+

Lieber analog statt digital

Urs Tilman Daun pflegt mit seiner Kamera die Philosophie der Langsamkeit

Ein Auslöser, zwölf Bilder: Der Frankfurter Fotokünstler Urs Tilman Daun nutzt das Labor der Opelvillen als „Ankerplatz“. Von hier aus geht er auf Stadtrundgänge mit seiner Kamera.

Rüsselsheim - Vor der Treppe zum Labor der Opelvillen stellt Urs Tilman Daun sein Stativ auf, befestigt sorgsam die Kamera und nimmt den Belichtungsmesser zur Hand. Daun erklärt, was ihm so simpel wie genial erscheint: „Meine Kamera, eine Hasselblad, ist das perfekte, analoge Gerät. Du hast den Würfel – also den ,Body’ bedienst mit nur zwei Knöpfen den Auslöser und das Rad zum Weiterspulen des Films, schaust von oben in den Sucher“, zeigt „Sechs mal sechs Zentimeter misst das Negativ, du hast eine hohe Auflösung der Bilder und kannst sie groß aufziehen“, ergänzt er.

Die Sonne hat sich verzogen und er will das gleichmäßig matte Tageslicht nutzen, um rasch ein Motiv zu bannen, das ihm auffiel. Wobei: „Rasch“ geschieht gar nichts, wenn Urs Tilman Daun fotografiert. „Analog – das ist eine Philosophie für sich. Du hast zwölf Bilder auf dem Film und drückst erst dann den Auslöser, wenn alles passt. Du konzentrierst dich total auf die Bildkomposition“, sagt er. Dann ist es so weit: Er hat das Bild im Kasten.

Urs Tilman Daun: „Rüsselsheim ist spannend, hat viele Kontraste, hat viele Kulturen“

„Analoge Bilder haben Seele. Digital ist alles in Nullen und Einsen gehäckselt“, meint er, als wir die Treppe zum Labor der Opelvillen hinabsteigen, das er noch zwei Wochen für fotografische Streifzüge durch Rüsselsheim nutzen will. „Rüsselsheim ist spannend, hat viele Kontraste, hat viele Kulturen“, sagt Urs Tilman Daun. 


„Leider reicht die Zeit nicht, um zum Ende meines Gastaufenthaltes eine Ausstellung der Rüsselsheim-Fotos zu zeigen. Aber ich bewerbe mich für die Schleuse der Opelvillen“, erklärt er. Dorthin nämlich wollte er mit einer analogen Serie ohnedies, bevor ihm der Aufenthalt im Labor angeboten wurde: „Es gab einfach zu viele Bewerbungen für die Schleuse. Das Labor als Raum ist für mich nur ein Ankerplatz – als Fotograf bin ich draußen.“ Zudem: Für den in Frankfurt lebenden Freiberuflicher sind Freiräume eigener Kunstprojekte begrenzt: „Ich bin seltener hier, als ich will, bin gerade in Filmprojekte mit Jugendlichen eingespannt – da paaren sich Pädagogik und Kunst.“

Vorspielung einer Idylle hinterfragen

Fotografisch befragt Urs Tilman Daun die Dinge, um die Menschen zu verstehen. Es sind künstlich hergestellte Interieurs, es sind Hausfassaden, Pflanzen und Skulpturen, die er ablichtet, um die Vorspiegelung einer Idylle zu hinterfragen. Immer gibt es einen kalten Riss der Erkenntnis im Bild, der den absurden Dekorationscharakter der Objekte bloßlegt.

Daun sagt: „Natürlich ist Zynismus dabei, wenn ich das Hoftor als Plastikimitat einer grünen Hecke entlarve. Oder wenn ich den hohen Baum als Gefangenen, eingekeilt zwischen Hausmauern, ablichte. Ich frage: Was motiviert Menschen, künstliche Welten zu schaffen?“

Urs Tilman Dauns Fotos entlarven gespenstisch leere Szenerien

Es sei die „Baumarktästhetik“, die ihn irritiere, eine Umwelt, die bloße Dekoration für Sehnsüchte sei, so der Fotograf. „Es sind Fluchtwelten, Konstruktionen von Wirklichkeit. Neulich sah ich einen Garten, in den sich jemand die Attrappe eines Pferds gestellt hat. Und ich traf einen Mann, der seinen Kellerraum als Sehnsuchtsraum der Jagd arrangiert hat: Ausgestopfte Tiere als Trophäen.“

Es seien Dinge und Personen, die, losgelöst von ihrer natürlichen Umgebung, eine unwirkliche Wirklichkeit formen: Auf den ersten Blick Sehnsuchtsorte, auf den zweiten Albträume. Seine Fotos entlarven gespenstisch leere Szenerien. Daun: „Was aber sagt dies über unsere Gesellschaft aus?“

Von Charlotte Martin

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare