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Zwar dürfen die Kunden derzeit nicht selbst in den Verkaufsraum des Hofladens von Landwirt Herbert Jung, der Andrang an der Theke ist jedoch groß. FOTO: MARAIKE STICH

Landwirtschaft

Rüsselsheim: Eine extreme Zeit für die Bauern

Herbert Jung aus Bauschheim kämpft an vielen Fronten: Das nächste trockene Jahr droht, es fehlen Erntehelfer, und die Vermarktung von Obst und Gemüse ist wegen der Corona-Krise schwierig.

Rüsselsheim -Samstagmorgen in Bauschheim, die Sonne scheint und viele Menschen mit Korb am Arm laufen auf dasselbe Ziel zu. Der Hofladen der Familie Jung hat heute nicht nur Obst und Gemüse im Angebot. Mehrere andere Händler bieten ihre Waren in dem großen Hof an. Backwaren, Wurst und griechische Feinkost sind darunter. Vor jedem Stand bilden sich lange Schlangen, die Kunden tragen alle Mundschutz und warten geduldig. So weit scheint alles bestens zu laufen für den landwirtschaftlichen Betrieb der Jungs.

Doch zur Realität gehört auch das: Ein drittes trockenes Jahr in Folge droht, Erntehelfer fehlen und die Corona-Beschränkungen erschweren die Vermarktung der Feldfrüchte. Die Landwirte kämpfen derzeit an vielen Fronten. Landwirt Herbert Jung hat sich bereit erklärt, dem Echo einen kleinen Einblick in die mannigfaltigen Probleme zu geben, denen er und viele Kollegen gegenüberstehen.

Der Regen war "Gold wert"

Los geht es mit einer guten Nachricht. "Der Regen in dieser Woche war Gold wert", erklärt der Bauschheimer beim Gespräch in seiner Küche. Für die Wintergerste und den Roggen sei er wahrscheinlich zu spät gekommen, der Weizen jedoch habe gute Chancen, wenn der Mai weiterhin feucht bleibe. "Im Frühjahr ist es schon schwierig gewesen, die Pflanzen zum Auflaufen zu bringen", sagt Jung. Zwar habe man die Möglichkeit, zu berieseln, doch der starke Wind habe an vielen Tagen eine gezielte Verteilung des Wassers verhindert. Zudem habe es in den Kulturen auch Schlagschäden durch die starken Böen gegeben.

Hoffnung gibt dem Bauschheimer eine alte Bauernregel: "Ist der Mai kühl und nass, füllt sich's Bauern Scheun' und Fass", zitiert er mit einem Schmunzeln. Sorgen macht ihm der sinkende Grundwasserspiegel. Der Beinegraben ist dafür in Bauschheim ein Indikator. Normalerweise sei der noch bis Anfang Juli gefüllt, in diesem Jahr aber schon jetzt trocken. Dann könne es auch mit der Berieselung schwer werden.

Dabei habe die Region durch die Nähe von Main und Rhein immer als gelobtes Land für den Ackerbau gegolten. "Deshalb werden hier schon immer viel Gemüse und Frühkartoffeln angebaut", sagt Jung. Schon seit mehr als 60 Jahren würden in Bauschheim die Felder berieselt. Mittlerweile habe man sich auch schallgedämpfte Pumpen angeschafft, um die Nachtruhe der Anwohner in der Nähe der Felder zu schonen. Eine Ausnahme sei dieses Jahr wetterbedingt auch in anderer Hinsicht gewesen, "noch nie mussten wir im April in so vielen Nächten die Frostberieselung einsetzen". Das sei schon extrem ge- wesen.

Lob für die Spargel-Helfer

Nachdem zu Beginn der Krise keine ausländischen Erntehelfer kommen durften, hatte Jung Arbeitslose aus der Region engagiert. Das sei nicht für alle das Richtige gewesen, aber, "fünf von 20 sind geblieben und die machen das richtig gut", lobt der Landwirt. Ohne die hätte man die ersten Wochen keinen Spargel ernten können. Gerne würde Jung diese Menschen weiterbeschäftigen, auch wenn er mittlerweile fünf Erntehelfer aus Rumänien einfliegen lassen konnte.

Das Problem dabei sei jedoch die Obergrenze für den erlaubten Zuverdienst bei Arbeitslosigkeit oder Kurzarbeit. "Wir zahlen nach Tarif, in zwei Tagen haben die Leute die Grenze erreicht", empört sich Jung. Bei all den vielen Finanzhilfen, die es derzeit gebe, verstehe er absolut nicht, warum diese Obergrenze in der aktuellen Krise nicht ausgesetzt werde. Er habe deshalb auch schon an Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner geschrieben, jedoch keine Antwort erhalten. "Warum nicht mal den Leuten für drei Monate Drecksarbeit das Geld lassen? Die werden Ende des Jahres noch genug Probleme haben", sagt er sichtlich empört und fragt, was denn noch passieren müsse, dass man da mal eine Ausnahme mache.

Erfreulich sei, dass seit Corona mehr Kunden in seinen Hofladen kämen und es auch auf den Wochenmärkten, wo er seine Waren anbiete, mehr Zulauf gebe. Aber, räumt er ein, "in anderen Ausnahmesituationen wie bei BSE oder EHEC wurden die Kunden auch zuerst mehr, aber dann geht es schnell wieder in die Normalität". Sein großer Wunsch sei, dass die Ernährung wieder einen anderen Stellenwert für die Menschen bekäme. Dass man erkenne, dass auch das ein Stück Lebensqualität sei, nicht nur das teure Auto und die Fernreise.

Maraike Stich

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