der 15. April war der Tag der Brieftaube. Wir haben Brieftaubenzüchter aus Ingelheim und Umgebung auf ihrer Anlage im Rüsselsheimer Igelweg besucht und interessante Fakten über ein konservatives Hobby erfahren.

Knapp 480 Kilometer Luftlinie liegen zwischen Rüsselsheim und der französischen Stadt Auxere. Würde man auf dem Rüsselsheimer Bahnhofsplatz eine Taube einfangen, sie dort hinbringen und freilassen, die Taube würde niemals wieder in die Opelstadt zurückkehren.

Ganz anders die Tauben von Dieter Meissner. In Auxere freigelassen, sind sie in rund fünf Stunden wieder zurück in ihrem Verschlag im Igelweg. Denn als Brieftaube haben sie im Kopf ein natürliches „Navi“, und das bringt sie auf direktem Weg zurück in den heimatlichen Schlag – es sei denn, sie wird unterwegs von einem Greifvogel verspeist oder sie verheddert sich in einer Stromleitung.

Irgendwann erkannte der Mensch die speziellen Fähigkeiten der Brieftaube und nutzte sie in seinem Sinne. Die Taube wurde mit an Gewicht leichten Nachrichten ausgestattet und brachte diese zu ihrem Heimatschlag, wo sie vielleicht ein Offizier erwartete, der so erfuhr, wie die Truppenbewegungen des Feindes aussahen. Dafür werden Brieftauben freilich nicht mehr eingesetzt. Geblieben ist das Züchten von Brieftauben als Hobby. In Rüsselsheim sind im Verein Reisevereinigung Mainspitze 18 Züchter aktiv, die am Sonntag zum Tag der offenen Tür in ihre Anlage nahe der GPR-Notaufnahme einluden. Denn der 15. April war der Tag der Brieftaube, an dem bundesweit zahlreiche Vereine und Vereinigungen auf ihr – eher konservatives – Hobby aufmerksam machten.

Beim Betreten der Zuchtanlage fiel sofort ein mächtiges, feuerrotes Fahrzeug auf. „In diesem Kabinen-Express werden unsere Tauben zum Ausgangsort, dem sogenannten Auflassplatz gebracht“, erläuterte Dieter Meissner. Der 54-Jährige bildet mit Daniel Scheurer (34) eine Zuchtgemeinschaft. Rund 250 Tauben stehen in ihren Diensten. Der Kabinen-Express ist mit sechs mal sieben Boxen ausgestattet.

Es ist meist Freitag oder Samstag, wenn sich der Fahrer mit den mit reichlich Wasser und Futter versorgten Tauben auf den Weg macht, beispielsweise nach Auxerre. Vor Ort lässt der Chauffeur die Tauben frei, setzt sich ans Steuer und fährt wieder zurück nach Rüsselsheim. „Meist sind unsere Tauben sehr viel schneller wieder in Rüsselsheim“, schmunzelte Meissner. Er und seine Züchter-Freunde warten derweil gespannt auf die gefiederten Heimkehrer. Und die haben alle einen ringförmigen Computerchip am Bein.

Erreicht die Taube ihren Schlag, meldet sie sich über eine Antenne automatisch an. Die beim Flug ermittelten Daten wiederum werden direkt in einen Computer übertragen. Auf diese Weise erfährt der Züchter beispielsweise, dass seine Taube durchschnittlich mit 1521 Metern pro Minute geflogen ist, was immerhin 90 Kilometern pro Stunde entspricht.

Selbstverständlich gibt es für solche Flüge nationale und internationale

Meisterschaften

. Der europaweit größte Wettbewerb findet Ende Juli in Barcelona statt. 25 000 bis 30 000 Züchter aus ganz Europa kommen an diesem Tag, an dem der Fußball einmal in den Hintergrund tritt, in die Stadt und lassen ihre Brieftauben frei. Vor denen liegen dann Strecken von bis zu 1200 Kilometern.

Inzwischen hat sich im Umfeld der Brieftaubenflüge eine Wettszene entwickelt, in der Preisgelder von deutlich mehr als 100 000 Euro ausgelobt werden. „Das kann man durchaus mit Pferderennen vergleich“, erläuterte Züchter Meissner. Nicht umsonst werde die Brieftaube auch das „Rennpferd des kleinen Mannes“ genannt.

In Deutschland haben die Brieftauben-Zuchtvereine und damit auch die in Rüsselsheim und Umgebung jedoch erhebliche Probleme, Nachwuchs zu finden. Züchter, die jünger als 30 Jahre sind, findet man meist vergebens. „Es ist nun einmal ein zeit- und pflegeintensives Hobby“, weiß Dieter Meissner aus langjähriger Erfahrung. Viele bilden daher innerhalb des Vereins eine Zuchtgemeinschaft, um sich die Verantwortung zu teilen.

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