Interview

Opel-Chef Michael Lohscheller über den E-Corsa, 120 Jahre Automobilbau und die Zusammenarbeit mit PSA

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Opel befindet sich wie die gesamte Autobranche im Umbruch. In Rüsselsheim hat man im Jubiläumsjahr viel vor. Neue Modelle, die Elektrifizierung, der Bau von Ladestationen stehen an, aber auch der Teilverkauf des Entwicklungszentrums. In der Belegschaft rumort es. Opel-Chef Michael Lohscheller stellt sich den Fragen von Echo-Redakteur Olaf Kern.

Herr Lohscheller, Opel feiert in diesem Jahr 120 Jahre Automobilbau. Was hat sich das Unternehmen vorgenommen, um dieses Datum zu würdigen?

MICHAEL LOHSCHELLER: Ganz wichtig ist mir, dass unsere Autos im Mittelpunkt stehen. Das wird in diesem Jahr ganz besonders der Fall sein. Wir werden zum Beispiel auf etlichen Oldtimer-Veranstaltungen präsent sein und bieten bereits unsere „120 Jahre“-Sondermodelle an. Daneben werden wir auch noch eine größere Feier veranstalten. Opel hat es immer geschafft, Innovationen zu vielen Menschen zu bringen. Das werden wir auch bei den wichtigsten Neuheiten dieses Jahres demonstrieren – dem Corsa, dem Zafira Life und dem Vivaro. Und wir öffnen ein neues Kapitel in unserer Unternehmenshistorie – mit der Elektrifizierung der Marke Opel.

Ein gutes Stichwort. Ein Projekt, das Sie in diesem Jahr voranbringen wollen, ist die Errichtung von Ladestationen für elektrisch betriebene Autos in Rüsselsheim. Die Stadt wird somit zum Versuchslabor für den Umbruch in der Autobranche. Gleichzeitig müssen aber auch elektrisch angetriebene Autos auf die Straße, um solch einen Testlauf erfolgreich werden zu lassen. Wie soll das gelingen?

LOHSCHELLER: Zuerst einmal ist es wichtig, dass wir die Fahrzeuge dafür haben. Und zwar mit den entsprechenden Reichweiten und zu Preisen, die Elektromobilität attraktiver machen. Um die Technologie für die breite Masse interessant zu gestalten, muss aber natürlich auch das Thema Ladeinfrastruktur gelöst werden. Es ist entscheidend, dass wir das Projekt „Electric City“ in Rüsselsheim realisieren. Davon werden wir eine Menge lernen. Man muss etwa schauen, wann beispielsweise die Menschen laden: In der Nacht oder immer dann, wenn sie es brauchen.

Opel hat angekündigt, bis 2024 das gesamte Fahrzeugangebot als E-Modell anzubieten. Andere Hersteller haben ähnliche Bemühungen. Was macht Sie zuversichtlich, dass Opel einen ordentlichen Marktanteil für sich behaupten kann?

LOHSCHELLER: Es ist ganz entscheidend, dass wir jetzt damit anfangen. Für den Grandland X Plug-In und für den vollelektrischen E-Corsa öffnen wir schon im zweiten Quartal dieses Jahres die Order-Bücher. Alle anderen Modellreihen folgen sukzessive. Zuversichtlich macht mich, dass wir es nicht für eine Nische im Markt anbieten, sondern für die breite Masse, und dadurch einen Wettbewerbsvorteil haben.

Sie haben den Elektro-Corsa bereits als Volks-Elektroauto bezeichnet. Den Titel wird man nur über den Preis rechtfertigen können. Was wird der E-Corsa den Autokäufer kosten?

LOHSCHELLER: Das werden wir zu Beginn des zweiten Quartals 2019 bekannt geben. Ich denke aber, der Ausdruck ist sehr passend. Denn ein Auto für 70 000, 80 000 oder 90 000 Euro kann kein Elektrofahrzeug für alle sein. Mit dem Elektro-Corsa werden wir einen riesigen Sprung machen.

Hier grillt der Chef noch selbst: Michael Lohscheller (Mitte) beim „Angrillen“ am Wochenende im Rüsselsheimer Autohaus Jacob.

