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Gesetzestexte gehören zu Anna Kollmanns Handwerkszeug als Schiedsfrau, ebenso wie Geduld und Aufmerksamkeit.

Besuch im Rathaus

So ist es Schiedsfrau in Raunheim zu sein: Die Gartenzaun-Dramen

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Oft sind es Kleinigkeiten, die einen Streit unter Nachbarn oder Bekannten zu jahrelangen Vorstadt-Fehden eskalieren lassen. Dafür, dass es möglichst nicht soweit kommt, sorgt Anna Kollmann. Sie ist Schiedsfrau in Raunheim.

Mit blau-gelben Gesetzesausgaben hat Anna Kollmann den Schreibtisch eines sogenannten Multifunktionsbüros im Rathaus dekoriert, so dass der nüchterne Raum etwas Farbe bekommt. „Hier finden die Vorgespräche statt“, erläutert sie, für die eigentlichen Verhandlungen gibt es ein Besprechungszimmer. Auch sonst kommt sie schnell zur Sache und erklärt erst einmal das Verfahren: Sie ist bei Streitigkeiten, aber auch bei strafrechtlichen Delikten wie Beleidigungen oder Übler Nachrede die erste Anlaufstelle. „Oft sagt die Polizei bei einer Anzeige ’das Vergehen ist zu klein“ und schicken die Leute zu mir“, berichtet sie.

Anders sieht es bei Nachbarschaftsstreits aus. Paradebeispiel ist die zu hohe, zu breite oder zu ungepflegte Hecke. Ruhestörungen durch Feiern oder notorisch bellende Hunde sind ebenfalls häufige Anlässe. „Da gehen die Leute oft erst zum Rechtsanwalt, der rät schon mal zum Schiedsamt, um einen Vergleich zu bekommen“. Erst wenn der Vergleich nicht zustande kommt, stellt das Schiedsamt die sogenannte Erfolglosigkeitsbescheinigung aus. Nächste Station ist die Klage.

Umgekehrt nimmt das Amtsgericht Klagen oft nicht an, wenn es vorher keinen solchen „Sühneversuch“ beim Schiedsamt gab. Oft wird auch eine Klage eingereicht und vom Amtsgericht erst einmal ans Schiedsamt verwiesen.

Häufiger jedoch, so Kollmann, hat einer der streitenden Nachbarn einen Antrag formuliert, dann wird ein Verhandlungstermin festgelegt und Kollmann lädt beide Parteien zur Schlichtung ein. Wer nicht kommt, zahlt ein Ordnungsgeld.

Wenn es in der Verhandlung zur Sache geht, ist Fingerspitzengefühl gefragt. „Ich erläutere die Regeln: Kein Anschreien, keine Beleidigungen“, stellt Kollmann klar. Ganz ohne Emotionen geht es nicht: „Ich habe gelernt, auch mal ein Streitgespräch zuzulassen. Wenn man alle Emotionen unterdrückt, sind sie am Gartenzaun irgendwann wieder da“. Ihr Handwerkszeug bilden ansonsten Techniken aus der Mediation. Wer gerade spricht, hat die Aufmerksamkeit, beide haben gleiches Rederecht, und wenn Kollmann die Aussagen der Streitenden spiegelt, vergewissert sie sich, dass sie ihre Gesprächspartner verstanden hat.

Gegenseitiges Verständnis zu wecken, ist ein weiteres Anliegen. Manchmal helfen Fotos oder Filme, die Streitende von der Situation gemacht haben. Urteile sprechen darf sie nicht: „Ich versuche, die Leute gemeinsam eine Lösung finden zu lassen. Wenn ich etwas diktiere, wird es oft nicht angenommen“, ist ihre Erfahrung.

Ihr dramatischster Fall war ein monatelang eskalierter Streit wegen Ruhestörung: „Da sind Nachbarn in einem Mietshaus schon aufeinander losgegangen. Ich habe es hinbekommen, dass sie sich seitdem nicht unbedingt lieben, aber wenigstens in Ruhe lassen“, resümiert sie. Der Preis war eine fünfstündige Verhandlung.

Das andere Extrem – der kürzeste – dauerte fünf Minuten. „Plötzlich sagte die Frau des Antragsgegners „warum habt ihr nicht mit uns gesprochen – dann schneiden wir die Hecke eben“. Manchmal beschlossen streitende Nachbarn auch, die Hecke gemeinsam zu entfernen und durch einen pflegeleichteren Zaun zu ersetzen. „Ein Erfolg ist es immer, wenn ich die Leute dazu bringe, erst einmal wieder miteinander zu reden“, weiß sie.

Streitende, die es auf eine Klage abgesehen haben und schon mit ihrem Anwalt in die Verhandlung kommen, weil sie die Erfolglosigkeitsbescheinigung brauchen, sind das andere Extrem. „Meistens, in 80 Prozent der Fälle, konnte ich helfen“ Vereinbarungen binden beide Parteien für 30 Jahre.

Hecken, Gartenzäune – haben Menschen in einer Einfamlienhausgegend keine dringenderen Probleme? Was ist in Mietshäusern, in denen die Bewohner viel enger beieinander leben und sich viel weniger aus dem Weg gehen können?

„In Mietshäusern regelt so etwas oft der Vermieter oder der Obmann der Wohnungsbaugesellschaft“, weiß Anna Kollmann.

Egal ob eine Verhandlung fünf Stunden oder fünf Minuten dauert – Kollmann löst alles ehrenamtlich. Seit 2008 hat sie das Ehrenamt inne, zuständig für ihre Wahl war die Stadtverordnetenversammlung. 2013 wurde sie erneut gewählt. „Ich habe mich selbst beworben“, sagt die Bauingenieurin. Das Ehrenamt ist das Kontrastprogramm zur Berufstätigkeit, in der sie eher mit Baurecht als mit Menschen zu tun hat. Die nötigen Schulungen vermittelten ihr Seminare des Bundes deutscher Schiedsleute, finanziert von der Stadt. In einer Stadt mit hohem Migrantenanteil schlägt sich das auch bei ihren Besucher nieder. „Migranten kommen seltener, aber nehmen es auch an“, weiß sie. Bei Bedarf bringen Besucher mit mangelnden Deutschkenntnissen Freunde oder Familienmitglieder zum Übersetzen mit. Wird ein Dolmetscher engagiert, muss er bezahlt werden. Die Probleme sind allerdings die gleichen: Auch bei Fällen, denen Bürger mit Migrationshintergrund beteiligt waren, ging es um – eine Hecke.

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