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Haben ihren Spaß am Europabrunnen: Die Freunde Kristyan (auf dem Stierkopf rechts) und Erin sowie die kleine Lerza-Nur (links), die unter der Aufsicht ihrer Mutter Ivbate Ahmedova versucht, auf die große Figur zu klettern.

Stadtgeschichte

Einst schmückte der Europaplatz Rüsselsheim, heute sieht er eher trostlos aus

Mit der Parlamentswahl am 26. Mai rückt Europa wieder mehr in den Fokus der Menschen. Rüsselsheim hat einen eigenen Ort, der den Staatenverbund würdigt. Vor fast 40 Jahren hat der Europaplatz sogar einen besonderen Brunnen bekommen. Seitdem ist viel passiert.

Rüsselsheim - Sie kletterten, rutschten und spielten mit der kleinen Fontäne, so dass das Wasser nur so spritzte. Noch während der schmucke Brunnen am Rüsselsheimer Europaplatz am 3. September 1980 offiziell eingeweiht wurde, nahmen die Kinder die Bronze-Figuren in Beschlag. Genauso, wie es sich der Bildhauer Professor Gernot Rumpf vorgestellt hat. Und genauso ist auch fast 40 Jahre später noch auf dem kleinen Platz in der Rüsselsheimer Innenstadt. An diesem sonnigen Mittag im Mai 2019 sind es die beiden Freunde Kristyan (10) und Erin (8), die auf den Stier mit seinen großen Hörnern klettern und rumtoben. Wir sind gerne hier", sagt Kristyan. "Besonders im Sommer." Dann mache es so richtig Spaß, in dem Brunnen, der ein bisschen an einen kleinen Teich erinnert, zu spielen. Vor allem auch, weil das Wasser offenbar immer wieder gereinigt wird.

Tags zuvor schwammen noch Müll, vor allem Plastikreste, auf der Oberfläche. Und auch der Sperrmüll, alte Kisten und eine kleine Matratze, der sorglos neben dem leerstehenden Blumengeschäft abgelegt wurde, ist verschwunden.

Beides verbessert das eher trostlose Bild, das der Platz abgibt. Auf dem Dach des leeren Ladengeschäfts wuchern die Pflanzen, die Scheiben sind dreckig bis richtig verschmiert, es gibt kaum Sitzgelegenheiten oder irgendeine Aufhübschung.

Das war im Jahr 1980, nach der Einweihung des Brunnens, ganz anders. Damals standen Bänke rund um das Wasserspiel mit politischen Tiefgang, und große Blumenkübel werteten den Europaplatz auf. Für den Brunnen hat die Stadt 65 000 D-Mark ausgegeben.

Ein ganz besonderer Tag

"Ich bin überzeugter denn je, dass die Stadt Rüsselsheim zur Verschönerung des Europaplatzes mit diesem Brunnen eine ganz hervorragende Wahl getroffen hat", sagte Oberbürgermeister Dr. Karl-Heinz Storsberg bei der Einweihung am 3. September 1980. Dieser Mittwoch sollte ein ganz besonderer Tag für Rüsselsheim werden, an dem viel zusammenkam. Denn passenderweise tagte das Präsidium der deutschen Sektion des Rates der Gemeinden Europas an diesem Tag in der Opel-Stadt. Hinzu kamen weitere Gäste, die Storsberg begrüßen konnte: Darunter die Repräsentanten der Partnerstädte Evreux und Varkaus sowie "der erstmals in Rüsselsheim anwesende Bürgermeister von Hamelach von Rechovot in Israel" - wie das Echo damals schreibt.

Zur Einweihung des Brunnens war auch dessen Schöpfer Gernot Rumpf an den Main gekommen. So ist es ohnehin schon eine illustre Runde gewesen, die sich um 12.30 Uhr auf dem Europaplatz traf. Hinzu kamen interessierte Bürger, spielfreudige Kinder und viele Arbeiter aus dem Werk, die in der Sonne ihre Mittagspause genießen wollten. Bei Erbseneintopf, Bier und Musikaufführungen der damals zwei Rüsselsheimer Gymnasien entstand so fast Volksfestatmosphäre.

Politischer Hintergrund

Ein Rahmen, in dem aber auch der politische Hintergrund immer wieder angesprochen wurde. "Ein weiteres Ziel war es, den europäischen Gedanken auch baulich zu vertiefen, den Willen der Stadt Rüsselsheim und ihrer Bürger, sich für ein gemeinsames Europa einzusetzen, klar zu dokumentieren", sagte Storsberg.

Daran hat sich für seinen Nachfolger Udo Bausch (parteilos) auch 39 Jahre später nichts geändert. Er erinnert daran, dass bei der Brunnen-Eröffnung der europäische Gedanke "an Fahrt aufgenommen" hat. "Gerade in einer internationalen, weltoffenen und kulturell vielseitigen Stadt wie Rüsselsheim sind daher Platz und Denkmal Erinnerung und Mahnmal zugleich, dass wir Menschen überall gleich und gleichwertig sind." Deshalb fordere der Europaplatz mit seinem Brunnen die Bürger mit Blick auf die anstehende Europawahl geradezu auf, "sich positiv mit Europa zu identifizieren und den Gedanken der Integration weiter zu pflegen".

