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Seit das Schuhgeschäft Deichmann umgezogen ist, ist es auch bei Ahmad Anas von ?Nida Fashion? ruhig geworden.

Strukturwandel

In Rüsselsheim kämpfen die Einzelhändler um ihre Existenz

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Während die Stadtverwaltung um die Erweiterung des Mainkaufzentrums streitet, blicken die Einzelhändler mit gemischten Gefühlen in die Zukunft.

Mittwochmittag in der Rüsselsheimer Bahnhofstraße. Der Himmel ist bewölkt, gelegentlich fallen ein paar Regentropfen. Ab und zu läuft ein Passant vorüber, die Kapuze in die Stirn gezogen. „Es wird immer ruhiger in der Innenstadt“, sagt Doris Schwalbach.

Sie schaut aus dem Schaufenster ihres Geschäfts für Kinderbekleidung. Bei Sonnenschein komme auch schon einmal Laufkundschaft herein. Aber die bleibe immer öfter fern. Denn in der Bahnhofstraße haben in den vergangenen Jahren viele alteingesessene Geschäfte geschlossen. Gleich nebenan herrscht gähnende Leere im früheren Bekleidungsgeschäft, die Leder-Galerie Lang gegenüber habe erst neulich dicht gemacht – ein Traditionsgeschäft.

Eine Kundin schaut sich derweil im Verkaufsraum der „Zwergenstube“ um. Sie wohne in Frankfurt, arbeite jedoch in Rüsselsheim, sagt sie. „Wenn ich Zeit habe, kaufe ich hier ein.“ Als sich die Tür hinter ihr schließt, wird es wieder still. Was hält Doris Schwalbach von dem Vorhaben der Nachbarstadt Raunheim, einen Outlet-Center im Mainkaufzentrum zu installieren? „Ich weiß nicht, ob das was schadet“, sie zuckt mit den Schultern.

Es scheint, als sei die von den Rüsselsheimer Politikern heraufbeschworene drohende Abwertung des innerstädtischen Gewerbes durch die geplante Ausweitung des Mainkaufzentrums für die Einzelhändler kaum relevant. Die haben ganz andere Sorgen: die Kurzarbeit der Opelaner etwa seit der Übernahme durch den französischen Autobauer Peugeot. „Die Unsicherheit ist groß, das Geld sparen sie lieber“, so Schwalbach. Sie nimmt vielmehr das Stadtmarketing in die Pflicht. Die Abteilung müsse noch intensiver bei Firmen für den Verkaufsstandort Innenstadt werben, damit die leerstehenden Geschäfte wieder vermietet werden.

Ahmad Anas ist Inhaber von „Nida Fashion“. Seit sechs Jahren verkauft er Mode in Rüsselsheim. „Seit es Deichmann hier nicht mehr gibt, habe ich 50 Prozent meines Umsatzes verloren“, sagt er. Anas wünscht sich mehr Gastronomie. Namhafte Restaurantketten sollen die Menschen in die Stadt locken, ist seine Idee.

Roya Karnitzschky führt einen Benetton-Laden ein paar Meter weiter. Die Perserin ist energisch. Seit 35 Jahren arbeite sie in der Opelstadt. „Ich habe schon viele Krisen erlebt“, sagt sie. Die Sanierung und Sperrung der Straßen vorm Hessentag 2017 habe für große Verluste gesorgt. „Wir sind an unserer Schmerzgrenze angelangt, das finanzielle Polster ist aufgebraucht. Es reicht ein kleiner Schups . . .“ Dieser Schups könnte das Outlet sein. „Das ist Gift für die Stadt.“ Karnitzschky glaubt, dass ein Kaufhaus in der Innenstadt wieder mehr Menschen anziehen könnte.

Aleksandra Anastassiou verkauft seit einem Jahr Damenunterwäsche bei Hunkemöller. Die junge Frau weiß, dass sich zu allererst etwas am Verhalten der Verbraucher ändern muss, bevor sich der Einzelhandel in Rüsselsheim erholen kann. „Die Kunden beschweren sich, dass es weniger Geschäfte gibt, aber kaufen hier trotzdem nicht ein“, so ihre Beobachtung. Dass Raunheim nun das Angebot im Mainkaufzentrum attraktiver gestaltet möchte, verstehe sie durchaus. „Ich fahre auch gerne nach Mainz zum Einkaufen“, sagt die Nauheimerin. Ansonsten erledige sie vieles vor Ort, besuche etwa den Friseur um die Ecke.

Ebenfalls gelassen bleibt Ricarda Schürings von City-Parfüms. „Wir lassen uns nicht verrückt machen. Wir haben nette Stammkunden, darauf bauen wir auf.“ Ein Anliegen hat sie jedoch: Die Parksituation könne besser sein. Mancher Kunde müsse weitere Strecken laufen, um das Geschäft in der Bahnhofstraße zu erreichen.

Viele Rüsselsheimer Einzelhändler organisieren sich im Verein Treffpunkt Innenstadt. Erster Vorsitzender Thomas Hartmann ist Inhaber des gleichnamigen Modegeschäfts am Friedensplatz. Der Verein habe sich im März nicht getroffen, weshalb man sich mit den Entwicklungen rund um das Mainkaufzentrum noch nicht auseinandergesetzt habe. Die günstigen Angebote eines Outlet-Verkaufs machten den Handel im Stadtzentrum zumindest zeitweise kaputt, schätzt Hartmann. Denn „die Leute sind extrem auf Schnäppchen aus“.

Er habe damals die Anfänge des Outlet-Booms im schwäbischen Metzingen erlebt. Seitdem sei die Qualität bei manchen Marken stark gesunken. Trotzdem sieht der Vorsitzende eine Konkurrenz in Raunheim erwachsen. Allein durch intensive Werbung sei ein solcher Markt den Einzelhändlern voraus.

Die Erarbeitung eines Gesamtkonzepts für die Einzelhandelsentwicklung für die Kommunen Rüsselsheim, Raunheim und Bischofsheim, wie es die CDU in der jüngsten Stadtverordentenversammlung erneut zur Sprache brachte, begrüßt Hartmann. Auch die anderen Händler denken, dass eine Kooperation den Wettbewerb in geregelte Bahnen lenken kann, die allen Beteiligten Vorteile bringen.

Doch wie ein solches Konzept aussehen kann und ob es eine Zusammenarbeit überhaupt geben wird, das steht noch nicht fest. Genauso wie die Einrichtung eines Lidl und Outlet in Raunheim. „So lange es noch nichts Konkretes gibt, machen wir uns keine Gedanken“, sagt Susanne Junginger vom gleichnamigen Modehaus in der Frankfurter Straße. Vorläufige Empfehlung: abwarten, Tee trinken und Kunden beraten. Denn der Service zeichnet den Einzelhandel aus.

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