Erste Hilfe: Der Gartenschläfer, der am Dienstagnachmittag in einer Bauschheimer Apotheke Unterschlupf fand, ist dehydriert.
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Erste Hilfe: Der Gartenschläfer, der am Dienstagnachmittag in einer Bauschheimer Apotheke Unterschlupf fand, ist dehydriert.

Tierschutz

Rüsselsheim: Tierischer Notfall in der Apotheke

  • Stella Lorenz
    vonStella Lorenz
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Ein dehydrierter Gartenschläfer sitzt vor der Notfalltür einer Bauschheimer Apotheke. Er ist geschwächt und wird zum Tierarzt gebracht. Die Veterinärin dort weiß: Das ist in diesem Jahr kein Einzelfall.

Bauschheim-Einen ziemlich beschwerlichen Weg muss der kleine pelzige Kunde hinter sich haben, der am Dienstagnachmittag vor dem Notfall-Eingang der Apotheke am Fachmarktzentrum am Bauschheimer Ortseingang sitzt. Schwach ist er, so schwach, dass er nicht mal die Flucht ergreift, als ihn der Bote entdeckt. Und auch die Tatsache, dass sich der nachtaktive Patient am helllichten Tag auf einen großen, vielbefahrenen Parkplatz vorwagt, spricht für die prekäre Lage des Tieres. Zum Glück ist er als Notfall gleich an der richtigen Stelle gelandet.

Auch Apothekerin Lara Horbank staunt nicht schlecht, als sie den kleinen Nager sieht. Sie und ihre Kollegen reagieren schnell, statten einen Pappkarton mit Küchenpapier und einem Eiswürfelbereiter als Tränke aus und setzen das kleine Wesen hinein. "Ich wusste, dass die Tiere unter Artenschutz stehen", sagt Horbank. Was genau es ist, und wie es jetzt weitergehen kann, versucht sie, über Facebook herauszufinden. Dank zahlreicher Tierfreunde ist schnell klar: Ein Gartenschläfer sitzt da im Karton und hat offenbar Durst. "Er hat sofort angefangen, zu trinken und dann ein bisschen geschlafen", berichtet die junge Apothekerin.

Eine Freundin von Horbank holt das Tier letztlich ab und bringt es nach Rüsselsheim. Dr. Susanne Seitz, Tierärztin, kümmert sich regelmäßig um verletzte oder schwache tierische Findelkinder. Sie sieht sofort: Hier stimmt etwas nicht. Apathisch sitzt der Kleine im Karton und wankt später unkoordiniert durch seine Plastikbox. Organisch fehlt im nichts, aber "er ist dehydriert". Als die Ärztin ihm Nährstoffpaste aus der Tube anbietet, fängt er wie ein ausgehungertest Baby an, zu nuckeln.

"Deprimierendes Jahr"

Seit vielen Jahren setzen sich Dr. Susanne Seitz und ihre Tochter Anna für Tiernotfälle ein - ehrenamtlich. Dafür arbeiten sie mit verschiedenen Experten wie dem Nabu oder der Mauerseglerauffangstation zusammen, ziehen die Tiere auf und wildern sie letztlich auch aus.

In diesem Jahr aber sei alles anders, sagt Anna Seitz. "Wir hatten noch nie so ein deprimierendes Jahr. Schätzungsweise überleben 20 bis 25 Prozent", sagt sie. Die Tiere kommen oft in desolatem Zustand in die Praxis: ausgetrocknet, unterernährt und voller Parasiten. "Das geht auch anderen Wildtierstationen so", berichtet die junge Tierretterin.

Vor allem Igel, Gartenschläfer, Hasen und vielen Vögeln geht es so. "Das ist unglaublich traurig", sagt Seitz. Die Tiere fänden aufgrund der Trockenheit kein Wasser mehr. Damit die mangelnde Nahrungsverfügbarkeit zusammen: Viele Früchte, die ebenfalls Flüssigkeit enthalten, sind zu klein und nicht ausreichend vorhanden. Hinzu kommt der seit Jahren voranschreitende Insektenschwund.

Das bestätigt auch Dieter Baumgardt vom Rüsselsheimer Nabu. "Wenn die Wiesen braun werden und abgemäht sind, sind sowieso nur noch Heuschrecken da, die anderen Insekten sind weg."

Umso wichtiger sei es deshalb, dass alle mithelfen, die die Möglichkeit dazu haben. "Wasserbecken aufstellen, Insektenwiesen pflanzen und Vögel ganzjährig füttern", empfehlen Susanne Seitz und ihre Tochter. Viele Möglichkeiten findet man beim Nabu auf der Website. "Die Wildtiere danken es einem in jedem Fall!"

Äpfel, Wasser und Nistkästen helfen

Gartenschläfer, weiß Baumgardt, leben - wie der Name schon sagt - auch im Garten. Dort finden sie in der Regel genug zu fressen, aber auch Nistkästen mit Apfelspalten darin seien eine gute Idee. Von Vorteil sind die Nistkästen auch als attraktivere Alternative zum Dachboden, auf dem sich die Tiere über den Winter gern einnisten und dann oftmals Kot und Dreck hinterlassen, so Baumgardt.

Den Gartenschläfern gehe es in Deutschland insgesamt recht gut, lautet seine Einschätzung. Aber auch er stellt fest, dass der ausbleibende Regen die Wasserstellen schnell austrocknen lässt, was Amphibien und anderen Kleintieren in die Bredouille bringt. "2018 und 2019 waren schon schlimm.

Das ist jetzt das dritte Jahr infolge, in dem wir in der Landschaft mit ausgetrockneten Gewässern zu kämpfen haben." Für den Apotheken-Findling geht es nun hoffentlich bergauf. Er soll bei Familie Seitz zu Kräften kommen und anschließend ausgewildert werden. "Das ist jedes Mal ein tolles Gefühl", sagt Dr. Susanne Seitz. "Wir machen das mit viel Liebe und Zeit und haben sehr viel Freude dran."

So können Sie helfen

Wer ein schwaches Wildtier gefunden hat, kann sich telefonisch bei Dr. Susanne Seitz unter (0 61 42) 4 52 80 oder 0171 - 4 49 25 36 melden. Sie empfiehlt, immer erst einmal mit dem Tier vorstellig zu werden - einerseits, um Verletzungen auszuschließen, andererseits, um Fütterungsfehler zu vermeiden. Das könne unter Umständen das Todesurteil sein. "Wasser zu geben ist erst einmal nie verkehrt", informiert die Veterinärin. Im Anschluss wird dann entschieden, ob das Tier vom Finder aufgezogen und ausgewildert werden kann. Weitere Infos zu vielen heimischen Tierarten und Tipps gibt es unter www.nabu.de.

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