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Auch im Schnee gut zu erkennen: Stadtrat Nils Kraft (links) und Reinhard Ebert, Bereichsleiter Umwelt- und Naturschutz, vor einer Eiche, die auf einer sich selbst überlassenen Fläche ganz natürlich in die Breite wachsen darf.

Biodiversität und Nachhaltigkeit

So setzt sich Rüsselsheim für den Umweltschutz ein

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Wie sich die Stadt für den Umweltschutz einsetzt, ist nicht auf den ersten Blick erkennbar. Dabei gibt es mehrere Projekte, die die Biodiversität und Nachhaltigkeit unterstützen. Ein Spaziergang.

Leise rauschend bewegen sich die Baumwipfel. Aus der Ferne klingt Kettensägengeheul herüber. Dass eine Baumfällung hier im Rüsselsheimer Markwald nahe der Startbahn West nicht automatisch etwas Schlechtes bedeutet oder zu kommerziellen Zwecken passiert, weiß Reinhard Ebert, Bereichsleiter Natur- und Umweltschutz.

„2005 gab es hier einen großen Sturm, der viel zerstörte“, erzählt er. „Normalerweise hätten wir nach dem Aufräumen 6000 bis 8000 neue Pflänzchen gesetzt.“ Stattdessen entscheidet man sich für einen Vorstoß: Nur 100 Eichen werden gepflanzt, sie bekommen mehr Platz zum Wachsen.

Jetzt, knapp 15 Jahre später, stehen hier viele Bäume mit ausladender Krone, gute sieben Meter hoch. „Alles dazwischen ist von selbst gekommen“, sagt Ebert.

Flächendeckend

„Das sind Baumarten, die hierher gehören.“ Und auch die Eiche sei der „ökologische Mutterbaum“, beherberge sie die größte Vielfalt. Bis auf die Tatsache, dass in ein paar Jahren der Einzelschutz entfernt wird, soll die Fläche sich selbst überlassen sein. „Das war der Beginn, mittlerweile machen wir das flächendeckend“, so Ebert.

In einem benachbarten Gebiet sei ein 200-jähriger Eichenbestand aus der Nutzung genommen worden, die Fläche wurde für das Neubaugebiet Blauer See in Königstädten in Ökopunkten angerechnet. Ein paar Meter weiter befindet sich ein Biotop, im Sommer ein Kleinod für Amphibien und Insekten. In den 1990er Jahren habe man das Biotop mit Naturschutz-Geldern errichtet. „Dort, wo das Grundwasser hochsteht, muss etwas geschaffen werden“, sagt Ebert. Rund 100 Stück davon gibt es im gesamten Gebiet.

Auch Stadtrat Nils Kraft (SPD) sieht das ähnlich. „Der Ertrag aus der Holzwirtschaft ist nicht mehr so gegeben“, sagt er. „Die Bewirtschaftungskosten sind immer höher.“ Der eigentliche Gewinn sei daher der ökologische Nutzen.

Dass diese Art von Nachhaltigkeitsarbeit fruchtet, wird regelmäßig durch Monitoring überprüft – mit Erfolg: Das Moorglöckchen, „eine ganz besondere Pflanze“, ist hier zu finden, in umgefallenen und extra liegengelassenen Birken haben sich die Käferarten Heldbock und Eremit angesiedelt. Für das Moorglöckchen seien sogar eigenes Barrieren aufgebaut worden, die es schützen sollen.

Rund 100 000 Euro investiert die Stadt jährlich in die Biodiversitäts-Projekte im Wald, dazu kommen weitere 15 000 Euro für Naturschutzmaßnahmen anderswo, beispielsweise an den Mainwiesen und den Naturschutzgebieten.

Luft nach oben

Dass da nach oben immer noch Luft ist, findet Dieter Baumgardt, Vorsitzender des Nabu Rüsselsheim. Er sieht den Naturschutz im Vergleich zur Kultur im Hinblick auf Subventionen benachteiligt.

Dabei sei Kultur die Kür, die Natur aber quasi „Grundnahrungsmittel“. „Überschüsse kann man nur einmal ausgeben“, sagt er und wundert sich, warum die Nabu-Gruppen in Rüsselsheim und Trebur immer noch Pacht zahlen müssen, um städtische Landwirtschaftsflächen ökologisch zu nutzen.

„Bei politischen Entscheidungen sind manche Lobbygruppen oft stärker und lauter“, erklärt Nils Kraft. Durch den Wegfall der Polarisierung um das Thema, wie es noch vor 20 Jahren der Fall gewesen sei, erhalte Naturschutz tendenziell weniger Aufmerksamkeit. Man könne mit Sicherheit mehr tun, aber in den vergangenen Jahren sei schon viel geschehen in Sachen Naturschutz.

„Mit dem Nabu arbeiten wir eng und gut zusammen“, betont dann auch Ebert. „Wir nehmen sie immer mit und unterstützen, wo es geht.“ Dass im Wald für die Nabu-Aktiven keine Flächenpacht anfällt, sei selbstverständlich, außerdem finde dann dort auch Monitoring statt: eine Win-Win-Situation. „Landwirtschaft und Forstwirtschaft sind zwei Welten“, erklärt Ebert die Diskrepanz zwischen den beiden Pacht-Situationen. „Auf dem Land gibt es intensivere Bewirtschaftung, die Landwirte leben davon.“

Und generell sei eine kostenpflichtige Pacht mit einem langjährigen Vertrag für den Nabu ja auch eine Sicherheit, dass sich eine Investition über Jahre lohnt. Auch in Zukunft sollen alle Projekte weiterlaufen. „Wir nutzen Störereignisse wie Stürme, um weiter Flächen ökologisch zu nutzen“, so Ebert. „Das ist naturgemäß, biologisch und auch finanziell sinnvoll“, fügt er hinzu.

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