Die Ausstellung ist in den Opelvillen Rüsselsheim.
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Die Ausstellung ist in den Opelvillen Rüsselsheim.

Ausstellung namens „Aurelia“

Schlichter Raum, große Wirkung

Reduzierte Form, anspruchslose Materialien, unerwartete Sichtweisen: Julia Carolin Kothe (26), Kunststudentin aus Mainz, nutzt das Labor der Opelvillen, um an Installationen zu arbeiten: „Aurelia“ heißt ihr neues Projekt.

„Ich nutze Dinge, die man kennt, und stelle sie in unerwartete Zusammenhänge und eröffne andere Sichtweisen“, versucht Julia Carolin Kothe in Worte zu fassen, was ihre ebenso schlichten wie rätselhaften Installationen prägt.

Die Kunststudentin aus Mainz ist bis Frühjahr 2018 Gast im Labor, dem Atelier der Opelvillen, das treppab seitlich des Hauptportals liegt. Im November kommt die Künstlerin Aneta Kajzer dazu, die derzeit dank eines Malereistipendiums am Künstlerhaus Bethanien in Berlin arbeitet.

„Künstlerinnen sind im Kunstbetrieb bis heute neben männlichen Kollegen unterrepräsentiert. Wichtig ist es mir, die Solidarität unter kunstschaffenden Frauen zu stärken“, sagt Julia Carolin Kothe. Beim Pressebesuch im Labor vor ihrer ersten Installation für die Öffentlichkeit am Sonntag, 15. Oktober, die Objekt und Klang verbinden wird, wirkt der getünchte Kellerraum mit dem teils bröckelnden Putz, den Rohren unter der Decke und dem Fliesenboden karg.

Nicht aber aus Künstlerinnensicht: „Jeder Raum verändert die Wirkung einer Installation. Ich arbeite mit dem Raum, beziehe ihn ein, finde diesen Raum hier sehr spannend.“

Um eine Kostprobe ihres Schaffens zu geben, hat die Kunststudentin mit Schwerpunkt Bildhauerei („Die Skulptur schien mir schnell viel interessanter als das Bild“) eine dreiteilige Installation aus Metall, Schaumstoff, Lackfarbe und Folie mitgebracht.

„Wenn du hier liegst“ heißt die Arbeit von 2016, die zunächst nichts als eine schmale, durchsichtige Folie sowie ein Metallgestell mit Nackenrolle vorstellt. In angenommener Schritthöhe des imaginiert Liegenden breitet sich ein blassrosa Lackfleck aus, scheint auszuufern, lautlos zu wachsen. Unbehaglich wirkt dieses Bett, das doch keines ist. „Die Vielfalt der Assoziationen, die sich bei Betrachtern einstellt, ist gewollt. Die Installation, unbewohnt oder doch verlassen, spricht zum Betrachter“, sagt Kothe.

Julia Carolin Kothe will mit ihren Arbeiten Risse in der Wirklichkeit auftun, will hinter die Dinge blicken lassen, will in Installationen mit „unliebsamen Stellen“ das genormte Sehen hinterfragen. Elemente aus dem Alltag treten in eine fantastische Dimension. „Mich interessieren unscheinbare Sachen, kleine Gesten, die genaue Beobachtung“, sagt Kothe.

Der Prozess des Durchdenkens sei intensiv, gehe der Formfindung meist voraus, hat philosophischen Charakter. Eine Videoarbeit etwa zeigt minutiös das Anbringen eines Schmucks am Ohr: Gebogener Draht wird durch das Loch im Ohrläppchen geführt. Zärtliche Brutalität? „Jeder stellt sich andere Fragen, hat teil an einem intimen Moment. Ohrringe werden ja gewöhnlich durchs Ohr gezogen, wenn jemand allein ist“, sagt Kothe.

Am Sonntag will sie ihr Publikum mit der Installation des ersten Teils einer neuen Serie namens „Aurelia“ überraschen. Es gehe dabei um Wahrnehmungszustände zwischen Schlafen und Wachen, die den Blick auf Dinge verändern. „Der Prosatext ’Aurelia’ von Gérard de Nerval, eine Gratwanderung zwischen Traum und Wirklichkeit, drückt das perfekt aus. Ich installiere die Abwesenheit einer Frau, also ihre Anwesenheit in der Abwesenheit durch Atmosphäre.“

Dazu gehöre auch Klang. Die Musikerin Jenne („Soma Soma“) werde dabei sein, erzählt sie. Und ergänzt: „Es geht um die Frage, was geschieht in einem Raum, den der Mensch verlassen hat? Der Raum erzählt von ihm – doch wir sind abwesend.“ Dies erinnert an den Triumph der kindlichen Fantasie, die Spielzeug lebendig werden lässt. Kothe sagt: „Man belächelt Kinder. Dabei steckt so viel Potenzial in ihnen. Stundenlang konnte ich als Kind Glasmurmeln betrachten und mich nie genug über die Spiralmuster im Inneren freuen und wundern.“

2015 haben Kothe und Aneta Kajzer den Kunstverein Ruelle gegründet, den sie mit Leonie Licht und Eleni Wittbrodt leiten. Im Labor der Opelvillen planen Kothe und Kajzer bis Frühjahr 2018 interdisziplinäre Ausstellungen. Am Sonntag lädt Kothe ab 16.30 Uhr zur Installation „Aurelia“ ein, die Objekte und Sound verbindet.

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