Negative Schlagzeilen

Dass es nur gemeinsam geht, ist für die beiden Freunde Kristyan und Erin, die in der Mai-Mittagssonne am Brunnen toben, klar. Sie spielen mit den anderen Kindern und machen Platz, als Ivbale Ahmedova ihre kleine zweijährige Tochter Lerza-Nur hochhebt, damit sie auch mal auf dem breiten Stierkopf sitzen kann. Doch ganz geheuer ist der Kleinen das Ganze nicht.

Ort der Schießerei

Ähnlich ging es den Lokalpolitikern, als ihnen 2017 ein Umbau-Antrag zu dem leerstehenden Blumenpavillon auf den Tisch geflattert ist. Ümit Bayazit, ein Rüsselsheimer Geschäftsmann, der laut Branchenbuch auch einen Autohandel und eine Shisha-Bar in der Stadt betreibt, wollte dort ein Eiscafé eröffnen. Doch ein fehlender Fluchtweg und die Keller-Nutzung waren zwei Punkte, die den Mitarbeitern im Baudezernat Bauchschmerzen bereitet haben.

Seitdem ist es ruhig um das Projekt geworden. Dafür hat es der Europaplatz Ende April wieder in die Schlagzeilen geschafft. Der Anlass bleibt für viele Bürger in Rüsselsheim besorgniserregend: In der Nacht zum 27. April ist es ein Streit zwischen zwei Großfamilien, der am Europaplatz eskalierte. Dort gab es eine Schießerei, bevor rund 20 Beteiligte vor der Polizei durch die Innenstadt flüchteten. Ereignisse, die nichts damit gemein haben, wofür dieser Platz steht: vereintes Miteinander und eine friedliche Welt.

Die Bürger der Europäischen Union wählen zum neunten Mal das Europäische Parlament. In Deutschland ist der Wahltermin auf Sonntag, 26. Mai, festgelegt worden. Die 96 deutschen Europaabgeordneten werden direkt bestimmt. Das heißt: Jeder Wähler hat eine Stimme, die er einer der 41 Parteien oder politischen Vereinigungen gibt. Das Parlament wird alle fünf Jahre neu bestimmt. nah

Das hatte der Brunnen-Schöpfer im Sinn

Als der Brunnen eingeweiht worden ist, hat der Künstler Professor Gernot Rumpf seine Gedanken erläutert. Folgenden Text druckte das Echo daraufhin ab: "Kunst gehört seit alters her zur Lebensqualität der Menschen. Lebendige Kunst gehört zur Lebensqualität einer intakten Gesellschaft, die den anderen in seinem Handeln erkennt, ablehnt oder akzeptiert.

Der Maler, Bildhauer und generell die kreativen Berufe haben in unserer Zeit des perfekten und sterilen Funktionalismus die außerordentlich wichtige Aufgabe, wieder Menschlichkeit und Individualismusin zementierte, unterkühlte Stadtlandschaften einfließen zu lassen. Unsere Zeit wird später einmal - das beweist die Kunstgeschichte - danach beurteilt, was wir an kulturellen Gütern zu schaffen instande waren. Mein Anliegen ist es, den Menschen anzusprechen, der fähig ist zu sehen und zu fühlen. Der einfache Betrachter sieht hier einen Stier, er erkennt ihn und ist zufrieden. Der andere sieht ebenfalls diesen Stier und erkennt gleichzeitig die mythologischen Hintergründe sowie deren Bezug zu unserer Zeit.

Besonderer Moment im Jahr 1980: Rüsselsheims SPD-Bürgermeister Dr. Karl-Heinz Storsberg (Zweiter von rechts) zusammen mit politischen Gästen bei der Eröffnung des Brunnens. Dessen Schöpfer Professor Gernot Rumpf leiht der Europa-Figur für das Erinnerungsfoto seinen Kopf.

Sprechen wir von Europa, dann denken wir automatisch an die Griechen und ihre Mythologie. Sie schufen vor fast 3000 Jahren das erste Europa-Modell. Europa, die Tochter des Königs von Tyros, war von außerordentlicher Schönheit. Der listige Göttervater Zeus entdeckte sie am Strand und näherte sich ihr in Gestalt eines weißen, zahmen Stieres. (. . . ) Zeus entführte nun die Tochter des Agenor nach Kreta und zeugte mir ihr drei Söhne: Minos, Rhadamanthys und Sarpedon.

Sie sehen hier eine mächtige, dreifach gehörnte Stiergestalt,die gleichsam aus dem Erdinnern hervorbricht und wildschnaubend auf die Europa zustrebt. Die besondere Kraft des Zeustieres ist durch dreifachen Hörnerpaare symbolisiert.

Ihm gegenüber steht die Europa - jedoch nur scheinbar kopflos!Wir alle sind von ihr dazu aufgefordert - indem wir uns mit dem europäischen Gedanken identifizieren -, dass wir uns in sie, in die Figur hineinstellen. Der Europa ist die Eule zugestellt, seit alters her Symbol der Weisheit, der kontemplativen Zurückgezogenheit. Der Brunnen, das heißt seine Figuren, wurden von mir in Originalgröße geschaffen.Die Gießerei Casper hat die Figuren in reiner Bronze, von 90 Prozent Kupfer und 10 Prozent Zinn gegossen.

Zum Schluss mag ich darauf hinweisen, dass ich die Plastiken nicht als Museumsstücke sehe, sondern als Objekte, die den Menschen Freude machenund von ihnen im wahrsten Sinnen des Wortes ,begriffen' und auch gebraucht werden sollen. Mögen sie und die ganze Bürgerschaft den Brunnen lieben und beschützen." von Daniela Hamann

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