Bald nur noch Erinnerung: Inhaber Marco Häkes schließt in den kommenden Monaten sein Restaurant "Roter Hahn". 	Foto: Lorenz
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Bald nur noch Erinnerung: Inhaber Marco Häkes schließt in den kommenden Monaten sein Restaurant "Roter Hahn". Foto: Lorenz

Gastronomie

Eine kulinarische Ära geht zu Ende: Traditionslokal „Roter Hahn" schließt

  • Stella Lorenz
    vonStella Lorenz
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In Rüsselsheim geht eine Ära zu Ende. Das Traditionslokal „Roter Hahn“ schließt. Für die Gäste war die Nachricht ein Schock.

Rüsselsheim - Die Nostalgie beginnt schon in der Auffahrt: Auf dem Garagentor erblickt man zuerst den gemalten, bunten Hahn, dann die charakteristische Glasüberdachung auf dem Weg zum Restauranteingang und schließlich die großen, orangefarbenen Sonnenschirme vor dem "Roten Hahn", unbestritten eines der Traditionslokale in Rüsselsheim.

In diesem Sommer sind sie zum letzten Mal aufgespannt. Inhaber Marco Häkes schließt das Restaurant mit angeschlossenem Hotelbetrieb in Rüsselsheim in den kommenden Monaten. Ein Käufer für das Grundstück ist bereits gefunden, das Gebäude wird abgerissen. Wo vormals Stammtischler, Konfirmanden, Hochzeitsgäste oder einfach nur Mittagstisch-Enthusiasten verköstigt wurden, entstehen dann Reihenhäuser.

Traditionslokal „Roter Hahn" in Rüsselsheim schließt: Ein lachendes, ein weinendes Auge

Marco Häkes blickt dem Abschied mit einem lachenden und einem weinenden Auge entgegen. "Ich werde einiges vermissen", gibt er zu, sagt aber auch: "Ich habe abgeschlossen. Die Bürokratie hat unglaublich zugenommen. Dafür, dass ich zwei von vier Wochen im Monat am Schreibtisch sitze, habe ich den Job nicht erlernt." Und noch einmal in eine Modernisierung zu investieren, hätte sich einfach nicht rentiert.

Das 1955 gebaute Restaurant befindet sich seit 1978 im Familienbesitz. Häkes übernahm es vor 13 Jahren. Für ihn sei es eine Erfüllung gewesen, obwohl er wegen seiner Eltern, die (wie es in der Branche üblich ist) zeitlich stark eingebunden waren, genau wusste, was auf ihn zukommt. Drei Berufe hat Häkes erlernt: zuerst Energieelektroniker bei Opel, dann folgte die Ausbildung zum Hotelfachmann und schließlich noch mal Bankkaufmann. Davon sei die Arbeit in der Gastronomie mit Abstand die schönste gewesen, sagt er.

Corona-Pandemie Beschleuniger für Schließung des Traditionslokals „Roter Hahn" in Rüsselsheim

Dass sich die Situation verschlechtert hat, bedauert Häkes, der außerdem noch den Vorsitz des Kreisverbandes des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) innehat. Daran sei nicht mal in erster Linie Corona Schuld, sondern vielmehr der Fachkräftemangel. Der Verdienst sei - entgegen vieler Unkenrufe - sehr gut, aber "die Arbeitszeiten schrecken ab", sagt der Gastronom schulterzuckend.

Die Corona-Pandemie, sagt er, "war quasi der Beschleuniger" für den Schließungsprozess. Dass aber aufgrund der Krise und wegen der Verlagerung auf Systemgastronomie andere Rüsselsheimer Gaststätten nachziehen könnten, kann er sich gut vorstellen. "Das wird laufen wie mit den Bäckereien und Metzgereien", fürchtet er. "Am Ende wird es nur noch eine Handvoll geben." Die Entscheidung sei in den vergangenen Monaten gefallen und nach den Mitarbeitern auch direkt an die Stammkunden kommuniziert worden. "Ich wollte nicht, dass sie es über Gerüchte erfahren", sagt Häkes.

Für die Gäste ist die Schließung des Traditionslokals „Roter Hahn" in Rüsselsheim ein Schock

Um den Verbleib seiner Mitarbeiter - mittlerweile sind es nur noch fünf, die aber allesamt schon jahrelang im Team sind - kümmert er sich: Dank seines Netzwerkes werden die, die nicht in den Ruhestand gehen, "mit Kusshand" anderswo unterkommen. Sie seien gefasst, die Entwicklung habe sich einfach abgezeichnet. 120 Prozent über zwei bis drei Jahre zu geben, das sei einfach nicht mehr tragbar gewesen.

Für die Gäste war es dagegen schon ein Schock, die große Mehrheit habe aber Verständnis gezeigt, berichtet Häkes. "Die alten Rüsselsheimer bedauern es sehr", sagt er. Für die meisten ist der "Rote Hahn" vor allem eines: Erinnerung an gute Zeiten. Manche Stammgäste kamen vier- bis fünfmal pro Woche, zu Hochzeiten kamen 40 Stammtische im Monat. "Ich hatte Taufkinder, die jetzt mit ihrem ersten Freund wiederkamen", sagt Häkes schmunzelnd.

Traditionslokal „Roter Hahn" in Rüsselsheim: Gebäude wird abgerissen

In einem dreiviertel Jahr etwa soll alles abgewickelt sein, die Schließung steht früher an. Wann genau kann Häkes jetzt noch nicht sagen, aber die Öffnungszeiten sind bereits erheblich eingeschränkt, die Bestände werden nach und nach runtergefahren. Und was hat Häkes, dessen Familie eigentlich aus dem Schwarzwald stammt, dann vor?

Ein neues Restaurant eröffnen kommt nicht infrage, Häkes hält sich bedeckt zu seinen Plänen. "Es ist branchennah. Ich will den Kontakt zu Kunden aufrecht erhalten", sagt er über seine künftige Tätigkeit. Mehr will er nicht verraten. Dass er und seine Familie allerdings nicht in Rüsselsheim bleiben, ist kein Geheimnis. "Wir ziehen weg ins Ländliche", sagt Marco Häkes. Selbst wenn der "Rote Hahn" abgerissen ist: Die Familie hat ihre Spuren hinterlassen - wenn auch dann nur noch in nostalgischen Erinnerungen. (Von Stella Lorenz)

In Rüsselsheim gibt es Kritik an einem geplanten Polizei-Container direkt vor dem Bahnhof. Darin soll die Innenstadtwache beherbergt werden.

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