Die BdV-Musik- und Gesangsgruppe darf an diesem Abend nicht fehlen.
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Die BdV-Musik- und Gesangsgruppe darf an diesem Abend nicht fehlen.

BdV-Kreisverband im Stadtmuseum

Schicksale, die sich eingebrannt haben

Der BdV-Kreisverband erinnerte im Stadtmuseum an 70 Jahre Flucht und Vertreibung und ließ auch so manche ganz persönliche Erinnerung aufkommen.

Sie waren noch Kinder, als sie im Jahre 1946 im Kreis Groß-Gerau ankamen. Und doch: „Ich kann mich ich an alles erinnern, als wäre es gestern gewesen“, sagte Anna Löffler. Am Donnerstagabend berichtete sie im Stadtmuseum vor rund 100 Zuhörern über schreckliche Erlebnisse – von Vertreibung, Flucht und schließlich der Aufnahme im Kreis. Diese Ereignisse aus den Kriegsjahren haben sich tief in ihre Seele eingebrannt, sie trug sie als schwere Hypothek über 70 Jahre durch das Leben, bevor sie nun in bewegenden Worten davon berichtete.

So wie Anna Löffler erging es vielen Mitgliedern des BdV, die am Donnerstag in das Stadtmuseum gekommen waren, um an 70 Jahre Vertreibung zu erinnern. Vertriebene berichteten voller Inbrunst aus ihrer früheren Heimat, vom Hass, der den Deutschen entgegenschlug, von Erniedrigung, körperlicher Gewalt, vom Transport voller Entbehrungen in Viehwaggons, von der Ankunft im „Westen“, aber auch von der Aufnahme bei den Alteingesessenen, hier mit überwiegend guten Erfahrungen.

Gleichzeitig aber belege dieser Massen-Exodus, der aus den ehemaligen Ostgebieten auf den freien Westen traf, eine gelungene Integration, wie in der Diskussion deutlich wurde. 12,5 Millionen Deutsche teilten das Schicksal von Flucht und Vertreibung, man schätzt, dass zwei Millionen Menschen die Strapazen nicht überlebt haben. Im zerschlagenen, zerbombten Restdeutschland mussten die Flüchtlinge und Vertriebenen aufgenommen werden – eine Leistung, die das Flüchtlingsproblem unserer Zeit in einem anderen Licht erscheinen lässt.

 

Es war ein zumeist älteres Publikum, dass sich im Stadtmuseum versammelt hatte, unter ihnen auch der 93-jährige Georg Sturmwoski sowie der ehemalige Landrat des Kreises Willi Blodt (86). Blodt erhielt für das Fazit seiner Ausführungen langen Beifall: „Eingedenk der Erfahrungen, die wir sammeln mussten, kann es für die heutigen schrecklichen Ereignisse nur eine Konsequenz geben, nämlich die Herzen zu öffnen, um den Menschen zu helfen, die jetzt Ähnliches durchleben. Jeder Mensch hat das Recht, in Frieden und Freiheit zu leben.“

Durch das Programm führten die drei gleichberechtigten Vorsitzenden des BdV-Kreisverbandes Hans-Josef Becker, Helmut Brandl und Erich Fech. Aus ihrer Dokumentation „Heimatvertriebene im Kreis Groß-Gerau“ berichtete Ortrud Becker. Museumsleiter Jürgen Volkmann führte aus, dass die Ereignisse der unmittelbaren Nachkriegsjahre jede Ortschaft geprägt haben. Auch seine Familie teile das Schicksal – er beispielsweise sei in einem „Backhaus“ zur Welt gekommen, in das seine Familie in Norddeutschland einquartiert worden war.

Es folgten die teils sehr bewegenden Schilderungen persönlicher Schicksale von Anna Löffler und Maria Winterling, die mit ihren Eltern aus dem Sudetenland vertrieben worden sind. Eduard Sprink sprach über die Deportierungen von Russland-Deutschen, Helmuth Petendra über die Rückkehr der Donauschwaben aus dem ehemaligen Banat, heute Rumänien, und Hildegard Rentz las aus ihrem Buch vor, das sie über die Vertreibung aus dem Gebiet Weichsel / Warthe geschrieben hat.

Alle Schicksale ähnelten sich in ihrer unmenschlichen und entbehrungsreichen Konsequenz, die man nicht mehr vergessen kann. Dass aber auch die Menschen, die das Glück hatten, im Westteil Deutschlands zu leben, ihr Päckchen tragen mussten, geht aus folgender Feststellung des Darmstädter Oberregierungsrates Elsässer, der für das Flüchtlingswesen in jener Zeit zuständig war, hervor: „Die Not ist groß, größer muss unsere Liebe sein. Das Hessische Hilfswerk, das Rote Kreuz, die Caritas, die Innere Mission, die Arbeiterwohlfahrt, alles wird aufgerufen zu höchster Hilfsbereitschaft.“ So war dies damals. Und heute?

Bleibt letztlich noch zu erwähnen, dass die BdV-Musik- und Gesangsgruppe aus Biebesheim / Dornheim und das „KO-KO-Schrammelduo“ aus Nauheim, das an diesem Abend aber aus nur zwei Interpreten bestand, für den stimmungsvollen Rahmen dieses Abends sorgten.

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