Was bedeutet die Umstellung der Flotte auf E-Versionen für die Produktion in Rüsselsheim? Welche Modelle sollen hier gebaut werden?

LOHSCHELLER: Wir wollen in Rüsselsheim bekanntermaßen ein weiteres Auto zusätzlich zu unserem Flaggschiff Insignia bauen. Und zwar eines auf einer Konzernarchitektur, die auch Elektrifizierung ermöglicht. Wir werden im Laufe des Jahres bekannt geben, um welches Modell es sich genau handelt. Dass wir ein Teil des PSA-Konzerns sind, bietet Opel Chancen. Wir können theoretisch in allen Werken nicht nur Opel-Autos produzieren, sondern auch andere Konzernmarken. Wie in Spanien: In Saragossa bauen wir nicht nur den Opel Crossland X, sondern auch ein Citroen-Modell. Und im französischen Sochaux rollen nicht nur Peugeots vom Band, sondern aktuell auch noch der Opel Grandland X, den wir aber noch dieses Jahr nach Eisenach bringen.

Das batteriebetriebene Auto ist nur eine Übergangstechnologie, bis die Brennstoffzelle kommt, heißt es immer wieder. Inwieweit ziehen Sie das in Ihre strategischen Überlegungen jetzt schon mit ein?

LOHSCHELLER: Wir werden agil bleiben müssen und uns ganz nach den Wünschen der Kunden richten. Es ist ja nicht so, dass alle auf einmal vom Verbrennungsmotor zum Elektromotor wechseln. Vielmehr werden wir weiter optimierte Verbrennungsmotoren anbieten und in jeder Baureihe zusätzlich einen Plug-In-Hybrid oder eine rein elektrisch betriebene Variante. Und in Sachen Brennstoffzelle ist in unserem Entwicklungszentrum in Rüsselsheim das entsprechende Kompetenzzentrum für die gesamte Groupe PSA beheimatet.

Vor gut eineinhalb Jahren hat der PSA-Konzern Opel übernommen. Sie haben damals versprochen, das Unternehmen bis 2020 wieder profitabel zu machen. Bleiben Sie dabei?

LOHSCHELLER: Wir haben ja zum ersten Halbjahr 2018 schon sehr gute Fortschritte gemacht – mit einen operativen Gewinn von mehr als 500 Millionen Euro, fünf Prozent Marge und über eine Milliarde an freiem Cashflow. Wir sind noch nie so erfolgreich in ein Jahr gestartet.

Die Produktionspläne in Rüsselsheim mussten jedoch nach unten korrigiert werden. Wenn es so weitergehen würde, ziehen Sie dann auch Kurzarbeit und die Idee, vom Zwei- auf Einschichtbetrieb umzustellen, in Betracht?

LOHSCHELLER: Wir kommentieren solche Spekulationen nicht. Generell passen wir unsere Produktionsvolumen regelmäßig der Nachfrage an – in beide Richtungen. Ein großer Unterschied zur Vergangenheit ist: Wir produzieren nicht mehr auf Halde. Unsere Bestände sind deutlich heruntergegangen. Das ist sehr wichtig. Denn wenn sie zu viele Autos beim Händler stehen haben, erzeugt das Druck auf die Restwerte und den Preis. Das ist klar in unserem Unternehmensplan „PACE!“ verankert. Und das hat schon im ersten Halbjahr schöne Früchte gezeigt: So konnten wir die Marge pro Fahrzeug und die Preispositionierung deutlich verbessern.

PSA regiere durch, heißt es in Unternehmenskreisen. Überraschend hat Personalchefin Anke Felder Opel verlassen, nachdem ihre Zuständigkeiten aus Paris gekappt wurden. Die Geschäftsführung wurde von sechs auf fünf Personen verkleinert. Wie selbstständig können Sie noch Entscheidungen treffen?

LOHSCHELLER: Wir haben in Rüsselsheim alle Freiheiten, die wir brauchen. In vielen Bereichen sogar deutlich mehr als in der Vergangenheit. Ein sehr wichtiges Beispiel: Im Design mussten wir uns früher viel mit General Motors in Nordamerika abstimmen. Heute können wir viel mehr machen, und das machen wir sehr gut. Etwa bei den neuen Fahrzeugen oder dem Concept-Auto GT X Experimental, mit dem wir zeigen, wie die Marke Opel in Zukunft aussehen wird. Natürlich wollen wir auch Synergien nutzen, die sich innerhalb der Groupe PSA eröffnen. Deswegen haben wir zum Beispiel einen zentralen Einkauf geschaffen. Davon profitiert Opel und der komplette Konzern.

