Nicole Gannon rettet aussortierte Lebensmittel vor der Mülltonne

Zu schade zum Wegschmeißen

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Riesige Mengen von Lebensmitteln landen in Deutschland jedes Jahr im Müll. Und das, obwohl sie eigentlich noch genießbar sind. Eine Mitarbeiterin der Volkshochschule rettet die Lebensmittel in ihrer Freizeit vor der Tonne und verteilt sie kostenlos. Foodsharing heißt der Trend, der in Rüsselsheim noch in den Kinderschuhen steckt.

Die Auswahl war schon vielfältiger. Nicole Gannon ist trotzdem guter Dinge. In ihrem Kofferraum hat sie immerhin drei große Säcke mit Brötchen, sechs Kisten eingelegte Vorspeisen und eine Steige Joghurt. Seit anderthalb Jahren rettet die Mitarbeiterin der Rüsselsheimer Volkshochschule Lebensmittel. Denn viel zu viel wird ihrer Meinung nach weggeschmissen.

Tatsächlich kommt jeder Deutsche laut einer Studie der Universität Stuttgart allein zu Hause auf knapp 82 Kilogramm pro Jahr. Insgesamt landen demnach jährlich sogar fast elf Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll. Bei ihnen ist vielleicht das Haltbarkeitsdatum seit ein paar Tagen abgelaufen, oder sie haben einen äußerlichen Makel. Eigentlich sind sie aber wohlgemerkt genießbar.

Um dagegenzuhalten, verteilt Gannon an diesem Tag auf dem Parkplatz vor der Volkshochschule Lebensmittel aus ihrem Auto heraus. Am Abend zuvor holte sie Joghurt und Co. bei einem Supermarkt ab. Dafür musste sie sich eigens auf der Online-Plattform Foodsharing.de registrieren und einweisen lassen.

Das mit dem Abholen ist heikel. Und zwar aus einem einfachen Grund. Was sie Gannon geben, sollen die Händler eigentlich wegschmeißen. Das kommt für die junge Frau nicht infrage. „Es geht einfach gegen meine Wertvorstellungen“, sagt sie. Drei bis vier Stunden pro Woche investiert sie in ihr Engagement. In einer Facebook-Gruppe informiert sie darüber, wann und wo die Lebensmittel abgeholt werden können. Woher genau sie diese bezieht, darf sie nicht verraten. Supermärkte und Bäcker wollen als Spender anonym bleiben. Gannon zufolge sind die Mitarbeiter, mit denen sie in Kontrakt ist, aber großzügiger geworden. „Früher gab es nur ein bisschen Obst und Gemüse. Mittlerweile bekomme ich alles mögliche, sogar Zahnpasta oder Topfpflanzen“, erzählt sie. Einzig leicht Verderbliches wie Mett oder Tiramisu ist tabu.

Abgesehen von diesen Ausnahmen findet sich eigentlich für fast alles ein Abnehmer. Denn in einer Gesellschaft, in der Sozialleistungen immer weiter gekürzt werden, gilt: Was nichts kostet, ist begehrt. Gerade bei Menschen mit geringem Einkommen, die auf solche Angebote angewiesen sind.

Eine von ihnen ist Sylvia Gassauer. Sie hat kein Problem damit, wenn ein Stück Obst mal eine Delle hat. „Innen ist es meistens doch noch perfekt“, gibt sie zu bedenken. Das Angebot von Nicole Gannon nutzt sie, weil sie selbst „nicht so viel Geld“ hat. Und überhaupt: „Bevor sie es wegschmeißen, warum nicht?“ Ihre Schwiegertochter in spe machte Gassauer auf das Thema Foodsharing aufmerksam. Mittlerweile hat Gassauer selbst bereits etwas an andere weiter gegeben. „Ich hatte zu viele Karotten. Das habe ich in der Facebook-Gruppe mitgeteilt und bald hat sich eine Frau gemeldet. Die freute sich über die Möhren für ihre Kinder“, berichtet sie. Bislang war das aber ein Einzelfall, räumt Gassauer ein.

So ist Nicole Gannon eine der wenigen, die in Rüsselsheim regelmäßig Lebensmittel verteilen. In ihrem Wohnort Mainz sieht das anders aus. „Das ist eben eine Studentenstadt. Viele junge Menschen haben dort eine große soziale Ader“, erzählt Gannon. Das Foodsharing habe sich dort schnell verbreitet. Mittlerweile gebe es eine große Gemeinschaft. „Das fehlt in Rüsselsheim noch“, kritisiert sie und hofft, dass sich das ändert.

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