Ortstermin: Mitglieder der SPD versammeln sich vor dem Theater. Sie wollen wissen: Wie ist es um das Rüsselsheimer Gastspielhaus bestellt? FOTOs: Dorothea Ittmann
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Ortstermin: Mitglieder der SPD versammeln sich vor dem Theater. Sie wollen wissen: Wie ist es um das Rüsselsheimer Gastspielhaus bestellt?

Schimmel und drohender Systemabsturz: Die vielen Baustellen im Theater

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Das Ticketsystem ist enorm veraltet, die Wasserschäden sind noch sichtbar. Immerhin gibt es jetzt einen Glasfaseranschluss. Bei einem Rundgang durch das Rüsselsheimer Theater hinter die Kulissen wird vieles sichtbar.

Rüsselsheim -In diesem Jahr wird das Stadttheater Rüsselsheim 52 Jahre alt. 2019 feierte die Stadt das goldene 50. Jubiläum im frisch renoviertem Foyer - neues Farbkonzept, neuer Teppichboden. Während das Haus nach außen strahlte, rumorte es im Inneren. Bei der jährlichen Legionellenprüfung stellten Mitarbeiter des Gesundheitsamtes Anfang Juni 2020 diverse Wasserschäden im Westflügel fest.

"Sie sehen an den Wänden mit blauem Plastik verklebte Stellen, wir nennen sie ,kleine Pflaster'. Dort hat es einen Wasserschaden gegeben", sagt Milena Wolf. Sie ist seit 2016 für den Bereich Junges Theater, Kooperationen und Projekte am Theater Rüsselsheim zuständig. An dem Tag führt sie eine Gruppe des SPD-Ortsvereins Rüsselsheim durch die Räumlichkeiten, die sich bei dem Termin über den Zustand des Theaters informiert. Bei "kleinen Pflastern" ist es aber nicht geblieben. "Hier war nicht die Spurensicherung am Werk", scherzt Wolf ob der schwierigen Situation, als sie auf die beiden mit Plastikfolie luftdicht verschlossenen Garderobeneingänge zeigt.

Löcher in den Bleirohren

"Die Bleiverrohrung in den Duschen hatten größere Löcher", geht ihr Kollege Michael Veith, Leiter für interne Dienste und Controlling bei Kultur 123, näher auf die Schäden ein. "Wir haben die Abdichtung unter dem Estrich entfernt, um ihn zu trocknen." Das auslaufende Wasser habe zwei weitere Garderoben mit Sanitäranlagen, die Maske, den Pförtnerraum und Flurbereiche beschädigt. Die Feuchtigkeit war in Decken, Wänden und Böden festgestellt worden. Zum Teil habe sich in den Dämmschichten Schimmel gebildet.

Zurzeit verhandle man mit der Versicherung, sagt Veith. Wahrscheinlich werde diese nicht die volle Schadenssumme in Höhe der geschätzten 1,8 Millionen Euro übernehmen, weil es sich bei den Schäden um Altschäden, sprich normalen Verschleiß, handle.

Daraufhin hatte die Stadt Fördergeld aus einem Bundesprogramm für die Sanierung kommunaler Einrichtungen beantragt. Seit März ist bekannt, dass sich der Bund mit 800 000 Euro an der Sanierung des Rüsselsheimer Stadttheaters beteiligt. Damit sei leider nicht die erhoffte 90-prozentige Förderung, sondern nur eine 50-prozentige erreicht worden, so Veith.

Hinzu komme, dass der Betrag nicht sofort zur Verfügung gestellt werde. Die Auszahlung des Fördergeldes könnte sich bis Herbst 2022 verzögern, befürchtet der Leiter für interne Dienste und Controlling. Die Sanierung müsse aber möglichst bald angegangen werden. Der Restbetrag muss noch in den Haushalt 2022 eingestellt werden, findet die SPD. Und nicht nur für die Sanierung des in die Jahre gekommenen Theaters.

Das Ticketsystem sowohl im Gastspielhaus als auch das Verleihsystem in der Stadtbücherei und das Buchungssystem der Volkshochschule sind hoffnungslos veraltet. "Mir graut es schon vor dem Tag, an dem das ganze System abstürzt. Dann müssen wir zumachen", sagt Stadtbüchereileiterin Stefanie Anderson. Normalerweise würden Büchereisysteme alle fünf Jahre erneuert, das Rüsselsheimer System stamme aus dem Jahr 1997. "An einem Tag hatte ich zwölf Systemabstürze", pflichtet ihr Milena Wolf bei. Das Ergebnis von drei intensiven Arbeitsstunden sei somit von einer Sekunden auf die nächste unwiederbringlich gelöscht worden, ist sie frustriert.

Große Schritte bei Digitalisierung

Dabei gehe es in Sachen Digitalisierung im Theater mit großen Schritten voran. Die Elektronik wurde erneuert, Equipment für Video-Streaming angeschafft. Damit seien auch schon erste Produktionen online gegangen. "Endlich haben wir einen Glasfaseranschluss", ist die Theater-Mitarbeiterin erfreut. Parallel dazu habe das Team die erste Social-Media-Kampagne gestartet. "Wer nicht kommuniziert, ist tot", kommentiert Karin Mairitsch, Betriebsleiterin von Kultur 123, pragmatisch. Die Website müsse erneuert und die Unternehmenskommunikation professionalisiert werden. "Bald wird unsere Homepage mit Google nicht mehr auffindbar sein", prognostiziert Mairitsch, sollte der Digitalisierungsschub der vergangenen Jahre im Kulturbereich ungenutzt bleiben.

Womit die Kulturschaffenden und Besucher der SPD beim Thema Wertschätzung angelangt sind. Die kulturellen Angebote, worunter auch die Stadtbücherei und die Volkshochschule zählen, vermittelten wichtige Kompetenzen, die in einer vom Wirtschaftlichkeitsgedanken geprägten Gesellschaft leicht übersehen würden.

"Kultur fördert Kreativität, und davon werden wir in Zukunft sehr viele brauchen", sagt die Betriebsleiterin. Fraktionschef Murat Karakaya und Parteikollegin Renate Meixner-Römer stimmen ihr zu. "Bei Kultur darf man nicht auf jeden Cent schauen. Wie wertvoll kulturelle Angebote sind, hat uns ja erst die Corona-Pandemie gezeigt", betont Karakaya.

Die Unterfinanzierung des kulturellen Bereichs mache sich auch an den wenigen Personalstellen bemerkbar. Wie man mit drei Vollzeitkräften ein Theaterhaus mit 130 Veranstaltungen im Jahr betreiben kann, ist Milena Wolf ein Rätsel, "aber es funktioniert erstaunlicherweise". Das liege auch daran, dass das Team eng zusammenarbeite.

Deshalb sprudelten die Ideen: Das Theater-Foyer soll an drei oder vier Terminen von November an zu einer "Elektro-Lounge" werden - sofern die Corona-Lage dies zulässt. Ein DJ werde für die Gäste auflegen, ähnlich wie die "Russendisko" mit DJ Kaminer beim Hessentag in Rüsselsheim, beschreibt Wolf das geplante Tanzevent im Foyer.

Dorothea Ittmann

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