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Eine etwa 100 Jahre alte Birke liegt nach dem starken Sturm im vergangenen September im nun geschützten Gebiet

Nach Unwetter sich selbst überlassen

Birkenbuch in Rüsselsheim soll "Urwald" werden – Neues Heim für Vogelarten

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Heute ist der „Tag des Waldes“. Dieser will auf die Bedeutung nachhaltiger Forstwirtschaft aufmerksam machen. Am äußersten Rande Rüsselsheims darf sich ein Abschnitt jetzt fast völlig frei entwickeln.

Frankfurt - Das Wurzelwerk ragt in die Luft, der weiße Stamm liegt auf dem Boden. Umgerissen wurde die große Birke, die wohl um die hundert Jahre alt wurde, im vergangenen September von Sturmtief „Fabienne“. Und mit ihr viele weitere Bäume im Rüsselsheimer Markwald. Betroffen sind in dem sogenannten Bruch, so lautet der Fachbegriff für das Feuchtgebiet, neben Birken vor allem Erlen.

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So groß sind die Schäden im Stadtwald

Das Besondere: Im Gegensatz zu anderen Wäldern, wo der Wind gewütet hat, hat sich die Stadt dazu entschieden, den 2,8 Hektar großen Abschnitt an der Walldorfer Gemarkungsgrenze unweit der Startbahn West des Frankfurter Flughafens nicht wieder aufzuforsten.

Gebiet in Rüsselsheim soll geschützt und sich selbst überlassen werden

Stattdessen soll das Gebiet geschützt und sich selbst überlassen werden. Man wolle testen, wie sich der Baumbestand wieder regeneriert und dies der Bevölkerung zeigen, erzählt Reinhard Ebert, städtischer Bereichsleiter Natur- und Umweltschutz, bei einem Ortstermin am Mittwoch. Neugepflanzt würden lediglich einige Eichen, die den Boden mit ihren breiten Wurzeln stabilisieren sollen. Zudem eignete sich die Eiche gut, da es sich bei ihr um einen für andere Pflanzen und Tiere wichtigen „ökologischen Mutterbaum“ handele.

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Doch gleich ob Eiche, Birke oder Erle – bis in dem Bruch wieder flächendeckend große Bäume stehen, wird 20 bis 25 Jahre dauern, schätzt Ebert. In der Zwischenzeit könnte sich dort so manche Tierart ansiedeln, vor allem Vögel wie der Specht oder Zaunkönig. Das Dickicht sei auch für Wildschweine geeignet, um dort ihre Frischlinge aufzuziehen. Hirsche, die an jungen Bäumen oftmals Schälschäden verursachen, hätten es im „Urwald“ dagegen schwer. „Sie trauen sich nicht rein, weil ihnen der Fluchtweg fehlt“, erläutert Ebert.

Stadt Rüsselsheim plant nachhaltige Waldpolitik 

Was die Stadt dort plant, steht für eine nachhaltige Waldpolitik, die weniger auf ökonomische Aspekte ausgerichtet ist. So sind seit dem Jahr 2005 mehr als zehn Prozent der 800 Hektar Rüsselsheimer Wald aus der Bewirtschaftung genommen. Voraussetzung dafür sei, dass die Bäume in der betreffenden Fläche je nach Art mindestens hundert Jahre als sind. Dann hätten sie aus wirtschaftlicher Sicht ihren „Zenith“ ohnehin überschritten. Windanfällige Monokulturen, die anderen Pflanzen und Tieren kaum Lebensraum bieten, sollen in Rüsselsheim künftig weniger werden. 

Umweltamtschef Reinhard Ebert und Dezernent Nils Kraft (links)


Umweltdezernent Nils Kraft (SPD) zufolge hängt der Sinnes- nicht zuletzt mit dem Klimawandel zusammen. Dieser sei allgegenwärtig. Mittlerweile habe man es mit ganz anderen „Wind- und Sturmereignissen“ zu tun. Für die Feuerwehr seien daher beispielsweise spezielle Fahrzeuge, sogenannte Pick Ups, bestellt worden, um Schäden in den Wäldern besser bewältigen zu können. Vor seiner Zeit als Dezernent habe das Thema Umweltschutz nicht zu seinen Kernkompetenzen gehört. Daher sei die Tätigkeit für ihn wie ein zweites Studium. Mit Blick auf die zahlreichen Schülerdemonstrationen und als Spitze gegen einen Ausspruch von FDP-Chef Christian Lindner betonte Kraft, dass Engagement im Umweltschutz mitnichten nur etwas für „Profis“ sei.

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