Hier in der Brunnenstraße ist das Bauschheimer Medizinische Versorgungszentrum untergebracht.
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Hier in der Brunnenstraße ist das Bauschheimer Medizinische Versorgungszentrum untergebracht.

Rüsselsheim

Patienten wütend über lange Wartezeiten - der Grund ist kurios

Weil sowenig Patienten sich in der Corona-Krise trauen, einen Arzt aufzusuchen, sind die Ärzte im Medizinischen Versorgungszentrum in Rüsselsheim in Kurzarbeit. Das sorgt für lange Wartezeiten - und für Wut bei den Patienten.

  • In Rüsselsheim-Bauschheim dauert das Warten auf einen Arzttermin derzeit besonders lange.
  • Der Grund für die langen Wartezeiten sind paradoxerweise leere Wartezimmer.
  • Patienten sind verärgert über die Zustände.

Rüsselsheim - Annette Wolf traut ihren Ohren kaum. „Ich kann Ihnen einen Termin in neun Tagen anbieten“, kam es aus dem Telefonhörer. Die Bauschheimerin wollte einen Arzttermin für ihre 91 Jahre alte Mutter bei ihrer gewohnten Hausärztin machen, doch mit einer so langen Wartezeit hatte sie nicht gerechnet.

Rüsselsheim: Wut über lange Wartezeiten beim Arzt

Da es in Bauschheim keinen niedergelassenen Hausarzt gibt, geht Wolf wie viele andere auch zum Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) des GPR-Klinikums. „Ich war wütend. Es kann doch nicht sein, dass meine Mutter in einem akuten Fall so lange warten muss“, berichtet Wolf.

Sie bekam einen Termin bei einer anderen Ärztin angeboten. „Mir wurde gesagt, unsere gewohnte Ärztin sei in Kurzarbeit. Was soll das denn?“, fragte sich Wolf. „Wir sind in einer Pandemie und die Ärzte gehen in Kurzarbeit? Hier läuft doch etwas schief!“ Erzürnt wendete sie sich an das GPR-Klinikum.

Irrationale Ängste verlängern die Wartezeiten in Rüsselsheim

Dort antwortete ihr der stellvertretende Geschäftsführer Stefan Keller. „Die Realität ist leider, dass wir derzeit deutlich weniger Patienten haben als sonst“, schildert er die Situation. Dies sei nicht nur in Bauschheim so, sondern bundesweit zu beobachten.

„Die Leute kommen nicht mehr zum Hausarzt und daher sind auch wir gezwungen, die Ärzte in den Versorgungszentren zu reduzieren.“ Denn Fakt ist, so Keller: „Wenn wir nur Patienten für einen Arzt haben, ergibt es keinen Sinn, einen zweiten vor Ort zu haben.“

Hintergrund dafür ist, so Keller, die Angst der Patienten, sich beim Arztbesuch mit dem Coronavirus zu infizieren. „Das ist aber absolut irrational“, sagt Keller. „Jeder Arzt und jede Klinik musste ein Gesundheitskonzept vorlegen, das heißt, die Chance, sich dort zu infizieren, ist genauso groß wie beim Einkaufen oder anderswo.“

Patienten sollten trotztdem zum Artz gehen

Für Patienten sei es wichtig, beim Arztbesuch flexibel zu sein. „Die Qualität der Behandlung leidet nicht, nur weil Sie eventuell zu einem anderen Arzt gehen müssen“, stellt er klar. Die größte Gefahr liege darin, im Ernstfall nicht zum Arzt zu gehen. „Wir haben schon mehrmals beobachtet, dass Patienten bei uns eingeliefert werden, die zu spät kommen.“

Als Beispiel nennt er Schlaganfälle. „Anstatt direkt zum Arzt zu gehen, warten die Patienten zu Hause, bis die Symptome nicht mehr auszuhalten sind. Dann kommen sie zu uns. Wären sie direkt zum Hausarzt gegangen, hätte man dort die Symptome rechtzeitig erkennen und früher eine entsprechende Behandlung einleiten können.“

Gefahr langfristiger Folgen durch ausbleibende Artzbesuche nicht nur in Rüsselsheim

Einige Patienten zögen sich langfristige Folgen zu, bei anderen könne eine Behandlung womöglich schon zu spät sein. Auch bei der Vorsorge seien aufgrund des Trends große, langfristige Auswirkungen zu befürchten, die noch nicht abzusehen seien.

Zu Beginn der Pandemie sei die Lage sogar noch schlimmer gewesen, berichtet Keller. „Aktuell hat sich die Lage zumindest in den Krankenhäusern etwas entspannt, auch wenn wir das Vorkrisenniveau nicht wieder erreicht haben. Bei den Hausärzten sind die Folgen der Angst aber noch immer deutlich zu spüren.“

Verantwortung für Patienten in Rüsselsheim

Die Besetzung der Zentren sei also eine Folge der Krise. „Wenn die Leute wieder mehr zum Arzt gehen, dann werden wir die Praxen auch wieder stärker besetzen“, sagt er. Eine Schließung des MVZ habe sowieso nie zur Debatte gestanden. „Wir nehmen unsere Verantwortung für Bauschheim sehr ernst.“

Das alles ergibt für Annette Wolf Sinn. „Aber liegt der Fehler dann nicht daran, dass die Ärzte sich nach der Wirtschaftlichkeit richten müssen?“, fragt sie sich. „Für jeden Mist wird in Deutschland Geld ausgegeben, aber nicht für unsere Ärzte.“

Appell an Bürger in Rüsselsheim

Ständig höre man von der Gefahr einer Zweiten Welle, aber wie solle die bekämpft werden, wenn die Ärzte in Kurzarbeit sind? Keller versucht, ihr diese Angst zu nehmen. „Die Ärzte sind ja nicht weg, sollten also die Zahlen wieder ansteigen, dann können wir unsere Kapazitäten auch, wenn benötigt, wieder erhöhen.“

Er befürchtet aber das Gegenteil: Sollte es eine zweite Welle geben, werden wohl noch weniger Bürger zum Arzt gehen. Daher richtet er einen Appell an die Bürger: „Wenn Sie krank sind, bitte gehen Sie zum Arzt!“ Von Alexander Seipp

Während derzeit die Wartezimmer leer bleiben und es darum länger dauert, gab es auch Zeiten, in denen die Arztzimmer in Rüsselsheim überfüllt waren. Neben dem Hausarzt bleibt noch der Bereitschaftsdienst des GPR-Klinikums in Rüsselsheim. Der ist allerdings nur für Notfälle da.

In Frankfurt wartet man für einen Termin in der Zulassungsstelle derzeit oft mehrere Wochen lang.

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