Sie haben auch gesagt: „Opel wird deutscher als je zuvor.“ Ausgerechnet aber durch den Teilverkauf des Entwicklungszentrums sollen die Kosten weiter gedrückt werden. Es gibt nicht wenige, die meinen, dass das Unternehmen dabei gerade einen wichtigen Teil seiner Eigenständigkeit verliert.

LOHSCHELLER: Das Entwicklungszentrum ist das Herz der Marke und wird es auch bleiben. In der Vergangenheit wurden nicht alle Opel-Fahrzeuge in Rüsselsheim entwickelt und designet. Das war gar nicht gut. Das ist jetzt anders: Jeder Opel und jeder Vauxhall wird jetzt hier in Rüsselsheim gemacht. Außerdem haben wir große Verantwortungen für die komplette Groupe PSA übertragen bekommen.

Welche?

LOHSCHELLER: 15 Kompetenzzentren wie für das Thema Brennstoffzelle. Aber auch die Verantwortung für die Entwicklung leichter Nutzfahrzeuge haben wir nach Rüsselsheim geholt. Das gilt ebenso für eine komplett neue Motorenfamilie. Das ist ein enormer Vertrauensbeweis aus Paris. Und das tut dem Standort, der Stadt und der Region gut. Trotzdem werden wir hier Überkapazitäten haben, weil wir in der Vergangenheit immer Arbeit für Dritte gemacht haben.

Sie meinen für Ihren einstigen Mutterkonzern GM.

LOHSCHELLER: Daraus entstehen Überkapazitäten. Das ist eine große unternehmerische Herausforderung, die wir in Angriff nehmen müssen. Sie verfolgen es ja auch: Es vergeht nicht ein Tag, an dem nicht irgendein Konzern Tausende von Mitarbeitern abbaut. Wir wollen nicht zulassen, dass hier in Rüsselsheim 2000 Jobs verloren gehen. Vielmehr wollen wir diese Jobs langfristig am Standort sichern. Und haben uns deshalb um einen langfristigen Partner bemüht. Wir haben lange gesucht und mit Segula ein absolut gesundes Familienunternehmen gefunden, das noch viel vor hat und auch in Deutschland stark wachsen will. Hier soll ein neuer Engineering Campus entstehen; hier will Segula auch Arbeiten über die Automobilindustrie hinaus ansiedeln. Das ist eine große Chance.

Es gibt aber immer noch Differenzen zwischen Betriebsrat, IG Metall und Ihnen wegen des Teilverkaufs. Die IG Metall kritisierte, dass Sie an dem geplanten Übergang bislang nicht angemessen beteiligt worden sei. Wie wollen Sie die Opel-Beschäftigten von dem Deal mit Segula überzeugen?

LOHSCHELLER: Leider herrscht bei den Mitarbeitern noch eine Unsicherheit. Wir wollen so schnell wie möglich Klarheit darüber schaffen, welche Mitarbeiter wechseln sollen und zu welchen Bedingungen. Segula muss sich und die eigenen Zukunftspläne noch besser vorstellen können. Ich glaube, dass die Mitarbeiter dann auch noch stärker von der Partnerschaft überzeugt sein werden. Mit dem Betriebsrat sind wir jetzt in Gesprächen und hoffen, diese bald abschließen zu können.

Wann kommt es zum endgültigen Vertragsabschluss mit Segula?

LOHSCHELLER: Wir wollen das relativ zügig zum Abschluss bringen. Natürlich müssen alle Seiten davon überzeugt sein.

Sie sind passionierter Läufer und haben schon 107 Marathonläufe absolviert. Welche Tugenden eines Ausdauersportlers helfen als CEO?

LOHSCHELLER: Ich denke, in der heutigen Arbeitswelt muss man eine gewisse Fitness und Agilität mitbringen.

Wie oft kommen Sie noch dazu, zu trainieren?

LOHSCHELLER: Vier Mal in der Woche.

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