Pistolen, Munition und eine Handgranate hatte die Polizei im Juli 2020 bei der Durchsuchung einer Tiefgarage in Rüsselsheim gefunden. Mit dem Fund konnte der Angeklagte nicht zweifelsfrei in Verbindung gebracht werden. Dafür fanden die Ermittler fünf Monate später eine Maschinenpistole im Verna-Park, die der Rüsselsheimer dort versteckt hatte. Foto: dpa
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Pistolen, Munition und eine Handgranate hatte die Polizei im Juli 2020 bei der Durchsuchung einer Tiefgarage in Rüsselsheim gefunden. Mit dem Fund konnte der Angeklagte nicht zweifelsfrei in Verbindung gebracht werden. Dafür fanden die Ermittler fünf Monate später eine Maschinenpistole im Verna-Park, die der Rüsselsheimer dort versteckt hatte.

Prozess

Pistolen, Munition und Handgranate: Waffenlager in der Tiefgarage entdeckt

  • Dorothea Ittmann
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1000 Schuss Munition und sogar eine Maschinenpistole fanden Ermittler in einer Tiefgarage in Rüsselsheim: Ein Hinweis aus DNA-Spuren führte zu einem 29-Jährigen, der nun verurteilt wurde: zu zwei Jahren und acht Monaten.

Rüsselsheim ‒ Wegen unerlaubten Waffen- und Munitionsbesitzes musste sich in dieser Woche ein 29-jähriger Rüsselsheimer vor dem Schöffengericht in Groß-Gerau verantworten. Fast fünf Minuten lang verlas die Staatsanwaltschaft die Anklageschrift, was daran lag, dass die Polizei im Juni 2020 ein Waffen- und Munitionsdepot in der Tiefgarage des Mehrfamilienhauses gefunden hat, in dem der Angeklagte mit seiner Familie wohnt. Dabei sicherten die Beamten eine Maschinenpistole, drei halbautomatische Pistolen, mehr als 1000 Schuss Munition, die teils in Ledermäppchen, Gefrierbeuteln und sogar Socken aufbewahrt wurde, 30 militärische Leuchtspurgeschosse sowie eine Handgranate.

Ob der Angeklagte tatsächlich mit diesen Waffen in Verbindung gebracht werden kann, konnte die Anhörung einer sachverständigen DNA-Analytikerin nicht klären. Das genetische Erbgut sei in zu geringer Menge vorhanden gewesen, gab die Sachverständige Auskunft. Nur an zwei Pistolen habe das Labor „DNA-Merkmale“ gefunden, die vom Angeklagten stammen könnten. Mit großer Wahrscheinlichkeit seien diese durch Hautabrieb, also das Anfassen der Waffe, hinterlassen worden. An beiden Pistolen wurde zudem die DNA zweier weiterer Personen gefunden, weshalb die Sachverständige von einer „Mischspur“ sprach. Ihre Zusammenfassung: „Die DNA-Spuren geben lediglich einen Hinweis darauf, dass der Angeklagte beteiligt gewesen sein könnte, mehr aber nicht.“

Rüsselsheimer angeklagt: Maschinenpistole auf der Flucht vor der Polizei im Park versteckt

Viel gewichtiger belastete der zweite Anklagepunkt den Rüsselsheimer. Der war fünf Monate später, am 12. November 2020, gegen 22.30 Uhr vor einer Zivilstreife geflüchtet, die den Fahrer in der Frankfurter Straße hatte kontrollieren wollen. Ein als Zeuge geladener Polizeihauptkommissar erinnerte sich daran, wie er und sein Kollege vom Zentralkommissariat für organisierte Kriminalität auf den Audi aufmerksam gemacht worden waren. „Wir haben das Auto auf der Autobahn observiert und dann das Blaulicht eingeschaltet.“ Als der Fahrer des Wagens die Streife ignorierte, verfolgte die Polizei den Mann mit Frontblitzer und Martinshorn bis in die Frankfurter Straße, wo der 29-Jährige anhielt, aus dem Auto sprang und zu Fuß in den Verna-Park flüchtete. Dabei verlor er ein Waffenmagazin beim Aussteigen. „Weil wir nicht wussten, ob er bewaffnet war, haben wir die Verfolgung eingestellt“, berichtete der Hauptkommissar. Am nächsten Tag fanden die Beamten im Park eine unter Laub versteckte Maschinenpistole, die der Angeklagte dort auf seiner Flucht versteckt hatte.

