David Herrmann freut sich über den Fahrradboom, spricht aber auch von Engpässen bei der Lieferung. Foto: Rüdiger Koslowski
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David Herrmann freut sich über den Fahrradboom, spricht aber auch von Engpässen bei der Lieferung.

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Fahrrad-Boom hält im zweiten Corona-Jahr an – Doch es gibt Nachteile

Herrmanns Radhaus in Rüsselsheim ist monatelang im Voraus ausgebucht. Die Nachfrage nach Fahrrädern reißt auch wegen Corona nicht ab. Aber es gibt auch Schattenseiten.

Rüsselsheim - „Wir haben viel zu tun. Aber es macht Spaß, an den Fahrrädern zu schrauben“, sagt Wilfried Wolf, der bei Herrmanns Radhaus in der Werkstatt kaputte Räder auf Vordermann bringt. Die Menschen kaufen sich Fitnessgeräte für zu Hause, besorgen sich Haustiere und treten nun auch verstärkt in die Pedale. Corona macht es möglich, dass sie sich Dingen zuwenden, für die das Interesse zuvor eher rudimentär vorhanden war.

David Herrmann will das Radhaus von seinem Vater übernehmen und ist angehender Geschäftsführer. Er bestätigt den Eindruck: "Der Fahrradboom hält auf jeden Fall an." Der starke Trend mit immer mehr Pedalrittern auf den Straßen und in den Naherholungsgebieten hat bereits im vergangenen Jahr begonnen, von März 2020 an mit Beginn des ersten Lockdowns. "Das Interesse ist immer größer geworden, nicht nur für Neuräder. Wir müssen auch viele alte Räder reparieren", sagt der 28-jährige Mechatroniker. Die Menschen hätten den Wunsch, sich zu bewegen. Eine Alternative zum Spazierengehen sei das Fahrradfahren.

Fahrrad-Boom in Corona-Zeiten hält an: Nachfrage nach E-Bikes am stärksten

Wer kein Fahrrad hat oder sich mit der Schrottschüssel im Keller nicht mehr auf die Straße wagt, kauft sich ein Neues. Der Umsatz sei im Vergleich von 2019 zu 2020 um 30 bis 40 Prozent gestiegen, macht Herrmann den Trend mit Zahlen deutlich.

Bei den E-Bikes sei der Anstieg am stärksten zu beobachten, Trekkingräder seien ebenfalls sehr beliebt. Abgesehen von diesen beiden Radtypen fragten die Kunden aber auch nach Mountainbikes und Citybikes. Trekkingräder seien Allrounder mit einer guten Ausstattung, so Herrmann, weshalb sie sich sowohl für das Fahren auf Straßen- als auch Waldwegen eigneten.

Wilfried Wolf gibt den Schraubenschlüssel in der Werkstatt kaum noch aus der Hand.

Starke Nachfrage sorgte für Lieferengpässe: Lange Wartezeiten beim Fahrrad-Kauf in Corona-Zeiten

Geringer sei dagegen die Nachfrage nach Kinderrädern. Dies hänge vielleicht damit zusammen, dass derzeit kein Beratungsgespräch im Laden möglich ist, vermutet Herrmann. Die Kunden legten großen Wert auf die persönliche Beratung vor dem Kauf eines Kinderrades. Sie können sich aber auch telefonisch und per E-Mail informieren. Bei den Gesprächen wird die Liste auf zwei Räder eingegrenzt. Die Wunschräder stellt das Radhaus dann gerne bei den Kunden zu Hause vor.

Mit der starken Nachfrage gingen auch Lieferengpässe einher, kommt Herrmann nicht umhin, die Schattenseiten des Fahrradbooms zu benennen. Wer ein neues Fahrrad bestellt, müsse mittlerweile mit Lieferzeiten von bis zu einem Jahr und länger rechnen. Das Problem liege nicht nur bei den Zulieferern; die warteten selbst auf die Ware.

Die gesamte Lieferkette ist von der Corona-Pandemie betroffen. Herrmann spricht von den Nachwehen des ersten Lockdowns, als viele Produktionsstätten vollkommen stillgelegt wurden. Bei der großen Nachfrage könne der Produktionsrückstand nicht mehr aufgeholt werden. Da geht es beispielsweise um Teile wie Ketten und Zahnräder, die nicht in genügender Menge hergestellt und deshalb ausverkauft seien. Was sich freilich irgendwann auf die hauseigene Werkstatt auswirken werde, macht Herrmann keinen Hehl aus der vertrackten Situation. Noch aber habe er wegen der guten Bevorratung ausreichend Ersatzteile.

Fahrrad-Boom in Corona-Zeiten: Werkstatt bis Mitte Juli ausgebucht

Viele der neuen Radsportfreunde haben mit Blick in den Keller ihre alten Drahtesel wiederentdeckt. Die müssen allerdings vor der ersten Fahrt straßentauglich gemacht werden. Die Reifen müssen aufgepumpt, die Bremsen nachgezogen und Verschleißteile ausgetauscht werden. Auch für diese Kunden werden Ersatzteile benötigt. Die Werkstatt sei ausgebucht, gibt Herrmann Auskunft. Und zwar bis Mitte Juli. Darunter befänden sich Kunden, die ihre alte Fahrrad schätzen und es nicht einfach gegen ein neues, modernes Fahrrad eintauschen möchten. Kostet die Reparatur solcher altgedienter Drahtesel mehr als der Kauf eines neuen Fahrrads, rate die Werkstatt zum Kauf eines neuen Rads.

Immer mehr Menschen nutzten den Service der Fachmänner. Während vor vielen Jahren noch ein Großteil selbst zum Schraubenschlüssel griff, um die notwendigen Reparaturen zu erledigen, wüssten nicht mehr so viele, was zu tun ist. "Auseinandergebaut ist es schnell, zusammenbauen ist dann schwierig", sagt David Herrmann schmunzelnd. Ganz zu schweigen von der Reparatur eines E-Bike mit seiner ausgeklügelten Elektronik. Um ihre Jobs müssen sich Wilfried Wolf und David Herrmann keine Sorgen machen - erst recht nicht in Corona-Zeiten. (Rüdiger Koslowski)

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