Rüsselsheim soll für Radler attraktiver werden. Das Radverkehrskonzept zeigt auf, wo die Reise hingeht. Foto: dpa
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Rüsselsheim soll für Radler attraktiver werden. Das Radverkehrskonzept zeigt auf, wo die Reise hingeht.

Mobilität und Verkehr

Schnellerer Ausbau mit Pop-up-Radwegen?

  • Dorothea Ittmann
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Die Deutsche Umwelthilfe wirbt mit einer Initiative für schnell zu errichtende Radwege. Die Stadt sieht darin aber keine Vorteile und verweist lieber auf das eigene Radverkehrskonzept.

Rüsselsheim - Der Anteil des Radverkehrs am städtischen Gesamtverkehr soll erhöht werden. Um dieses Ziel zu erreichen, hat die Stadt Rüsselsheim 1996 ein Radverkehrskonzept erstellen lassen, das regelmäßig fortgeschrieben wird. Mit dem Ausbau des Radverkehrsnetzes soll die Attraktivität für Fahrradfahrer auf Alltags- und Freizeitwegen in Rüsselsheim steigen, heißt es in einer Beschlussvorlage.

Die Bestandsanalyse zeigt, dass noch einige Projekte in Angriff genommen werden müssen. 303 Mängel haben Gutachter im Routennetz identifiziert, die im Laufe der nächsten zehn Jahre behoben werden sollen. Dabei handelt es sich zum Teil um kleinere Maßnahmen wie die Beschilderung und Markierung von Radwegen, aber auch größere Projekte, zu denen beispielsweise die Errichtung einer Furt für den Radverkehr entlang der Adam-Opel-Straße in Königstädten für rund 150 000 Euro gehört.

Für die Behebung der Mängel veranschlagt die Stadt Kosten von insgesamt rund 12,5 Millionen Euro. Größere bauliche Maßnahmen müssen gesondert von der Stadtverordnetenversammlung beschlossen werden. Die Kosten trägt die Stadt allerdings nicht alleine. Es gilt verschiedene Fördertöpfe von Land und Bund anzuzapfen; Grundlage hierfür ist eben dieses Radverkehrskonzept.

In der Stadtverordnetenversammlung an diesem Donnerstagabend in der Großsporthalle werden die Parlamentarier über das Radverkehrskonzept als Grundlage für die weitere Entwicklung des Radverkehrs in Rüsselsheim abstimmen. Eine Empfehlung seitens des Bauausschusses war vergangene Woche nicht ausgesprochen worden. Das Papier wird von den Ausschussmitgliedern jedoch durchweg positiv bewertet. Am Dienstagabend hatte der Magistrat zu einer digitalen Informationsveranstaltung eingeladen, damit sich die Abgeordneten noch vor der Beschlussfassung am Donnerstag im Detail über das Konzept informieren können. Damit scheint das Radverkehrskonzept in trockenen Tüchern.

Umwelthilfe: Ausbau beschleunigen

Die Deutsche Umwelthilfe macht den Kommunen ein anderes Angebot, das den Ausbau der Infrastruktur noch beschleunigen soll: so genannte Pop-up-Radwege. Damit sind vorerst provisorisch markierte Radwege gemeint, die innerhalb kürzester Zeit errichtet werden können. "Was erst in fünf oder zehn Jahren umgesetzt wird, kommt zu spät, um das Ruder noch rumreißen zu können", argumentiert der Verein.

Pop-up-Radwege seien aufgrund beschleunigter Planungsverfahren schneller umsetzbar. Beispielsweise müsse die Kommune vor dem Bau keine qualifizierte Gefahr für die Sicherheit der Verkehrsteilnehmer nachweisen; es reiche, die Gefährlichkeit der bisherigen Verkehrssituation darzulegen. Ansonsten folge die rechtliche Anordnung von Pop-up-Radwegen den gleichen Regeln wie die Anordnung sonstiger Radfahrstreifen, schreibt die Umwelthilfe. In ganz Deutschland hat sie Kommunen angeschrieben, auch Rüsselsheim. Manche äußerten ihre Bedenken, so auch die Stadt Rüsselsheim.

Für Rüsselsheim seien Pop-up-Radwege nur bedingt geeignet, findet die Stadt. Sie kämen vor allem in Großstädten mit innerstädtischen mehrspurigen Straßen zum Einsatz. Das Rüsselsheimer Radverkehrsnetz, das mit dem Radverkehrskonzept neu definiert wurde, liege mit seinen Vorrangrouten jedoch weitestgehend auf Straßen innerhalb von Tempo-30-Zonen. Hier sei der motorisierte Verkehr geringer, und alleine dadurch werde das Radfahren schon attraktiver. In diesen verkehrsberuhigten Bereichen reiche es schon aus, Fahrradstraßen oder -zonen einzurichten, damit der Radverkehr auf diesen Routen Vorrang hat. Dies sei mit einem vergleichsweise geringeren Aufwand möglich als größere Baumaßnahmen, auf die das Konzept der Deutschen Umwelthilfe abziele.

Lücken im Netz schließen

Natürlich verlaufen auch in Rüsselsheim Radrouten entlang von Hauptstraßen, die mit Schildern, Markierungen oder Ampelanlagen versehen sind. "Diese sind jedoch für die derzeitigen Radverkehrsmengen ausreichend", schreibt die Stadt. Wichtiger als breitere Radverkehrsanlagen sei, dass das Netz lückenlos ist und durchgehend sicher und komfortabel befahren werden kann.

Pop-up-Radwege seien in der Regel temporär und könnten nur auf bestimmten Abschnitten realisiert werden. "Ein einzelner Pop-up-Radweg hilft dann nicht viel, wenn dieser vom Netz getrennt ist", begründet die Stadt. Die Übergänge zum Rest des Radwegenetzes müssten ebenfalls geschaffen werden, was möglicherweise arbeitsintensiver sei als die ursprüngliche Planung.

Auch bei verkürzten Planungsprozessen, wie sie bei den Pop-up-Radwegen angewendet werden, müssten die Belange anderer Verkehrsteilnehmer ausreichend berücksichtigt werden, gibt die Stadt zu bedenken. Lange Zeit habe man Straßen und Wege vornehmlich für Autos und Lastwagen gebaut. "Im Umkehrschluss soll nun ebenso keine isolierte Radverkehrsförderung gefördert werden."

Es gelte folglich, die nachhaltige Mobilität in ihrer Gesamtheit zu betrachten. Dabei solle der Fokus auf dem Verbund aus Rad-, Fuß- und öffentlichem Personennahverkehr liegen. Voraussetzung für eine Verkehrswende sei es, dass die Flächen im öffentlichen Raum neu verteilt werden, die bisher zum Großteil dem Kfz-Verkehr zur Verfügung gestanden haben. Dorothea Ittmann

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