Der Rüsselsheimer wandte sich kurz nach dem Zwischenfall mit der Polizei an Strafverteidiger Oliver Wallasch, der ihm dazu riet, sich zu stellen. „Ich sagte ihm, ein Leben auf der Flucht macht keinen Sinn“, erläuterte Wallasch die Begegnung. Der Angeklagte habe Einsicht gezeigt und hatte sich im Büro des Rechtsanwalts verhaften lassen. Zu all dem äußerte sich schweigsame Rüsselsheimer nicht; er ließ seinen Verteidiger für sich sprechen.

Großes Waffenlager in Rüsselsheim entdeckt: Beschuldigter in mehreren Fällen vorbestraft

Der Angeklagte ist kein unbeschriebenes Blatt. Vorsitzender Richter Ulrich Eisfeld las die „Vita“ des 29-Jährigen vor, der im Laufe von 13 Jahren wegen Körperverletzung, schwerem Diebstahl, sexueller Nötigung und zuletzt versuchtem Totschlag verurteilt wurde. Letzteres verhandelte 2012 das Amtsgericht in Darmstadt, wofür der Rüsselsheimer fünf Jahre und sechs Monate in der Jugendhaftanstalt (JVA) in Weiterstadt absitzen musste. Seit 2017 ist er wieder auf freiem Fuß, hätte aber noch bis Juli 2020 unter Führungsaufsicht gestanden. Was dem 29-Jährigen seit seiner Entlassung nicht nachgewiesen werden kann, sei zum einen seine Beteiligung an einer Schießerei am Rüsselsheimer Bahnhof im April 2019, zum anderen ermittle die Polizei gegen ihn und zwei seiner Brüder wegen Schüssen, die im März 2020 in Wiesbaden abgefeuert wurden.

Der Bericht über seine Zeit in der JVA stellt dem Angeklagten kein allzu gutes Zeugnis aus. Von einer „habituellen Gewaltproblematik“ ist darin die Rede. Starke Versagensängste trieben den Rüsselsheimer, der keinen Hauptschulabschluss und derzeit auch keinen festen Arbeitsplatz hat, zu diesem Verhalten, so die Einschätzung. Die Rückfallwahrscheinlichkeit sei hoch. Einen Verstoß gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz konnte das Gericht nicht feststellen, da keine DNA-Spuren des Angeklagten an den Leuchtspurgeschossen oder der Handgranate festgestellt wurden. Weil jedoch die Maschinenpistole eindeutig im Besitz des Rüsselsheimers war, liegt ein Verstoß gegen das Waffengesetz vor. Die Staatsanwaltschaft plädierte deshalb für drei Jahre und vier Monate Freiheitsstrafe. Strafverteidiger Wallasch betonte, dass sich sein Mandant der Polizei freiwillig gestellt hatte. Fluchtgefahr bestehe keine, weshalb der Haftbefehl vor Vollzug der Strafe aufgehoben werden sollte. Zwei Jahre Haft ohne Bewährung seien vertretbar.

Waffendepot in Rüsselsheim: Freiheitsstrafe von fast drei Jahren

Das Urteil des Schöffengerichts bewegte sich schließlich zwischen beiden Seiten. Eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und acht Monaten erwarten den 29-jährigen Rüsselsheimer. Der Haftbefehl wurde aufgehoben. „Sie können heute nach Hause gehen“, sagte Richter Eisfeld zum Angeklagten, der weiterhin schwieg.

Eisfeld begründete das Urteil damit, dass der Rüsselsheimer, wenn er auch nicht mit dem Waffendepot direkt in Verbindung gebracht werden kann, so doch im zweiten Anklagepunkt zur Verantwortung gezogen werden müsse. Seine Zeit in der JVA habe keine Wirkung gezeigt, weshalb sich das Schöffengericht für eine „ausreichend abschreckende Strafe“ entschieden habe. (dit)

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